Als ich meinen Mann verließ, verlor ich allen Luxus

Früher lebte Dorit ein komfortables Leben. Ein tolles großes Haus, Designerklamotten für sie und die drei Kinder, Urlaub im Fünf-Sterne- Hotel. Dann kam die Scheidung. Und nichts blieb so, wie es war...

von Madlen Ottenschläger (Protokoll)

Ich hatte alles. Haus, Putzfrau, argentinische Rinderfilets in der Le-Creuset-Pfanne. Dann trennte ich mich von meinem Mann.

Mit meinen drei Mädchen lebe ich nun knapp über Hartz-IV-Niveau. Nach außen mag es aussehen, als hätte ich alles verloren, was Luxus bedeutet. Tatsächlich kann ich den Verlust sogar exakt beziffern. Es sind 4400 Euro, also der Wert eines gebrauchten Autos. So viel Geld fehlt mir nun. Jeden Monat. Als Ehefrau hatte ich diese Summe zur freien Verfügung. Wir fuhren übers Wochenende in Fünf- Sterne-Hotels, und ich ging zum Friseur, die Mädchen liefen Ski, und ich las gebundene Bücher, die ich nicht in der Bücherei leihen musste.

So lernten mein Mann und ich uns kennen

Mein Mann sprach mich in einer Bar an, ich trank Whiskey, das fand er spannend. Er sah gut aus, und ich wusste sofort, dass er Geld hat. Ich erinnere mich nicht mehr daran, was er trug, nur noch, dass er sehr, sehr gut gekleidet war. Auf unaufgeregte Art schick, sehr stilsicher. Da war so etwas wie eine Aura, die ihn umgab. Er war (und ist!) einer dieser Menschen, die Blicke auf sich ziehen, wenn sie einen Raum betreten. Habitus: Mir gehört die Welt. Das ist nicht arrogant. Es ist einfach so.

Als er das erste Mal für mich kochte, kaufte er zwei Schollen in der Feinkostabteilung des KDW, also im Kaufhaus des Westens in Berlin, wo wir beide damals lebten. Zwei Fische für 40 Mark!

Nicht, dass ich mir das nicht auch hätte leisten können. Keinesfalls täglich, aber ich hatte damals einen guten Job, und abzüglich der Miete blieben mir 800 Mark monatlich zum Leben. Aber meine Eltern haben mich so erzogen, dass ich sehr aufs Geld schaute. Ich war extrem zögerlich, wenn es darum ging, etwas für mich selbst zu kaufen, nur weil es mich glücklich machen könnte. Selbst beim Nützlichen rechnete und rechnete und rechnete ich. Als ich einmal umzog, das war kurz bevor ich meinen späteren Mann traf, von einer unschönen Bude in eine wirklich gute Wohnung, die aber natürlich teurer war, hatte ich wochenlang ziemliche Bauchschmerzen.

Dass er das Gegenteil war, hat mich angemacht. Im Umgang mit Geld hatte er dieses Unbeschwerte, Lockere, das ich nicht kannte und allein nicht konnte. Er kaufte mir bei Dolce & Gabbana ein Kleid, knallrot, irre toll, irre teurer. Ohne Anlass, einfach weil ich es im Schaufenster sah und es mir gefiel. Einer unserer ersten Urlaube führte uns nach Italien. In Genua aßen wir in einem Hafenrestaurant. Die Aussicht: grandios. Alleine hätte ich mindestens gezögert und unbedingt auf die Preise geschaut. 

Andere Menschen merken, wenn man ohne Zweifel ist. Und so behandeln sie einen auch. Als Paar waren wir schon der Nabel der Welt. Egal ob bei Geschäftspartnern oder in Bars oder Stores: Wir waren Könige. Bei ihm zu sein war ein Gefühl wie fünf Millionen Schmetterlinge, die Hula-Hool-Reifen tanzen und sich dann auch noch verbeugen. 

Als ich schwanger wurde, mieteten wir ein Haus, 200 Quadratmeter, lichtdurchflutet und in der besten Gegend. In der Garage standen sein Oldtimer, ein sehr cooler, weinroter Daimler, und unser Familienauto. Für die Designlampe im Esszimmer bezahlten wir 2000 Euro. Wir stellten eine Putzfrau ein und ein Jahr später, als ich wieder anfing zu arbeiten, auch noch ein Au-pair für unsere Tochter.

Doch so perfekt sah es nur an der Oberfläche aus

Es kippte nicht von einem Tag auf den anderen. An einem Abend kam er nach Hause und sah auf dem Glas-Chrom-Tisch im Wohnzimmer die Fingerabdrücke unserer Tochter. Geschrien hatte er schon oft. Diesmal flog Geschirr. In der Wohnzimmerwand blieb eine Macke. Als er schlief, warf ich die Scherben in die Mülltonne vor dem Haus.

Dank seines Geldes führten wir ein Rundum-sorglos-Leben. Er bezahlte das Babymäntelchen in Altrosa, meine schicke Frisur. Des- halb hatte unser Leben so zu sein, wie er es wollte. Meine Wünsche unterdrückte ich immer mehr. War er zu Hause, war ich in Habachtstellung. Dass ich Zwillinge bekam, als ich wieder schwanger wurde, machte es nicht leichter.

Es war ein Freitagnachmittag, als ich von einer Geschäftsreise nach Hause kam und er spontan ein Wochenende an der Ostsee gebucht hatte, fünf Sterne. Dass ich müde war und nicht reisen wollte, zählte nicht. Wir fuhren sofort. Er warf mir so penetrant vor, nicht dankbar zu sein, dass ich es fast selber glaubte. Betrachtete ich nur die Reise, war es ja auch absurd: Ich bekam ein Luxuswochenende geschenkt und machte die Spielverderberin.

