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Taktgefühl Alter einer Frau erfragen: Bitte nicht?

Alter einer Frau erfragen: Frau mit Geburtstagskuchen
© LStockStudio / Shutterstock
Gilt die alte Regel noch, dass es taktlos ist, sich nach dem Alter einer Frau zu erkundigen? Für unsere Autorin zählt da nicht nur Höflichkeit.
Karina Lübke

Freundinnen bekommen natürlich Glückwünsche und Blumen zum Geburtstag. Vor allem aber schenke ich mir die Nachfrage "Sag mal, wie alt bist du eigentlich geworden?", wenn das nicht mehr an der entsprechenden Anzahl von Kerzen auf dem Kuchen abzusehen ist. Entweder weiß ich es sowieso, oder es interessiert mich null. Ich selber bin seit meinem Dreißigsten ins Altersgeheim umgezogen: Solange ich keine Risiko-Lebensversicherung abschließen will, hat mein Geburtsjahr keinen zu interessieren. Fragt tatsächlich mal jemand, wie alt ich denn nun sei, sage ich halb freundlich: "Alt genug, um diese Frage zu überhören." Oft wird darauf provozierend nachgeschoben: "Hast du ein Problem mit deinem Alter?" Ich dann: "Nein, aber du anscheinend."

Was ist bloß so interessant am Alter?

Wieso wollen Menschen gerade das Alter von Frauen so hartnäckig wissen, was geht sie das an? Wollen sie die Gefahr abschätzen, ob ich spontan sterbe und ihnen den Abend verderbe? Urteilen, ob ich gut oder schlecht aussehe "für mein Alter"? Schauen, ob es noch lohnt, mit mir zu flirten? Oder sind sie, wie heutzutage so oft, einfach nur neugierig – was im Gegensatz zu Wissbegier keine Tugend ist, sondern eine Schwäche? Nein, ich habe kein Problem mit meinem Alter – aber auch keine Auskunftspflicht. Denn die "harmlose" Frage ist auch immer ein Infragestellen des Wertes. Altersdiskriminierung ist real und weiblich: ein Aussch(l)ussverfahren. Männer ab Mitte 50 können noch locker den Job wechseln oder Präsident werden, Bewerbungen von älteren Frauen dagegen werden aussortiert. Dahinter steckt System: Simone Schmollak zitierte in der "Zeit" dazu einen Abteilungsleiter: "Wir nehmen keine alten Frauen, die kann man nicht mehr formen." 

Je nach Branche wird mit dem 40. Geburtstag ein ganzer Kosmos weiblicher Lebens- und Schaffenskraft langsam ab- und dann völlig ausgeblendet: Fade to grey. Es fehlt der Gesellschaft dadurch der weibliche Erfahrungsschatz, der öffentliche Ausdruck sämtlicher Altersstufen – und jungen Frauen an Vorbildern. Das zementiert den männlichen Blick auf männliche Interessen und Lebenswelten weiterhin als „Die Normalität“, eine Manntrix, in die Frauen lebenslang versuchen sollen, sich einzufügen.

Die magische 30

Junge Frauen sind die Stammzellen der Gesellschaft. Zwischen 22 und 29 können sie magische sieben Jahre einfach ALLES werden: Startupperin, Instagram-Star, Weltenbummlerin, Physikerin, Olympiasportlerin, Spielerfrau, Wunderkind. Doch spätestens ab 30 werden sie zusätzlich in die reproduktive Pflicht genommen, den "Richtigen" zu finden, um mit diesem künftige Steuerzahler zu bekommen. Sie stehen unter Vorbehalt auf dem Arbeitsmarkt – will sie Kinder, könnte sie welche kriegen, hat sie welche, will sie noch mehr, wieso hat sie keine? Frei davon wird man erst wieder, wenn man der Fruchtbarkeit entwachsen ist. Allerdings wird man dann auch von sämtlicher Kompetenz freigesprochen – intellektuell wie sexuell.

Auch deswegen ist die Altersfrage nicht wertschätzend, sondern abschätzig. Dabei entfaltet sich die Persönlichkeit in ihrer ganzen Komplexität mit jeder Falte mehr! Ich will einfach möglichst spät jung sterben und als das älteste Wunderkind der Welt in die Geschichte eingehen. Und für Leute auf der Suche nach Frischfleisch, die so tun, als wäre ich eine Konservendose, die ihnen böswillig das vorgeschriebene Mindesthaltbarkeitsdatum verheimlichen würde, bin ich in der Tat: ungenießbar.

BARBARA 06/2021 Barbara

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