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Andrea Petcovik Im Gespräch mit Barbara

Andrea Petcovik: Andrea Petcovik
© Norman Konrad
Den Ball flach halten! Das ist für Tennisprofi Andrea Petkovic so undenkbar wie für Barbara. Ein Schlagabtausch über das merkwürdige Gefühl, ausgebremst zu sein.
von Stephan Bartels

Barbara: Andrea, wir befinden uns am Ende eines, sagen wir mal: außergewöhnlichen Jahres. Da drängt sich mir eine Frage ganz besonders auf.

Andrea: Und zwar welche?

Hast du viele Zoom-Calls gemacht in 2020?

Na, und ob. Das war ja überhaupt die ganz große Corona-Neuerung in meinem Leben: diese ganzen Tools für distanzierte Kommunikation. Bei dir nicht?

Ich habe mir Zoom noch nicht einmal heruntergeladen.

Ich musste. Dazu Microsoft Teams, Skype ... Irgendwie gab es immer irgendwas mit irgendwem zu besprechen. Und dabei habe ich nicht mal einen Job. Stell dir vor, ich würde wirklich arbeiten!

Das ist sehr stark untertrieben. Du spielst immer noch hauptberuflich Tennis, arbeitest als Moderatorin im ZDF und schreibst Bücher. Genau genommen bist du also sogar eine Multijobberin.

So kann man das natürlich auch sehen, und stimmt, dafür brauche ich diese ganzen Plattformen. Ich meinte eher: Das ist alles sehr frei, ich bin nicht fest in Strukturen eingebunden, es fühlt sich auch nicht immer nach Arbeit an. Und als es losging mit dem Lockdown, lag meine Hauptbeschäftigung ja auch gleich auf Eis.

Weltweit fanden keine Tennisturniere mehr statt.

Aber das empfand ich als glückliche Fügung. Ich hatte nämlich im Februar eine Knieoperation. Die sollte mich drei Monate aus dem Verkehr ziehen. Ich dachte: Super, jetzt bin ich nicht die Einzige, die auf dem Hintern sitzt und keine Weltranglisten-Punkte sammeln kann.

Gutes Timing!

Bedingt. Irgendwann war ich wieder fit, aber es gab immer noch keine Turniere …

Das finde ich aus heutiger Sicht total irre: unsere Vorstellung damals, wie lange Corona dauern wird. Ich weiß noch, dass mir zu Beginn des Lockdowns im März eine Veranstaltung für Juni abgesagt wurde. Da bin ich an die Decke gegangen, ich dachte, die spinnen! Ich hätte am Anfang dieser Geschichte niemals gedacht, dass sie uns das ganze Jahr über beschäftigen wird.

Und nicht nur dieses.

Das stimmt wohl leider. Rückblickend war ich jedenfalls ganz schön naiv, finde ich.

Geht mir auch so. Ich hatte es für eine Sache von ungefähr zwei Wochen gehalten.

Und dann kam auch schon der Sommer.

Und wir dachten: Was soll sein? Keine Spur mehr von Corona!

Aber es gab immer noch keine Konzerte und keine Zuschauer beim Fußball.

Oder Tennis.

Fanden wir das nicht schon zu vorsichtig? Gefühlt war im Juli eigentlich alles vorbei. Und dieses Gefühl würde ich mal unserer Pandemieunerfahrenheit zuschreiben, denn die Experten hatten ja nie einen Zweifel daran gelassen, dass da noch einiges auf uns zukommen würde. Sie hatten recht.

Wir sind tatsächlich Opfer unserer selektiven Wahrnehmung geworden, das habe ich gelernt.

Ich habe neue Wörter gelernt. Hygienevorkehrungen. Abstandsregeln. Und dass ich mal "Stoßlüften" in meinen aktiven Sprachgebrauch aufnehmen würde, hätte ich auch nie gedacht.

Das kannte ich schon von meiner Mutter, in Wort und Tat. Das Erste, was sie auch heute noch tut, wenn sie in mein Haus kommt: alle Fenster aufreißen. War schon vor Corona so.

Aber zumindest ist Stoßlüften etwas, das durch das Virus einen tieferen Sinn bekommen hat. Und manchmal hat der Lockdown ja auch für totale Entschleunigung gesorgt. Kein Flugzeug war im Frühjahr am Himmel ...

... kaum Autos auf den Straßen.

Weißt du, was FOMO bedeutet?

Äh ... ja, warte: Fear Of Missing Out. Die Angst davor, etwas zu verpassen.

Genau. Wie entlastend muss der Lockdown für all diese FOMOs gewesen sein!

Stimmt. Denn es gab für die ja nichts zum Verpassen.

