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Wohnungssuche Aufmachen oder Abschließen?

Aufmachen oder Abschließen? Frau vor Wohnungstür

© Helen Fischer
Unsere Kollegin will umziehen. Oder doch nicht? Die Ausgangslage ist kompliziert, der Wohnungsmarkt sowieso. Weil Dorthe Hansen keine Antwort findet, helfen: ihre Mutter, eine Münze und etwas Magie.

Versuchsobjekt: Dorthe Hansen' eine treue Mieterin.

Testumgebung: Die Wohnung' in der sie seit 16 Jahren lebt' und die "Hexerey" in Hamburg-Winterhude.

Mission: Aus der Gesamtlage die richtigen Schlüsse(l) ziehen.

Auch der entscheidende Moment steht vor der Tür…

Mein Problem ist klein' obwohl es groß ist. Also: ein bisschen zu groß und ein bisschen zu teuer. Meine Wohnung und ich' wir passen nicht mehr zusammen. Glaube ich. Manchmal. Eine Freundin sagt' dann zieh halt um' und schickt mir laufend Wohnungsinserate. Eine andere Freundin sagt' bleib da' so was findest du nie wieder. Die zwei haben total recht. Das ist das Problem. Und dann funken mir noch Emotionen dazwischen.

Wir waren zu dritt' als wir hier einzogen. Seit zwei Jahren sind wir nur noch zu zweit' und wenn auch noch mein Sohn auszieht' was etwa in einem Jahr geschehen könnte' spätestens in vier Jahren passieren sollte' wird die Wohnung echt zu groß. Deshalb sind da so Fragen in meinem Kopf: Wäre es nicht besser' sich sofort zu verkleinern und noch einmal gemeinsam umzuziehen? Wäre ein Umzug nicht sowieso ein guter Schritt in Richtung Neuanfang? Wäre kleiner günstiger zu haben?

Bei der letzten Frage sehe ich klar: Für das' was ich hier an Miete zahle' bekämen wir heute deutlich weniger Quadratmeter' keinen Balkon und eine für uns schlechtere Lage. Trotz ständiger Mieterhöhungen' die in erschreckender Regelmäßigkeit hier eintrudeln und mich persönlich schmerzen' ist unsere Miete vergleichsweise günstig. Ganz alter Mietvertrag. Daher: Warum das Wohnungsthema überhaupt wälzen' solange das Kind noch im Haus ist? Ist es nicht schön' wenn wenigstens etwas bleibt? Will ich hier allein zurückbleiben? Herrje.

Meine innere Fragestunde baut sich in mir auf wie ein schiefer Klötzchenturm' schafft aber auch Raum für seltsame Wohnfantasien. Die letzte: ein Tiny House im Garten meiner Eltern' äußerste Ecke' gleich hinterm Treibhaus. Wie toll! Oder? Meine Eltern antworteten in ihrer norddeutschen Art' durchs Blumenbeet sozusagen: Dort stellten sie kurzerhand ein kleines Häuschen auf – für Fahrräder und so.

"Der Platz ist also: weg."

Eine Einschätzung möchte ich von der Seite aber doch' und meine Mutter ist dafür bestens geeignet' weil sie über das nötige Maß an Distanz und Nähe verfügt: Sie fühlt mit mir' mag meine Wohnung allerdings nicht besonders ("rummeliger Altbau")' hat aber auch ein Ortswechsel­thema' weil sie als Teenager ihr Elternhaus zurücklassen musste' als sie vom Darß in den Westen floh. Gut' meine Situation ist dagegen lächerlich klein' sag ich doch. Meine Mama versteht mich trotzdem' ich bete ihr jedes Für und Wider herunter' und sie denkt laut: "Mir würde das auch schwerfallen. Man weiß ja nicht' was kommt." Hiermit trifft sie einen Punkt: Wie soll ich mich begeistern für etwas' das derart unkonkret ist? Ich müsste wohl zunächst eine Leidenschaft für die Suche entwickeln' sie kontinuierlicher betreiben und gewiss zu einer anderen Tageszeit.

