We are family

Alleinerziehende Mutter: "Es hat viele Vorteile Single Mom zu sein!"

Die Journalistin Caroline Rosales hat ein sehr persönliches, kluges Buch darüber geschrieben, wie es ist, alleinerziehend zu sein. Nämlich anstrengend – und manchmal auch viel leichter. 

von Tina Epking (Interview)

Sie erscheint passend zum Thema zu unserem Treffen in Berlin mit einem Kind auf dem Arm und leicht gehetzt. Die Journalistin Caroline Rosales hat sich mit 34 Jahren vom Vater ihrer Kinder getrennt, ist seitdem alleinerziehende Mutter – und außerdem  extrem genervt davon, dass das immer gleich nach Prekariat und Unglück klingt. Deswegen hat sie "Single Mom" geschrieben, ein sehr kurzweiliges, schlaues Buch, in dem sie erzählt, wie schwierig aber auch befreiend es ist, ihren Sohn und ihre Tochter alleine zu erziehen. 

Barbara.de: Du möchtest mit deinem Buch den Begriff "Single Mom" positiv belegen. Was ist das Beste daran alleinerziehend zu sein?

Caroline Rosales: Es hat wahnsinnig viele Vorteile alleinerziehend zu sein. Es ist viel leichter den Alltag zu organisieren, wenn keiner dazwischen funkt. Ich bin der Boss, ich mache die Gesetze, ich brauche mich mit niemandem abzustimmen. Ich muss ich mich nicht über Erziehung streiten, das macht vieles einfacher. Außerdem gibt es weniger Unordnung, weniger Wäsche, weniger Orga. Ich muss auch keine Ehe führen, eine Ehe zu führen ist ja Arbeit (sie lacht).

"Das Wort Familie ist für mich auch ein Stück weit ein unerreichtes Ideal"

Gab es trotzdem Momente, in denen du das Leben in der klassischen Familienkonstellation vermisst hast?

Natürlich. Ich habe vor allem die Idee sehr vermisst, eine Familie zu haben. Ich finde Liebe und Vertrautheit ja nach wie vor wichtig und schön. Das Wort "Familie" ist für mich auch ein Stück weit ein unerreichtes Ideal. Ich frage mich allerdings mittlerweile, ob das überhaupt das Ideal ist. Ich gestalte mein Leben als Alleinerziehende jetzt anders. In einer Partnerschaft lebt man gemütlicher und zurückgezogener. Ich bin aktiver in diesem Singlemutter-Zustand. Ich gehe mehr aus und nehme die Kinder mit, ich versuche gar nicht so viel allein zu sein. Einsam sein kann man auch in einer Beziehung.

Das Wort "alleinerziehend" klingt irgendwie doch immer radikal. Der Vater der Kinder erzieht in deinem Fall ja mit, er ist gerade mit einem der Kinder im Urlaub...

Das hier gerade ist eine Laborsituation, die totale Ausnahme. Ich bin alleinerziehend, sogar per Gesetz. Ich bin mit meinen Kindern alleine gemeldet, die sehen ihren Vater alle zwei Wochen am Wochenende, an den Tagen, an denen ich arbeite. Das ist null Freizeitentlastung für mich. Ich wohne mit ihnen alleine, ich organisiere unseren Alltag, alle Termine, die Schule, den Kindergarten, den Klavierunterricht. Wir sind zu dritt, es gibt keinen Vater, der da hilft. Ich rufe ihn auch nicht wegen Erziehungstipps an. Sie sind gerne bei ihrem Vater, sie freuen sich tierisch auf die Wochenenden mit ihm, aber es geht da vor allem um Fun. Er ist sehr beschäftigt, und das ist auch okay so.

"Ich hatte nach der Trennung krasse Existenzängste, aber ich war auch befreit"

Ist dir die Entscheidung dich zu trennen, schwer gefallen?

Ja, sehr. Ich war unglücklich in dem Zustand, in dem ich war. Ich war nur Zuhause, habe nicht gearbeitet und mich um die Kinder gekümmert. Mein Sohn war nicht in der Kita, weil ich es toll fand ihn bei mir zu haben. Aber ich war irgendwann so fertig, es war nichts mehr von mir übrig. Es war für mich ein Riesenschritt, wieder arbeiten zu gehen und dann habe ich gesehen, dass ich mich auch trennen muss. Ich hatte natürlich Angst, ich wusste ja gar nicht, was auf mich zukommt. Ich hatte nach der Trennung krasse Existenzängste, aber ich war auch befreit.

