Als meine Mutter krank wurde

Man kann sich nicht darauf vorbereiten. Eine Sekunde und das Leben wird mit einem Paukenschlag aus seinen Fugen geworfen. So auch das von Lena Jarzyna, als ihre Mutter von heute auf morgen aus dem Leben gerissen wurde. 

von Lena Jarzyna

Es war Halloween 2015 als ein neues Kapitel in meinem Leben begann. Unerwartet, herzzerreißend, zerbrechend. Mein Telefon klingelte und am anderen Ende der Leitung stellte sich eine männliche Stimme als Neurochirurg vor. In diesem Moment hörte mein Herz auf zu schlagen. Der Arzt erklärte mir mit ruhiger Stimme, dass meine Mutter eine Gehirnblutung hatte. Sie werde operiert. Mehr könne er dazu nicht sagen. Ob sie die Operation überleben würde, unklar. Und ich konnte nicht atmen.

Operation. Nacht. Koma.

Die Gehirnoperation dauerte die ganze Nacht. Stunden vergingen, geplagt von Angst, Unsicherheit und Trauer. Dann wurde meine Mutter in ein Koma versetzt. Ihr Zustand blieb kritisch und nach mehreren Tagen ohne Besserung sagten mir die Ärzte, dass sie eine Betreuerin bräuchten, die entscheiden müsse, zu welchem Zeitpunkt die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt werden sollten. Selten habe ich mich hilfloser und einsamer gefühlt als an diesem Tag. Tausende von Gedanken gingen mir durch den Kopf, kein einziger davon war klar. Es war offensichtlich, dass die Blutung enormen Schaden verursacht hatte. Doch welchen genau konnten die Ärzte nicht absehen. Ich rief meine ältere Schwester an: „Du musst nach Hause kommen, ich kann das nicht. Ich brauche dich hier.“ Sie war gerade im Urlaub in Thailand. Stille am anderen Ende der Welt, die für sie in diesem Moment zerbrach. „Natürlich, ich komme sofort nach Hause.“

Eine Entscheidung, die kein Kind treffen sollte

Meine ältere Schwester bedeutet mir alles. Sie ist meine Familie, für immer mein Zuhause, alles was ich habe. Zusammen mit unserer jüngeren Schwester haben wir eine Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung, die kein Kind auf dieser Welt treffen sollte. Unsere Beziehung zu unserer Mutter vor der Hirnblutung war manchmal schwierig, aber stets liebevoll. Sie war immer ein sehr impulsiver Mensch und konnte auch sehr stur sein, aber genau das half ihr in dieser spezifischen Situation. In jeder Sekunde unseres Lebens wussten wir, dass unsere Mama alles für uns getan hätte.
Innerhalb einer Nacht wurden wir plötzlich elternlos. Wir hatten seit Jahren keinen Kontakt zu unserem Vater. Jetzt war auch unsere Mutter nicht mehr da, jedenfalls nicht mehr so, wie wir sie kannten. Keine von uns dreien war bereit dafür. All die Fragen konnte ich nicht mehr stellen: Nach dem Rezept für ihren leckeren Apfelkuchen, wie ich Tomaten pflanze oder wie ich eines Tages eine gute Mutter werden soll? 

Reha und das Danach

Drei Monate lang waren wir jeden Tag bei unserer Mutter im Krankenhaus, sprachen mit ihr, lasen ihr aus der Zeitung vor, wuschen sie und waren einfach da. Sie reagierte auf viele Dinge und langsam verbesserte sich ihr Zustand. Rückblickend weiß ich nicht mehr, wie wir das neben unseren Vollzeitjobs durchgestanden haben. Nach drei langen Monaten im Krankenhaus, folgten sechs Wochen Rehabilitation. Nicht zuletzt wegen ihrer enormen Sturheit und ihrer unglaublichen Willenskraft machte sie in dieser Zeit bedeutende Fortschritte, die uns endlich wieder ein wenig Hoffnung gaben. Leider kann sie sich immer noch nicht richtig artikulieren, die rechte Hälfte ihres Körpers ist gelähmt und sie kann sich an viele wichtige Lebensereignisse aus der Vergangenheit nicht mehr erinnern. Oftmals weiß sie sogar nicht mal unsere Namen. Ich unterdrücke die Emotionen und gebe vor, dass es mir nichts ausmacht.: „Lena“,  „Oh ja“ sagt sie dann schnell mit einem entschuldigenden Lächeln. Ihr Herz schmerzt genauso sehr, wie unseres.