Aber es ging längst um mehr.

Ich hatte kein Mitspracherecht. Das reichte bis ins Bett. Er wollte oft Sex. Verweigerte ich mich, weil ich müde war oder schlicht lustlos, bekam ich seine Übellaunigkeit tagelang ab. Oft machte ich nur mit, um ihn bei Laune zu halten. Als mir kurz vor Schluss einmal ein „Bist du fertig?“ rausrutschte, kassierte ich eine Ohrfeige. Es blieb nicht bei einer.

Als ich mich trennte, verlor ich allen Luxus

Als ich mich trennte, verlor ich fast sofort alles, was für andere Luxus bedeutet. Damals arbeitete ich als Grafikerin, verdiente ganz okay. Meine Kinder und ich wären nicht wohlhabend gewesen, aber es hätte gereicht. Doch wenige Monate nach der Trennung meldete die Agentur, bei der ich angestellt war, Insolvenz an. Das ist nun drei Jahre her. Ich habe bis heute keine Fest­anstellung mehr gefunden, und mein Exmann bezahlt keinen Unterhalt.

Das Nobelhaus habe ich also gegen eine Wohnung im sozialen Wohnungsbau getauscht, zwar keine Ghetto-­Gegend, aber auch nicht bürgerlich oder gar schick. Ich bekomme Wohngeld. Die Wohnung misst exakt 89 Quadratmeter und hat vier Zimmer, mehr ist für Wohn­geldler mit drei Kindern nicht erlaubt. Bis auf den Esstisch, ein Erbstück, von dem aus ich freiberuflich arbeite, sind meine Möbel secondhand oder von Ikea.

Meine Gefühle  über den Status­ verlust sind widersprüchlich. Die Große hat erst vor wenigen Tagen wieder gefragt, ob sie nicht doch ein Instrument lernen kann, sie interes­siert sich für Gitarre. Ist nicht. Oder gebrannte Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt, diese Diskussion werde ich auch bald wieder führen müssen.  Bei allem, was meine Kinder betrifft, denen ich vieles nicht mehr ermöglichen kann, macht mich der Verlust traurig, wütend, fassungslos und erschöpft mich.

Ich vermisse auch das sorglose Einkaufen. Es muss nicht Dolce & Gabbana sein. Aber gebrauchte Schuhe sind halt Mist. Und wie gern würde ich mal wieder Rinderfilets essen. Müssen gar nicht argentini­sche sein. Überhaupt Fleisch wäre toll. Billigfleisch ist Ekelfleisch, das kaufe ich nicht.  Oder einen Kaffee trinken am Marktplatz. Aber vier Euro? Das ist ein Mittagessen für meine Kinder! Oder im Sommer eine Kugel Eis für jede von uns.

Ich schäme mich nicht

Für den neuen Status habe ich mich nicht eine Sekunde geschämt, auch nicht für die Wohnung. Aus dem Nobelhaus wollte ich nichts haben. Das ganze Glas­, Chrom,­ Leder, ich konnte es nicht mehr sehen. Endlich dürfen die Kinder toben. Manchmal sehe ich ein Spin­nennetz an der Decke und hole nicht sofort den Wedel. Weil. Ich. Es. Nicht. Mehr. Muss.

Als der Sahara-Sommer vor ein paar Monaten so plötzlich vorüber war, gewitterte es an einem Abend ganz dicke. Die Kinder suchten Nähe, also kuschelten wir uns in mein Bett, ich machte erst Kakao und knipste dann das Steckdosen-Schlummerlicht an.

Die Große hörte mit Kopfhörern Musik, den Zwillin­gen erzählte ich eine Geschichte. In meinem Bauch: Kakao, nichts sonst. Vor der Trennung gab es da einen Klumpen, der mir immer die Luft zum Atmen nahm, sobald mein Mann die Haustür öffnete. Wobei, eigentlich ist das schon schöngefärbt. Irgendwann war der Klumpen auch da, wenn er weg war. 

Heute entscheide ich, wer in mein Bett darf und wann. Überhaupt entscheide ich. Es gibt keinen größeren Luxus, als die Selbstbestimmung. 

Im Sommer hatte ich eine fiese Grippe, ich lag nicht nur flach, ich war nicht mehr funktionsfähig. Eine meiner neuen Nachbarinnen stand nach nicht mal 24 Stunden auf der Matte und wollte wissen, was bei uns los sei.

Heute schauspielere ich nicht mehr. Wenn es mir mies geht, dann geht es mir mies. Geht es mir gut, geht es mir gut. Es ist so eine Erleichterung, nicht mehr mit einer Maske durchs Leben zu laufen. Für viele Freuden brauche ich auch kaum oder gar kein Geld. Ich sitze lieber mit einem Supermarkt­bier entspannt im Hof als, wie damals, total übermüdet in einem Fünf-­Sterne-­Kasten, in den ich nicht fahren wollte. Ich lebe erst jetzt – ohne dieses Geld – wirklich luxuriös. Es ist halt ein anderer Luxus. Einer, den nur ich sehen kann.

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Als ich meinen Mann verließ, verlor ich allen Luxus

Früher lebte Dorit ein komfortables Leben. Ein tolles großes Haus, Designerklamotten für sie und die drei Kinder, Urlaub im Fünf-Sterne- Hotel. Dann kam die Scheidung. Und nichts blieb so, wie es war...

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