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Alltagsfeminismus Dieser kleine Groll gegen den Partner – Was uns die Wut sagen will

streitendes Paar
© Fabio Formaggio / EyeEm / Getty Images
Ist es der Lockdown, der uns so ein bisschen unterschwellig aggressiv auf den eigenen Partner macht? „Das ist möglich“, sagt Gestalttherapeutin und Coach Johanna Fröhlich Zapat. „Denn die kleinen Ungerechtigkeiten des Alltags spüren wir in diesen Zeiten viel stärker als sonst.“ Ein Gespräch über Selfcare, Rollen und Alltagsfeminismus.

BARBARA: Johanna, du gibst Coachings zum Thema Alltagsfeminismus. Das klingt nach Geschlechterkampf im Ehebett und irgendwie anstrengend...

Johanna: (lacht): Feminismus klingt für ganz viele Leute anstrengend und aggressiv, nach einer männerfeindlichen Bewegung oder so. Dabei gibt es „Feminismus“ im Grunde gar nicht. Das, was wir damit meinen, ist eigentlich ein ganz komplexes Gefüge von Ideen, die sich teilweise sogar widersprechen. Es geht vor allem um die Frage: Wer bin ich, wenn ich mal die klassischen Rollenbilder aufbreche, also das genauer anschaue, was wir als Mann oder als Frau in unserer Geschlechterrolle normal finden und ob wir das wirklich für uns persönlich wollen.

Zum Beispiel, dass Frauen nach der Geburt des Kindes erstmal zuhause bleiben und Männer Vollzeit arbeiten?

Ja, genau solche Dinge. Wobei es auch da nicht darum geht, den Spieß umzudrehen und zu sagen: „Hey, weil ich Feministin bin, bleibst du jetzt zuhause, Mann, und ich gehe arbeiten.“ Es ist mehr ein Hinterfragen: Wollen wir das so? Also, du und ich als Menschen und nicht du und ich als Mann oder Frau, weil das ja normalerweise Männer und Frauen so untereinander aufteilen. Es ist immer gut, sich bewusst darüber zu sein, dass Entscheidungen Konsequenzen haben. Wenn eine Frau erst ein Jahr Elternzeit macht und dann noch viele Jahre in Teilzeit arbeitet, dann führt das zum Beispiel zu schlechteren Karrierechancen, geringeren Rentenpunkten und einer steuerlichen Benachteiligung der Frau. Wir leben da leider momentan noch in teilweise frauenfeindlichen Strukturen.

Also muss man fifty-fifty arbeiten, damit es gerecht zugeht? Oder kann man diese Strukturen zuhause ausgleichen?

Ja, teilweise kann man das ausgleichen. Und man sollte das auch unbedingt tun, wenn vor allem ein Partner die unbezahlte Care-Arbeit zuhause übernimmt, was aktuell noch meist auf die Frau im Haus zutrifft. Denn finanzielle Abhängigkeit führt ja leider ganz schnell zu einer emotionalen Abhängigkeit, und die fühlt sich für keine der beiden Seiten schön an. Wäre es nicht viel besser, die finanziellen Fragen und die Haushaltskompetenzen in einer Ehe so zu klären und aufzuteilen, dass beide auch unabhängig voneinander gut für sich sorgen könnten? Auch und vor allem im Alter? Ich finde, wenn man sich ganz frei immer wieder füreinander entscheiden kann, ohne Angst, dann irgendwann alleine mit Mini-Rente oder vor einem dreckigen Waschbecken ohne Putzerfahrung dazustehen, das hat doch was Magisches.

Das heißt, der gute alte Ehevertrag könnte romantischer sein als wir denken?

Auf jeden Fall! Es ist nie verkehrt für die Liebe, wenn beide sich bewusst machen und auch vertraglich festhalten, was sie füreinander leisten und wie die finanziellen Mittel und die Aufgaben gerecht verteilt werden können. Prävention ist das beste Mittel gegen Frust im Alter.

Woran merke ich, dass es in meiner Beziehung irgendwie nicht ganz gerecht zugeht?

Wut ist immer ein ganz guter Indikator. Wenn ich unterschwellig oder auch ganz offen wütend bin auf meinen Partner, dann hat das meist mit einer Schieflage im Alltag zu tun. Bei manchen ist es auch gar keine Wut, sondern eher das Gefühl, nicht mehr alles unter einen Hut zu kriegen. Viele der Frauen, die zu mir kommen, wollen alles und vor allem alles gleichzeitig. Sie wollen Bullerbü-Mütter sein, Karriere machen, überall volle Power geben und dabei dann noch gut gelaunt bleiben. Frauen stehen unter enormem gesellschaftlichem Druck.