Heute lebt meine Mama in einem behindertengerechtem Wohnheim. Unsere Mutter hatte am Anfang eine schwere Zeit, ihr ganzes Leben lang war sie sehr unabhängig und plötzlich benötigt sie selbst für die einfachsten Dinge Hilfe. Ihr Verhalten erinnert oft an das eines Kleinkindes.

Müdigkeit, Frustration und das schlechte Gewissen

Hinzu kamen unzählige Gespräche mit Ärzten, Anwälten, Büros, Vermietern, Therapeuten, Verwandten und Freunden. Es gab keinen Platz für unsere Trauer und so waren wir drei Schwestern erschöpft und sind fast erstickt an unserem Schmerz, weil es keinen Platz zum Trauern gab. Wir haben versucht, die neuen Lebensbedingungen so weit wie möglich normal zu gestalten. Ich habe täglich für meine Mutter gekocht. Es war nervenaufreibend, sie jeden Tag in diesem Zustand zu sehen. Ein Jahr war zu diesem Zeitpunkt vergangen. Ein Jahr, in dem ich nicht ich selbst war, voller Schmerzen, mit einer Last, für die meine Kraft nicht ausreichte. Nur Müdigkeit und Frustration und das schlechtes Gewissen. Ich musste doch froh sein, dass sie überhaupt überlebt hat, oder? Doch ich konnte sie nicht jeden Tag weinen sehen. Ich war es leid, ihr jedes Mal erklären zu müssen, was passiert war und ich wollte nicht mehr Tag für Tag für sie kochen. Ich war am Ende und überlegte hin und her. Schließlich ging ich.

Gehen, um zu heilen

Ich hatte eine viermonatige Reise durch Südostasien geplant. Wir drei waren alle gebrochen, doch beide haben mich in meiner Entscheidung unterstützt. Am Tag meiner Abreise plagte mich mein schlechtes Gewissen. Und doch gab es für mich keinen anderen Weg, um mich selbst zu retten.

Als ich in Vietnam ankam, hatte ich einen kleinen Bungalow am Strand. Panikattacken rissen mich oft in den Morgenstunden aus dem Schlaf. Ich lief dann zum Meer und schrie es an, so laut ich konnte. Das brechen der Wellen war lauter als meine Schreie.

In Thailand schwieg ich in einem Temple in den Bergen von Chiang Mai. Ich sprach eine Woche lang kein Wort, meditierte jeden Tag, versuchte meinen Geist zu befreien und meine Gedanken zu ordnen.

In Laos ging ich stundenlang in der Natur wandern, zu Wasserfällen, durch Wälder. Ich beobachtete Schmetterlinge, sah der Sonne zu, wie sie hinter dem Mekong verschwand und erinnerte mich daran, dass das Leben auch schön sein kann.

In Bali bestieg ich in den frühen Morgenstunden den Mount Batur. Und als die Sonne in zartrosa und orangefarbenden Tönen aufging und die Wolkendecke aufriss, sprach ich mit Gott.

In Kambodscha begann ich wieder zu schreiben – über meinen Schmerz, meine Fragen, meine Wut.

Ich lernte auf meinen Weg Menschen kennen, traf andere wieder, mit denen ich endlich das Gespräch suchte. Gespräche, die mir viele neue Perspektiven und Standpunkte aufzeigten, die mir neuen Mut gaben und mich wieder zum Lachen brachten. 

Zu Hause?

An dem Tag an dem ich nach Hause fliegen musste, war ich wehmütig und hatte gemischte Gefühle. Freude, meine Mutter, meine Schwestern und meine Freunde endlich wiederzusehen – und gleichzeitig ein Gefühl der Traurigkeit, dass ich die Situation akzeptieren muss und ich Dinge nicht ändern kann, die passiert sind. Das mein Leben von nun an so sein wird. Aber ich wusste, dass ich neue Kraft mit neuem Optimismus und einige Antworten auf all meine Fragen gewonnen hatte. Meine Schwestern und ich haben Lösungen erarbeitet, die es uns ermöglichen, normal zu leben und unseren eigenen Weg mit der notwendigen emotionalen Distanz wieder nach zu gehen. Ich weiß, dass ich anderen nur helfen kann, wenn es mir gut geht. Ich brauchte Zeit zum Trauern, zum Akzeptieren und schließlich zum Heilen.