Oma und die Altersdemenz: "Irgendwann fragte sie mich, wer ich eigentlich sei"

Die Anzeichen der Demenz zeigten sich bei der Großmutter unserer Autorin erst nur langsam. Doch am Ende überraschte es sie, dass sie eine Enkeltochter hat.

von Viola Kaiser

Das Vergessen begann unauffällig. Jeder von uns erinnert sich schließlich mal nicht mehr an Kleinigkeiten. Der Unterschied war nur, dass meine Oma sich von Anfang an so sehr dagegen wehrte. Sie bestritt, dass sie etwas gesagt oder getan hatte. Auch wenn drei andere Personen im Raum das Gegenteil behaupteten. Friede war zwar immer schon ein eigenwilliger Typ gewesen, aber sie war sanft und verständnisvoll. Sie hatte ihre Meinung, suchte aber nie Streit. Die Krankheit änderte das.

Wenn es um das Vergessen ging, wurde sie auf einmal fuchtig. "Natürlich weiß ich, dass du heute Geburtstag hast, Viola!", sagte sie in aufgebrachtem Ton und mit hochrotem Kopf, als ich sie darauf hinwies, warum wir hier bei Kaffee und Kuchen zusammensäßen. Es war ihr unangenehm, dass es ihr entfallen war. In meinem Bauch verkrampfte sich etwas, sie tat mir so leid. Danach korrigierte ich sie nie mehr. 

Die Anzeichen der Demenz nahm keiner ernst

Meinem Opa war es zuerst aufgefallen, schon Monate zuvor. Oma hatte nicht mehr gewusst, wie die Straße hieß, in der sie wohnten. Da er aber gerne übertrieb, nahm die ersten Anzeichen der Demenz lange niemand von uns ernst. Ich erinnere mich gut an ein Gespräch zwischen meinen Eltern. "Mein Vater meint, dass mit dem Gedächtnis meiner Mutter irgendetwas nicht stimmt", sagte meine Mutter zu meinem Vater. Der entgegnete nur: "Du weißt doch, wie Wilhelm ist. Immer viel zu streng mit ihr."

Am dem Tag, an dem meine Oma nicht mehr wusste, warum sie mit mir Kuchen aß, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass mein Opa Recht hatte. Und auch meine Mutter begriff es, aber wir redeten nicht darüber. Sie fuhr jetzt dauernd zu meinen Großeltern, kaufte für sie ein, kochte ihnen etwas. Es war, als hätte meine Oma auf einmal auch vergessen, wie man für jemanden sorgt. Mein Opa übernahm viele Aufgaben im Haushalt, hielt bis zuletzt den Schein aufrecht, auch ihr zuliebe. Aber dann wurde er krank, starb innerhalb von wenigen Tagen – und sein mühsam aufgebautes Gerüst stürzte zusammen.

Meine Oma hatte den Tod ihres Mannes vergessen

Am Tag seiner Beerdigung konnte ich nicht mal mehr vor mir selbst leugnen, dass meine Großmutter nicht in Ordnung war. Als ich kam, um sie zur Trauerfeier abzuholen, wusste sie nicht, warum ich gekommen war. Sie saß im Nachthemd auf dem Bett, betrachtete die schwarze Bluse und den schwarzen Rock, die neben ihr lagen, und war völlig verwirrt. Sie hatte den Tod ihres Mannes vergessen – mit dem sie 65 Jahre verheiratet war.

In den Wochen darauf passierte so viel, dass ich selbst es nicht mehr genau weiß. Alles ging rasend schnell. Oma setzte fast das Haus in Brand, aß kaum, fiel schließlich um und kam in ein Heim. Sie veränderte sich, wurde auf einmal richtig aggressiv, weil sie merkte, es stimmt etwas nicht. Wollte immer Recht haben, auch wenn sie ganz sicher nicht Recht hatte. Dann gab es diese hellen Momente, in denen sie war wie früher. Die waren selten, aber schön.

Sie wusste, dass sie mich liebte. Mir genügte das

Manchmal nannte sie mich Laura (so heißt meine Schwester), manchmal nannte sie mich "Sonja" (so heißt meine Mutter). Irgendwann fragte sie mich, wer ich eigentlich sei. Sie freute sich trotzdem immer, mich zu sehen. Offensichtlich verband sie mit mir ein positives Gefühl, sie wusste, dass sie mich liebte. Mir genügte das. Sie war nicht mit allen so gnädig. Meinem Onkel, der sie sehr wenig besuchte, sagte sie irgendwann: "Wer sind Sie bitte? Ich habe keinen Sohn!" In diesem Moment wusste man nicht, ob vielleicht doch ein bisschen der alten und sehr aufrichtigen und oft witzigen Friede durchkam. Hatte sie gemerkt, wer sich um sie kümmerte und wer nicht?! 

Zu diesem Zeitpunkt ging es ihr auch körperlich schon so schlecht, dass sie nur noch liegen konnte. Bei der Trauung meines Mannes und mir war sie deswegen nicht dabei. Als wir ihr Fotos davon zeigten, klatschte sie in die Hände, guckte meinen Mann an, den sie immer schon sehr gemocht hatte, und rief: "Wie schön, dass Sie geheiratet haben! Das freut mich sehr für Sie. Aber wer ist die Frau?!"

Sie wurde bösartig und gemein

In diesem Moment wusste ich nicht recht, ob ich lachen oder weinen sollte. Deswegen sagte ich einfach gar nichts und war froh, dass meine Großmutter so gute Laune hatte. Die hatte sie nämlich immer seltener. Für meine Mutter war es besonders schlimm. Sie bekam die ganze Wut, die Angst und den Hass meiner Oma ab, den sie durch die Krankheit bekommen hatte. Friede war immer eine Kämpfernatur gewesen, hatte nie gejammert.  Es muss schwer gewesen zu sein, dass sie diesen aussichtslosen Kampf gegen die Demenz verlor.

Auch meine Mutter konnte das nicht akzeptieren, sie versuchte immer wieder, wenigstens Fragmente ihrer Mutter zurückzugewinnen. Es half nichts. Jeden Tag veränderte sie sich ein Stückchen mehr. Die sonst so sanfte, großherzige und gutmütige Friede wurde manchmal bösartig und gemein. Sie unterstellte meiner Mutter, sie habe den Ring gestohlen, den sie am Finger trug. Dabei hatte sie ihn ihr Jahre zuvor geschenkt. 

Die letzten Wochen waren furchtbar

Die Krankheit meiner Oma zog sich über Jahre. Aber besonders an die letzten Wochen erinnert sich von uns niemand gern. Sie waren furchtbar. Ich persönlich fand das Vergessen zum ersten Mal in diesem Zusammenhang gut, denn diese Zeit wollte und will ich gar nicht abrufen können. Ich möchte heute an die tolle, lustige, lebensfrohe Friede denken, die meine Großmutter war, bevor sie krank wurde. Denn ganz am Schluss war von meiner liebevollen Oma nicht mehr viel übrig. Sie, die immer gesagt hatte, dass man Menschen nicht ändern könne, dass man loslassen müsse und alle so sein lassen wie sie eben sind, starb lange und elend. Sie hatte nicht nur vergessen, wie man isst, trinkt und zur Toilette geht. Sie hatte auch vergessen, wie man loslässt.

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Viola Kaiser
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