Inwiefern?

Das war ein Aufbruch, es war schlimm aber auch spannend. Wir sind viel zu Freunden gefahren, haben viel unternommen. Es gab einige Leute, die mich aufgefangen haben, es hat neue Energien in mir freigesetzt. Ich war immer nur Mutter, auf einmal war ich auch wieder Frau und Berufstätige. Ich habe mich auf einmal wieder in ganz anderen Kontexten wiedergefunden. Es gab natürlich viel Druck von allen Seiten, Ich habe alle Regeln gebrochen, man trennt sich nicht vom Vater der sehr kleinen Kinder.

Wie haben die Leute reagiert?

Bis heute reagieren sie entweder mit total übertriebener unangemessener Traurigkeit oder sie beäugen mich kritisch. Oft siegt aber auch die Neugier und die Leute sind interessiert. Mütter haben mich auf einmal eingeladen um mir Fragen zu stellen, wollten wissen, wie teuer das Ganze ist und wie ich das gemacht habe. Viele haben Angst davor den Absprung zu machen, die meisten versuchen an ihrem Ideal festzuhalten, auch wenn sie unglücklich sind. Es ist ein bisschen ein Verrat an der Truppe, weil ich es anders gemacht habe. Man hat sich zusammenzunehmen als Frau. Das gehört sich so.  

"In der Krise passierten Dinge, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte"

Du schreibst, dass es dich gestört hat, dass die Leute dich dafür loben, dass du das als alleinerziehende Mutter gut machst. Warum?

Weil auch positive Diskriminierung trotzdem Diskriminierung bleibt. Wenn man einer alleinerziehenden Mutter sagt, dass sie das aber toll macht, ist das so, als ob du einem seit 20 Jahren in Deutschland lebendem Türken sagst, dass er aber gut Deutsch spricht. Man merkt die herablassende Haltung schon in der Formulierung.

Hast du dich denn schnell in der neuen Rolle zurechtgefunden?

Ja, nachdem ich gelernt habe, Hilfe anzunehmen – was mir sehr schwer gefallen ist – ging es auf einmal erstaunlich gut und das Leben hatte sehr viele positive Überraschungen für mich. In der Krise passierten Dinge, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Was zum Beispiel?

Ich hatte Liebesgeschichten, habe mich viel mit Freunden zusammengetan, hab mich wieder mehr getraut, Wein getrunken mit einer Freundin im Biergarten und die Kinder dabei spielen lassen. Es hat mich überrascht, wie viel man eben doch mit den Kindern zusammen machen kann. Selbst als sich meine Tochter bei einem Geschäftstermin furchtbar daneben benommen hat und ihr Glas Apfelschorle umgeworfen und geschrien hat, musste ich nachher darüber lachen. So ist das Leben eben.

Wann hast du wieder angefangen Dates zu haben?

Relativ schnell. Irgendwann habe ich sehr selektiv ein paar Tinder-Dates gehabt, die echt positiv waren. Ich dachte ja, dass die sofort weg sind, wenn ich sage, dass ich zwei Kinder habe, aber die meisten hat das gar nicht interessiert. Das war eine sehr positive Erfahrung. Natürlich gibt es auch beim Online-Dating die Männer, die sich freuen, weil sie denken, dass sie jetzt endlich eine Chance hätten, weil Alleinerziehende sich über jedes bisschen Sex freuen müssen (sie lacht). Aber das ist eher die Ausnahme. 

Du hast einen neuen Freund. War der geschockt davon, dass du Kinder hast?

Den habe ich über Freunde kennengelernt, nicht bei Tinder. Er hat mir übrigens  später erzählt, dass er erst ein bisschen geschockt war, aber nicht wegen der Kinder, sondern weil er weiß, wie schlimm Mütter sein können. Ich habe das auch selbst erlebt, weil ich jemanden gedatet habe, den ich als Vater ganz anstrengend fand. Das hat ihn furchtbar unattraktiv wirken lassen.

"Ich brauche kein Mitleid und keinen Daddy für meine Kinder" 

Ändert es eigentlich etwas am Alleinerziehendendasein, dass du einen Freund hast?

