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Arztbesuche mit Kindern - "Ich seh da nur Kackawurst"

Arztbesuche mit Kindern - "Ich seh da nur Kackawurst"
© Getty Images
Unsere Autorin schämt sich nicht für viele Dinge. Reine Zeitverschwendung. Aber Arztbesuche mit Kindern können einen durchaus mal in Lagen bringen, auf die einfach nur ein Attribut passt, das dafür dreifach: PEINLICH, PEINLICH, PEINLICH!!!
von Marie Stadler

Bis vor ein paar Tagen dachte ich, ich wäre allein. Immer hörte ich nur von Hochbegabungs-Diagnosen, Vierjährigen mit diagnostizierter Schulreife und ärztlich attestierten motorischen Überfliegern. Zum Glück habe ich eine Kollegin, die die Mauer des Schweigens durchbrach. Ihr Zweijähriger hatte bei der U Irgendwas weder einen Pokal gewonnen, noch seine vorzeitige Schulreife bewiesen. Er hatte beim Sehtest einfach konsequent "Kackawürste" gesehen. Ich kenne den kleinen Kerl nicht, aber ich liebe ihn trotzdem! Kein Mensch weiß, ob er gut sehen kann. Dafür weiß jetzt jeder, dass er eine Menge Humor hat. Und Sehschwächen kann man easy ausbügeln. Fehlenden Humor ja eher nicht. Siebzehn mal "Kackawurst" zu antworten auf die Frage, was man auf der Tafel sehe, finde ich jedenfalls ziemlich witzig, und vor allem extrem mutig.

Kein gutes Omen...

Eigentlich hätte ich es wissen müssen, dass auch bei uns Arztbesuche unter keinem guten Stern stehen. Schon bei der Ultraschalluntersuchung in der 12. Woche blickte meine Frauenärztin voller Erstaunen auf das Bild, das sie geschossen hatte. Gerade so ein erkennbarer Mensch, hatte meine Tochter schon deutlich Stellung bezogen zu medizinischen Check-Ups. Vor uns lag ein Foto, auf dem uns ganz offensichtlich der Mittelfinger entgegengestreckt wurde. "Na, das kann ja heiter werden", lachte die Ärztin. Und sie sollte Recht behalten.

Das Wartezimmer ist nicht das Smaland

Dieser Mini-Mittelfinger ist jetzt schon einige Jahre her. Trotzdem sehe ich ihn immer, wenn wir mal wieder eine Arztpraxis betreten, vor meinem geistigen Auge. Mittlerweile sind aus einem Kind drei geworden, was statistisch gesehen meine Chancen auf Blamage auf ein Dreifaches erhöht. Haben wir in empirischen Studien mittlerweile widerlegt. Es ist mindestens das sechsfache Risiko. Ganz sicher! Im Gegensatz zu mir lieben alle meine Kinder Arztbesuche, was vor allem am Klettergerüst des Wartezimmers liegt. Unser Zusammentreffen mit dem Weißgekittelten beginnt also immer mit drei Schmolllippen, weil keiner versteht, warum man nach anderthalb Stunden schon ins Sprechzimmer soll. Unverschämtheit! Man hatte doch gerade so viel Spaß gehabt mit all den virenverseuchten Bauklötzen, den mit Keuchhusten-Sabber versetzten Bilderbüchern und mit dem Gestänge im Klettergerüst, an dem sich gerade der andere Junge seinen Mageninhalt nochmal durch den Kopf hatte gehen lassen.

Und ich staune nur...

Was dann passiert, beweist endgültig, dass die gleiche Erziehung nicht unbedingt zu einem ähnlichen Ergebnis kommt. Während unsere Älteste sich in der Aufmerksamkeit des Arztes suhlt und regelmäßig um Spritzen bettelt, was in meinen Augen völlig irre ist, erzählt die Mittlere von Verhältnissen zuhause, die ich so nur aus RTL Zwei kenne. "Wieviel Fernsehen schaut sie denn immmer so?", fragt der Arzt. "So 10 bis 20 Minuten im Durchschnitt", antworte ich, wobei zugegebenerweise eher die 20 Minuten als die 10  der Wahrheit entsprechen. "Hä?", sagt die Fünfjährige empört. "Ich darf ganz oft bis mitten in der Nacht gucken!" Vier Augenpaare starren sie entsetzt an. "Wenn ich nicht schlafen kann, gucke ich das mit dem weißen Hai, wenn der die Robbe frisst. Da gibts immer ganz viel Blut. Aber dann krieg ich schlechte Träume." Ich atme langsam aus, wie ich es beim Geburtsvorbereitungskurs gelernt habe und setze das gequälte Lächeln einer Besiegten auf, die eingesehen hat, dass sie nichts mehr ausrichten kann. Erklär mal nach der Beschreibung, dass das ein einziges verdammtes Mal vorgekommen ist und du sie mit einem harmlosen Tierfilm von den Ohrenschmerzen ablenken wolltest, der Film aber nicht ganz so harmlos war wie angenommen. Und das dann bitte, ohne das Ganze als ganz miese Ausrede wirken zu lassen... Richtig, keine Chance! Ich sage also nichts, höre mir den Vortrag über den schädlichen Einfluss von Medien an und nicke bedächtig, während ich wüste Rachepläne schmiede.