Frauen wollen also zu viel?

Ja, das ist auch gut so. Aber bitte auch das, was sie wirklich aus tiefstem Herzen wollen. Ich denke, dass Frauen gelernt haben zur Eigenerwartung zu machen, was zur Rolle als Frau dazuzugehören scheint. Und so kommt es, dass viele Frauen zu viel gleichzeitig wollen und deshalb Gefahr laufen, auszubrennen oder unzufrieden zu werden. Care-Arbeit, also das Kümmern um Kinder, Haushalt, Beziehungen und so weiter, braucht zum Beispiel viel Zeit, ist monoton und ist oft auch ein bisschen langweilig. Um diese Arbeit zu machen, braucht es eine fast meditative Einstellung. Wer beim Spülmaschine ausräumen versucht, nebenbei noch schnell ne Email zu tippen, kann schnell ausbrennen. Vor allem, wenn politische Rahmenbedingungen eine echte Vereinbarkeit und Elternschaft beider Partner zu gleichen Teilen erschweren. Natürlich darf man viel vom Leben erwarten, aber man muss auch die Grenzen der Machbarkeit sehen und diese ganze unbezahlte Arbeit, die man macht, mehr wertschätzen und gerecht aufteilen. Es ist wichtig, dass man sich darüber bewusst ist, was man Tag für Tag leistet.

Unbezahlt.

Korrekt, außerhalb des Jobs unbezahlt. Um das mal sichtbar zu machen, was viele Frauen mit dieser ganzen Care-Arbeit leisten, habe ich gemeinsam mit Dr. Florian Ruland den Care-Rechner entwickelt, ein Tool, mit dem man mal nachrechnen kann, was man eigentlich schon verdient hätte, wenn all diese Überstunden bezahlt würden.

Um dann dem Partner eine Rechnung zu schreiben?

(lacht) Naja, so ist der Rechner nicht gemeint. Er soll eher dabei helfen, Bewusstsein zu schaffen und ja, auch mal über Geld zu reden. Denn seien wir mal realistisch, jede dritte Ehe wird geschieden. Selbst bei Paaren, bei denen Geld in der Beziehung kaum ein Thema ist, wird es spätestens bei einer Trennung ein böses Erwachen geben, wenn einer gut verdient hat, während der andere ihm den Rücken freigehalten hat. Diesem bösen Erwachen kann man vorbeugen, indem man mal über steuerliche Vorteile, Altersvorsorge und den Wert der unbezahlten Tätigkeiten in der Familie spricht und im besten Fall faire Lösungen findet. Dazu soll der Care-Rechner anregen.

Ist die Pandemie denn echt ein guter Zeitpunkt für solche Themen? Es ist doch alles anstrengend genug...

Das stimmt. Und genau deshalb ist es kein schlechter, sondern sogar der perfekte Zeitpunkt. In diesen Zeiten kommen all die alltäglichen kleinen Ungerechtigkeiten noch mehr zum Vorschein als sonst, weil der Mikrokosmos Familie einen viel größeren Anteil unseres Lebens ausmacht als sonst. Außerdem kommen noch Aufgaben wie Homeschooling, tägliches Kochen und ganztägige Kinderbetreuung hinzu. Da kann ein Gespräch über die Aufteilung der Aufgaben, über Privilegien oder unbezahlte und bezahlte Arbeit etwas ganz Wunderbares bewirken, nämlich Wertschätzung und Dankbarkeit.

Also geht es gar nicht nur um Geld?

Es geht um eine Haltung. Wenn beide Partner wissen und wertschätzen, was der andere tut und sich gegenseitig offen ihre Dankbarkeit zeigen, dann entsteht ein nährendes Umfeld, in dem alle gut wachsen und in dem auch die Kinder einen liebevollen Umgang miteinander lernen. Ein ehrlich gemeintes Danke zahlt auf das emotionale Konto ein und das ist eben genauso wichtig wie das Konto auf der Bank.

Portrait Johanna Zapata
© Johanna Fröhlich Zapata

Johanna Fröhlich Zapata, 32 Jahre, ist Medizinanthropologin, Therapeutin und Wahlberlinerin. Sie hat Alltagsfeminismus® gegründet, um Frauen auf ihrem Weg in einen gleichberechtigten Alltag zu begleiten. Mit einem wissenschaftlich fundierten Coaching Konzept und individuellen Lösungen für ein sorgenfreieres und glückliches Leben.


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