Alles war dicht! Und die Wahrheit ist: Mir kam das sehr entgegen. Ich führe ja – wie du – ein buntes, aufregendes Leben. Ich war eine Zeit lang ziemlich froh, dass ich nirgendwo hinmusste.

Und wie kam der Rest deiner Familie damit klar?

Schwieriger. Kinder gewöhnen sich schnell an alles, aber alles in allem sind wir ziemliche Auftreiber. Es muss immer irgendwas los sein, immer was passieren. Anfangs war’s hart, aber letztlich tat es auch gut, mal ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Und du so?

Ich musste mich auch erst mal runterfahren, in der frühen Phase hatte ich ziemliche Hummeln im Hintern. Mir fehlte das ständige Reisen total. Aber dann fand ich es schön, Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Ich bin sogar wieder kurzzeitig bei meinen Eltern eingezogen, die Knie-OP war meine Ausrede. Aber irgendwann war dann auch mal wieder gut.

Das ist übrigens auch eine Virus-Folge bei mir: Ich bin schnell wieder weg.

Wie meinst du das?

Ich nutze neuerdings jede Gelegenheit, mich von Treffen früher zu verabschieden. Bei Leuten, mit denen ich früher noch eine halbe Stunde länger zusammengesessen bin. Ich gehe nach Auftritten nicht mehr auf einen Absacker in die Hotelbar. Das hat sich in diesem Jahr so eingependelt, und ein Teil von mir bedauert das.

Aber offensichtlich ist das doch ein Teil von dir, den du jetzt einfach nur stärker auslebst. Was daran bedauerst du?

Die allgemeine Vereinzelung. Weißt du, am Anfang dachten wir noch, wir rücken alle näher zusammen, es entsteht so etwas wie ein neuer solidarischer Gemeinsinn. Daran glaube ich nicht mehr. Und mein eigener Rückzug ist für mich so eine Art Symbol dafür.

Aber lag es nicht auch viel mehr daran, dass allgemein die Leute auf einmal ihre privaten Systeme hinterfragt haben?

Genau, das war die Konsequenz des Stillstands. Plötzlich haben Menschen gemerkt: Huch, ich habe ja gar nicht den richtigen Partner, mit dem ich das alles teilen kann. Keine Kinder. Keine Freunde. So viele haben da erst gemerkt, dass sie ein Leben führen, das ihnen gar nicht passt. Hast du etwas vermisst?

Nur New York, meine Lieblingsstadt, in der sehr viele meiner Freunde leben. Ansonsten nichts, aber Corona hat deshalb einen anderen Effekt bei mir gehabt: Ich weiß inzwischen extrem zu schätzen, was ich habe.

Ich auch. Ich lebe das Leben, das ich leben will.

Saugut! Aber nur mal angenommen, das geht jetzt so weiter. Also: Lockdown auf Lockdown, immer wieder Vollbremsung, du hast all die im Frühjahr gebunkerte Hefe in Broten verbacken, die Familie ist immer noch hyperaktiv …

Und davor habe ich Angst. Die Sache ist die: Ich kann gut leben ohne meinen Job, obwohl es der tollste der Welt ist. Aber ich bin nicht gut, wenn ich unterfordert werde. Ich werde eine sehr bequeme, engsichtige Hausfrau. Da ist mein Mann mit seinem Aktionsdrang eine große Hilfe. Der holt mich immer aus meiner Komfortzone raus. Oh, und noch etwas, das Corona verändert hat …

Na?

Ich fühle mich alt. Wenn ich vom Sofa aufstehe, frage ich mich oft: Hat das da hinten schon immer so gezwickt? Oder neulich auf dem Klo beim NDR: Da bin ich zum ersten Mal mit meinem Po an einen Mülleimer gestoßen, der eigentlich schon immer neben der Schüssel stand. Ich hab dann panisch geguckt, ob der vielleicht ein bisschen verschoben war.

Und?

War er. Gott sei Dank. Aber das Gefühl war da: Ich konnte meinem Körper beim Verfall und Ausdehnen zuschauen.

Okay, zugegeben: Damit kann ich mit meinen 33 Jahren noch nicht dienen. Aber dafür weiß ich plötzlich Dinge zu schätzen, die für mich immer absolut spießig waren.

Zum Beispiel?

Ich habe abends ein Glas Wein getrunken, und zwar genau eins. Ich bin plötzlich spazieren gegangen. Und habe gebacken.

Deine neue Spießigkeit weist ja schon ein Stück weit in die Zukunft. Lass uns doch mal über 2021 reden.

Gern.

Eigentlich sollte ja schon das Jahr 2020 dein letztes als Tennisspielerin gewesen sein, nach 16 Jahren als Profi.

Das stimmt. Aber daraus ist ja nichts geworden, deshalb wird 2021 meine Ehrenrunde.