Nein, ich bestehe immer darauf, dass ich alleinerziehend bin. Wir wohnen nicht zusammen, wir sind nicht verheiratet. Wir sehen uns zweimal die Woche und mal am Wochenende, wenn die Kinder nicht da sind. Er ist für mich gut, aber ich brauche kein Mitleid und ich brauche keinen Daddy für meine Kinder. Mein Freund ist für die Liebe zuständig, nicht um mir den Alltag zu erleichtern.  

Apropos Alltag. Du schreibst, dass du aufgehört hast dich zu entschuldigen und zu rechtfertigen...

Viele Fragen stelle ich mir nicht. Ich habe keine Zeit den Adventskalender meiner Kinder selber zu basteln, ich gehe nie zu Elternabenden. Das ist eine Devise von mir, das traut sich nur kein anderer. Ich mache auch keine Schuldienste, ich bin alleinerziehend, ich kann das nicht leisten. Ich bezahle dann am Ende immer für meine Elternstunden. Natürlich wird man dafür gebasht, aber das muss man dann eben aushalten. In Frankreich ist das alles ganz anders, da würde niemand verlangen, dass du einen Kuchen zum Geburtstag backst. Da sind ja alle berufstätig. Es ist eine weibliche Geste, sich für alles zu entschuldigen und sich infrage zu stellen. Männer tun das nicht.

Hast du echt nie ein schlechtes Gewissen? Wie machst du das?

Natürlich habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen. Zum Beispiel, wenn ich Spätdienst habe und meine Kinder den ganzen Tag nicht gesehen habe. Aber das haben wir Mütter doch alle.

Du erzählst in deinem Buch sehr viel Persönliches aus deinem Leben. Auch von deinen Eltern. War es schwierig das aufzuschreiben?

Zum Teil schon. Nach dem Kapitel, in dem es um die Scheidung meiner Eltern geht, habe ich vier Stunden geheult. Das war sehr therapeutisch, das musste wohl raus. Meine eigene Geschichte emotional zu rekapitulieren, mich an das alles zu erinnern, was passiert ist, das tut natürlich weh. Aber da musste ich durch, denn das ist ein wichtiges Buch, nicht nur für mich. Das Thema "alleinerziehend" wird immer in die Nähe von unheilbaren Krankheiten gerückt, der Mangel steht schon im Wort. Es klingt immer prekär, nach einem Sozialmakel, es hat eine negative Konnotation – warum auch immer. "Single Mom" soll das ändern. Es ist notwendig in dieser Zeit, dass das Ganze mal positiv ausgedrückt wird.

Würdest du sagen, dass du als Alleinerziehende glücklicher als früher in deiner Ehe bist?

Ja, definitiv. Ich propagiere das aber nicht als Lebensmodell. In den 80ern gab es die erste große Scheidungswelle. Meine Eltern sind ja auch geschieden. Natürlich war das traurig, meine Mutter hat das immer selbst gesagt, aber sie sah auf einmal viel besser aus, sie ging arbeiten, sie war zufriedener und plötzlich über sich hinausgewachsen, ein Vorbild. Das hat sie nicht gesehen, aber ich sehr wohl. Ich wollte auf einmal so sein wie sie. Es ist nicht generell besser für das Glück alleinerziehend zu sein, aber ich habe für mich akzeptiert, dass es für unsere Generation auch nicht pauschal passt, wenn wir vom Eheglück für immer träumen. Manchmal ist es einfach besser alleinerziehend zu sein als an alten Vorstellungen festzuhängen, die einen auch nur unglücklich machen. 



"Single Mom. Was es wirklich heißt, alleinerziehend zu sein" von Caroline Rosales ist im August 2018 im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen und kostet 9,99 Euro. 


Caroline Rosales, geboren 1982 in Bonn, ist Autorin mehrerer Sachbücher und arbeitet als Redakteurin und Kolumnistin und schreibt hauptsächlich über Kultur- und Gesellschaftsthemen. Sie lebt mit ihren beiden Kindern in Berlin. 









Themen in diesem Artikel

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Alleinerziehende Mutter: "Es hat wahnsinnig viele Vorteile eine 'Single Mom' zu sein!"
Alleinerziehende Mutter: "Es hat viele Vorteile Single Mom zu sein!"

Die Journalistin Caroline Rosales hat ein sehr persönliches, kluges Buch darüber geschrieben, wie es ist, alleinerziehend zu sein. Nämlich anstrengend – und manchmal auch viel leichter.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden