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Anna Depenbusch "Ich bin eine Tiefste-Täler-höchste-Berge-Wanderin."

Anna Depenbusch: Barbara Schöneberger und Anna Depenbusch
© Anna Rose
Oh, zwei Optimistinnen! Aber während Musikerin Anna Depenbusch immer mal wieder tiefe Täler besucht, erinnert Barbara kaum noch, wo die liegen.
von Stephan Bartels

Barbara: Anna, die Zeiten sind besonders, und sie sind hart. Du hast zum Beispiel wegen des Corona-Virus eine ganze Tour abgesagt.

Anna: Fast. Das erste Konzert in Fulda habe ich noch gespielt. Und tags darauf in gemischten Gefühlen gebadet: Mein neues Album ist auf Platz 28 in die Charts eingestiegen, was riesig war für mich, weil ich es auf meinem Ein-Frau-Label veröffentlicht habe, in dem all mein Herzblut und Geld steckt.

Und dann?

Wurden ein paar Stunden später aus bekannten Gründen sämtliche folgenden Auftritte gecancelt. 30 Konzerte. Eine Katastrophe, weil sich die Platte ausschließlich über die Tour refinanziert.

Hast du geweint?

Da noch nicht, weil ich erst mal kein Gefühl dazu hatte. Schockgefroren. Ich habe nur funktioniert, organisiert und Notfallpläne gemacht. Das große Heulen kam später am Tag, als ich zusammen mit meiner Crew realisiert hab, dass wir nicht weiterfahren werden. Das hat die Schleusen geöffnet.

Das ist interessant. Für dich allein konntest du es aushalten.

Stimmt. Aber den anderen sagen zu müssen, dass ihr Job gerade gestrichen wurde, hat mich umgeworfen. Wie kommst du mit der Situation klar?

Ach. Bei mir ist auch ein Großteil der Jobs abgesagt worden. Aber ich bin nach wie vor in einer Luxussituation. Und ich habe viele Projekte gestartet, die ich an meiner Wohnadresse ausleben kann.

Zum Beispiel?

Den Keller aufräumen. Das allein hält mich vier Wochen in Beschäftigung. Ich leide nicht, und ich langweile mich nicht. Privat bin ich sowieso extrem häuslich. Und du, bist du gut darin, die Corona-Regel Nummer eins zu befolgen?

Zu Hause zu bleiben? Ich kann das gut. Genau genommen ist das auch Teil meines Jobs. Ich bin durstig danach, neue Themen zu finden, Unbekanntes zu entdecken, und das finde ich ganz oft in mir – und allein zu Hause oder am Klavier in meinem Studio.

Kannst du auf Knopfdruck schreiben?

Nicht unbedingt. Aber ich kann auf Knopfdruck Inspiration reinlassen. Ich nenne das kreativen Bereitschaftsdienst. 

Wie funktioniert der?

Das ist wie ein Blind Date mit der Muse. Und dafür muss ich zum verabredeten Zeitpunkt am Treffpunkt sein.

Der ist wann und wo?

Morgens um neun an meinem Klavier. Allerdings lässt mich mein Date dann nicht selten ungeküsst sitzen. Aber ich muss da sein mit meiner Bereitschaft.

Weißt du dann schon um Viertel nach neun, ob im Laufe des Tages noch etwas passieren wird?

Nee. Aber so um elf. Und dann sitze ich da halt einen Tag länger vor meinem weißen unbeschriebenen Blatt.

Ich habe ein bisschen Angst vor weißen Blättern. Ich denke so oft: Es ist doch alles schon gesagt. Aber gestern zum Beispiel habe ich mit meiner Tochter gemalt, und dabei haben wir uns Geschichten erzählt. Das hat Spaß gemacht!

Siehst du! Geht doch!

Und in meiner Euphorie dachte ich so: Eigentlich könnte ich auch mal ein Kinderbuch machen.

Aber?

Ich kann leider nicht so gut Menschen malen. Nur Möbel.

Na, dann malst du eben Augen und Münder auf die Möbel und gibst ihnen Namen und eine Story: Corinna, die Kommode ...

Das ist cool! Denn so eine Kommode hat ja auch Gefühle, und die wollen erzählt werden! Corinna ... Da lande ich gedanklich schon wieder bei Corona: Ist es nicht spannend, dass wir alle diesen Reset erleben? Normalerweise ist man mit lebensverändernden Gefühlen allein mit sich, oder man teilt sie vielleicht mit Leuten, die sie gerade nicht durchmachen. Aber hier ist klar: Wir haben alle eine ähnliche Ausgangslage, äußerlich und emotional.