Aber du hast deine berufliche Zukunft doch schon auf die Gleise gesetzt. Du arbeitest beim ZDF, du hast ein echt tolles literarisches Buch geschrieben … Spürst du bei der unsicheren Aussicht auf das nächste Jahr nicht den Impuls, zu sagen: Na gut, das war’s dann, danke für die schöne Zeit?

Es gab tatsächlich zwei solcher Momente. Der eine war eben im Oktober, als mein Buch veröffentlicht wurde. Die Leute mochten es, es kam total gut an, und ich habe auf einmal eine Zukunft als Autorin vor mir gesehen.

Und der zweite?

Das war ungefähr zur selben Zeit. Da hat meine Freundin Julia Görges, die ein Jahr jünger ist als ich, mit dem Profi-Tennis aufgehört. Ich habe sie angerufen. Sie klang so happy und im Reinen mit sich über diese Entscheidung, dass ich für mich ins Grübeln gekommen bin. Etwas in mir wäre so weit, ganz bestimmt. Aber ich habe auch das andere noch in mir gespürt. Diese Lust auf Tennis und Turniere und das Leben, das damit verbunden ist.

Ich bin übrigens sehr beeindruckt, dass du über gleich zwei so außerordentliche Talente verfügst. Was du alles kannst, was du alles machst! Irre!

Na ja, können und machen sind ja immer noch zwei äußerst verschiedene Dinge.

Du hast es auf Platz neun der Weltrangliste geschafft, und das Buch ist super, das habe ich durch Lesen empirisch nachgewiesen. Wann hast du gemerkt, dass Schreiben etwas für dich ist?

Früh. Ich habe schon immer gern geschrieben. Aber das zwischendurch dann manchmal vergessen.

Hä?

Neulich habe ich mal was für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" gemacht, da sagte der Redakteur zu mir: Erinnerst du dich, dass du schon mit 18 für uns ein Tourtagebuch geschrieben hast? Da habe ich dann "Hä?" gesagt. Bis es mir wieder eingefallen ist. Aber hey: Was geht bei dir nächstes Jahr?

Andrea, ganz klare Antwort: Ich weiß es nicht. Und warum? Weil keiner weiß, wie der Scheiß weitergeht. Meine Schwiegermutter wird 80, nur so zum Beispiel. Aber wo feiern wir? Berlin? Geht nicht, wenn nur zwei Haushalte beteiligt sein dürfen. Österreich? Aber wie ist es da mit Quarantäne und Einreise? Diese Aussicht ins Ungewisse, das ist gerade mein Blick in die Zukunft. Kannst du damit was anfangen?

Auf eine andere Art. Ich frage mich schon seit geraumer Zeit, ob ich eigentlich Kinder haben will.

Willst du. Ganz klar. Das weiß ich.

Ja, ich eigentlich auch. Aber in dieser Welt? In dieser Zeit?

Du willst ja eh noch Tennis spielen. Und dann schreiben. Und ins Fernsehen! Was war da noch mal der Plan?

Ich moderiere jetzt schon ab und zu im ZDF die "Sportreportage", das ist die Sonntagssportsendung im Zweiten. Aber langfristig würde ich gern auf Reisen gehen und zum Beispiel die Interviews am Spielfeldrand oder an der Laufbahn führen. Ich muss irgendwie raus, ich muss in die Welt!

Ist es dir wichtig, einen Plan für danach zu haben?

Für nach dem Tennis?

Genau.

Ja, schon. Wenn da gar kein Kissen gewesen wäre, in das ich hätte fallen können … Schwierig, ich brauche es schon weich. Ich frage mich nur: Wenn ich jetzt einen neuen Job mache, der schon wieder öffentlich ist – haben die Leute nicht irgendwann genug von mir?

Das sagen wir dir dann schon. Und dann hast du ja immer noch eine Alternative.

Ach ja. Stimmt. Die Sache mit den Kindern. Wie konnte ich das schon wieder vergessen.

STEPHAN BARTELS, der diesem Gespräch zugehört und es aufgeschrieben hat, freut sich schon deshalb auf 2021, weil es nicht mehr 2020 ist.

ANDREA PETKOVIC wurde 1987 in Tuzla geboren, kurz darauf wanderten ihre bosnisch-serbischen Eltern mit ihr nach Deutschland aus. Mit sechs begann sie das Tennisspielen, hat bis heute sechs Turniere der WTA-Tour gewonnen und war in den Top 10 der Weltrangliste. Ein ganz anderer Hit ist ihr literarisches Debüt "Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht" (KiWi).

Wir bedanken uns sehr herzlich bei The WOW!Gallery Berlin, www.thewowgallery.de und Adidas!

BARBARA 52/2020

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