Das Beste kommt immer zum Schluss

Während die Älteste also die aktuellen Stiko-Empfehlungen für unzureichend befindet und die Mittlere uns zu Frauentausch-Kandidaten degradiert, meint unser Jüngster, er müsste das Ganze noch ein bisschen auf seine ganz eigene Art und Weise aufpeppen. Letztens erst wieder bei der U8. Schon das Ausziehen findet mein Jüngster blöd. Nach langen Diskussionen können wir ihn schließlich dazu überreden. "Aber auf dieses Ding geh ich nicht!", sagt er und zeigt auf die Waage. "Dann machen wir das anders", knurrt die leicht ungeduldige Arzthelferin mir zu und rollt ihre Rehaugen. "Wir wiegen erst Sie alleine und dann Sie mit ihm auf dem Arm." Ich starre ihr auf die Levis mit Hosenbundweite 25. Sie starrt unbarmherzig zurück. "Aber es ist kurz nach Weihnachten", zische ich hysterisch. "Da gehe ich grundsätzlich nicht auf die Waage. ich bin ja nicht irre!" Die Arzthelferin hebt vielsagend die Augen. "Warum impft man in Norddeutschland nicht gegen Zeckenbisse, das wär doch besser, oder?", fragt da nochmal meine Älteste. Ich seufze, sehe ein, dass wir doch irre sind und steige willenlos auf die Waage.

Farbenblind, taub und kurzsichtig

Die wirklich einzige Erkenntnis der U8? Mein BMI ist grenzwertig, seiner perfekt. Sonst steht im U-Heft unter fast jedem Punkt: Verweigert. Das Piepsen auf den Kopfhörern kann mein Sohn angeblich nicht hören. Ich schlage der Arzthelferin vor, "Schokolade" zu flüstern. Will sie nicht. Bei den Farben ist unser Kleinster einfallsreich. Er erweitert die Farbpalette um die Farben "ekelhaft", "blöd" und "weiß ich nicht". Blau, grün, rot und gelb benutzt er dafür gar nicht. Beim Zählen ist er auch kreativ. Eins, zwei, dreiundelfzig, Tausend. "Eigentlich sollte er schon bis Zehn zählen können", murmelt die Arzthelferin. "Ich weiß", sage ich, "das ist wahrscheinlich wegen der ganzen Haifilme." Aber schon kurz drauf beweist mein Jüngster, dass er die Haifilme nicht mal sehen könnte, wenn er sie sehen dürfte. "Seh nix", ist die Standardantwort auf die Frage, was auf der Tafel abgebildet ist.

Ich bin keine Helikoptermutter

Ein paar Wochen später stehe ich mit meinem taubblinden Zählverweigerer in der Notaufnahme. "Er kann nicht mehr laufen", keuche ich außer Atem der Krankenschwester entgegen. Nachdem er selbst beim Gang zum Eiswagen eingeknickt war, hatte ich die Lage für ernst befunden. Weinend an mich geschmiegt liegt mein Kleiner in meinen Armen. Ich versuche, ihn nochmal auf seine Beine zu stellen. Sofort sackt er zusammen. Auch ich könnte heulen. Wir warten viele Stunden, bis ein Arzt Zeit hat. "Zeig mir mal, wie du laufen kannst", sagt er. Man sieht ihm den stressigen Sonntag an. Er stellt meinen Sohn auf den Boden und ich traue meinen Augen nicht, als dieser ohne Probleme fünfzig Meter den Gang rauf läuft und sprintend zurückkommt. "Guck mal, Mama!", ruft er fröhlich. "Der Arzt hat mich heile gemacht!" Ich ernte einen bösen Blick vom Mediziner. Er biegt die Beine meines Sprösslings hin und her, scheint keine Einschränkung zu finden. "Wissen Sie, dass es hier echte Notfälle gibt?", raunzt er mich mit müden Augen an. "Ja, ich weiß", stammele ich. "Ich wollte mir nur später nicht anhören, ich hätte seine Fußballkarriere versaut, weil ich nicht reagiert habe!" ... "Fußballkarriere...", wiederholt der junge Arzt ungläubig. "War jetzt nur so ein Beispiel", füge ich hochrot hinzu und wünsche mir nichts sehnlicher als ein Loch im Boden, durch das ich verschwinden kann. Vor meinem inneren Auge schwebt ein meterhoher Mittelfinger. Arztbesuche sind einfach echt nicht unser Ding, denke ich, während mein Spross völlig korrekt 28 Patienten im Wartezimmer zählt.


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