Und trotzdem kommen wir unterschiedlich gut damit klar. Ich weiß nicht, ob du das auch kennst, aber ich spüre Beziehungen zu Menschen wie unsichtbare Fäden. Und da zieht es gerade sehr unterschiedlich an mir, und auf die Art kann ich ganz gut feststellen: Wer braucht mich mehr, um wen brauche ich mich nicht zu kümmern? Oder an wem ziehen meine sehnsüchtigen Fäden?

Ich mag, wie sich die Themen verändert haben. Im Nachhinein habe ich festgestellt, wie viele unserer Gespräche mit Freunden sich früher um Status und Geschäfte gedreht haben. Das ist jetzt alles viel persönlicher geworden. Vielleicht auch deshalb, weil da beruflich gerade eine Leerstelle sitzt.

Aber meinst du, das bleibt uns, wenn wir mal über die Stunde null hinaus sind?

Hm. Ob wir uns in unseren Beziehungen nachhaltig verändern, unsere Werte langfristig neu justieren … Keine Ahnung. Aber ich glaube, dass ich Teile meiner Talente auch ganz neu bewerte.

Welche?

Zum Beispiel bin ich eine begnadete Verdrängerin.

Kenn ich. Bin ich aber nur halb gut drin.

Ich kann ein Problem so lange auf die lange Bank schieben, bis ich es komplett vergessen habe. Das hat sich in den vergangenen Wochen relativiert, ich schiebe nicht mehr so viel von mir weg.

Aber ich halte das tatsächlich für ein Talent. Es ist gut, den emotionalen Fensterladen weit zu öffnen, um alles reinzulassen, sonst gäbe es keine Lieder oder Bücher. Aber man muss ihn auch wieder schließen können. Das kannst du ganz gut, oder?

Den Fensterladen wieder schließen?

Sagen wir: resilient sein. Unverwundbar sein. Allem eine gute Seite abgewinnen. Meine Oma hat immer gesagt: Nichts ist so schlecht, dass nicht etwas Gutes darin steckt.

Und das denkst du auch?

Total! Wenn ich in einem frisch gewaschenen weißen Hemd in eine Pfütze falle, stehe ich auf und denke: Geiles Muster.

Das macht uns zu Schwestern im Geiste. Aber weißt du, was ich manchmal vermisse?

Na?

Ich spüre oft nichts. Etwas passiert, und sofort rattert meine innere Maschine und zeigt mir eine andere, positive Perspektive auf – Trauer, Schmerz, Euphorie, das alles erreicht mich ganz oft nicht. Ich kann nichts dagegen tun.

Und das belastet dich.

Mehr, als ich jetzt zugeben würde. Ich bin ein bisschen neidisch auf Leute, die emotional die tiefsten Täler durchwandern. Um auf der anderen Seite auch die größten Gefühlsgipfel zu besteigen. Ich bin, wenn man in diesem Bild bleibt, stabil auf einem leicht gewellten Geestrücken unterwegs.

War das schon immer so?

Einmal hatte ich wirklich Herzschmerzen. Das fiel in eine Zeit, in der ich sehr gewissenhaft Tagebuch geführt habe. Ich hab diese eine Episode neulich nachgelesen und festgestellt: Wie großartig, wie ergiebig war das, wie aufregend in seiner dramatischen Traurigkeit. Viel toller, als immer nur zu schreiben: Alles ist wunderbar, wie es ist. Denn das ist mein Leben fast immer.

Okay. Das unterscheidet uns. Ich bin so eine Tiefste-Täler-höchste-Berge-Wanderin, rein emotional betrachtet. Aber dann kommt wieder meine Oma ins Spiel: Erstens kann ich aus jedem durchlittenen Herzschmerz-Drama immer noch ein gutes Lied machen.

Allerdings. Wenn ich da an "Kommando Untergang" denke …

So. Zweitens fühle ich mich aber auch durch Schmerz mit anderen verbunden. Ich weiß genau: Wenn etwas gerade so richtig, richtig wehtut, dann empfindet jemand anders genau jetzt genau dasselbe – und vielleicht noch viel schlimmer. Das tröstet mich.

Da sind sie wieder, deine unsichtbaren Fäden.

Ja. Schmerz, Freude – alles wird besser, wenn man es teilt. Aber auf magische Weise irgendwie auch nicht weniger.

ANNA DEPENBUSCH ist eine der tollsten Musikerinnen, die dieses Land zu bieten hat. Früher sang sie Werbejingles ein, komponierte Beruhigungssoundtracks für MRT-Patienten und synchronisierte Rollen in "Baywatch", seit 2011 – nach einem Auftritt bei "Inas Nacht" – kann sie von der Musik leben. Im März erschien ihr siebtes Album "Echtzeit", die Tour dazu ist auf den Herbst verschoben. Die 42-jährige Hamburgerin hat ein Faible für Ornithologie und Quantenphysik. Echt jetzt.

STEPHAN BARTELS hat dieses Gespräch begleitet und echt mal ein Buch namens "Männergefühle" geschrieben.


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