Denn logisch schaue ich hin und wieder nach Wohnungen' nachts' wenn ich nicht schlafen kann. Dann scrolle ich mich von einer Seite zur anderen' durch sämtliche Immobilienportale. Ich beäuge' was so drin wäre' setze die Kaltmiete höher und gehe gleichzeitig mit der Zimmerzahl runter. Ich studiere Grundrisse und wäge ab' ob der Kühlschrank mitdürfte und wo das Katzenklo stehen könnte. Ich checke die Fahrradstrecke von dort zur Schule und zur Redaktion. Die Wege sind lang. Ich bin allein vom Gucken erschöpft. Wenn ich aber doch noch ein bisschen kann' dann wechsele ich in die Rubrik "Kaufen" und hole mir da den Knock-out.

"Wohnsinn statt Wahnsinn"

Grundsätzlich lässt sich aus Mamas Überlegung was machen: Heimsuche als Hobby' Besichtigungstourismus' Wohnsinn statt Wahnsinn. Klingt lustig. Bis zu dem Moment' als meine Nachbarn' die ich auch schon seit 15 Jahren kenne' anmelden' dass sie zu viel Kuchen im Haus haben und dringend meine Unterstützung brauchen. Es wohnt sich hier wirklich so nett.

Eigentlich wünsche ich mir' dass jemand all meine Überlegungen wie einen schweren Vorhang zur Seite schiebt und offenlegt' was ansteht. Magisch' mein Wunsch wird erhört: Ich stolpere über ein Interview' in dem Elanor vom Eichenmoor über weiße Magie spricht' "aufbauend' heilend' wachsend". Die Frau ist eine Hexe und gar nicht weit entfernt von mir tätig. Eine Woche später sitze ich im "Hexenzimmer" ihrer "Hexerey"' dort wird sie mir die Karten legen. Das habe allerdings nichts mit Magie zu tun' mehr mit der eigenen Intuition und der Möglichkeit einer Draufsicht. Ich bin so angespannt wie vor einer Präsentation. Zunächst formulieren wir eine Fragestellung: Welche Wohnraumsituation wäre für mich förderlich? Ein Neuanfang oder das Alte behalten?

Hokuspokus

Geht los. Frau vom Eichenmoor mischt die 78 Karten' sehr routiniert' sie macht das immerhin seit 25 Jahren' und trotzdem flutscht ihr plötzlich eine Karte raus. Wenn das ein Trick ist' dann ist er ziemlich gut: "Aha"' sagt sie' "genau. Das sind die 'Zwei der Schwerter'' Ihre Ist-Situation." Sie erzählt' wofür die Karte steht' ich schlage das später lieber noch mal nach' weil ich es komplett irre finde: "symbolisiert innere Zerrissenheit und Zweifel' erinnert uns daran' dass es wichtig ist' einen Ausgleich zwischen Ratio und Emotion zu finden".

Mischen. Dann wähle ich einen aus drei Stapeln' und die Kartenlegerin deckt auf: der Stern' "für die Hoffnung' einen neuen Kurs einzuschlagen". Die Hohepries­terin' denn "auf rationaler Ebene wer­den Sie dieses Problem nicht lösen". Sie legt Karte um Karte von oben nach unten' zunächst drei Reihen nebeneinander' und erzählt' was da los ist. Hier mein liebster Kartendialog: Der "Page der Münzen" sagt: Ich habe eine Idee! Die "Vier der Münzen" sagt: Auf keinen Fall! Das "Ass der Stäbe" sagt: Das machen wir aber! Die "Sieben der Schwerter" sagt: Eigentlich möchte ich nur davonrennen…

Umzug – Fehlanzeige?

Elanor vom Eichenmoor sagt: "Sie sehen: Rein in die Kartoffeln' raus aus den Kar­toffeln. Diese ersten drei Linien deuten ein ziemliches Ringen an." Sie legt weiter. Etwa: das "Rad des Schicksals"' steht für "So' wie es jetzt ist' bleibt es nicht". Also ziehe ich um? Mit Blick auf die Gesamtlage sagt Elanor vom Eichenmoor: "Sie ziehen nicht um. Nichts zu machen." Und dann wird sie konkreter' die Wohnung sei nur ein Stellvertreter für einen Konflikt' den ich mit mir austrage. Weil da aber auch der "Hierophant" liegt' habe sie große Hoffnung' dass eine Erkenntnis' ein Klickmoment kurz bevorstehe' "blitzartig"' sagt sie' "ich würde den fast schon im Juli verorten' obwohl Zeitangaben bei Tarot sehr schwierig sind. Diese Erkenntnis hilft Ihnen dabei' Ihre Willenskraft zu kanalisieren. Ihre Wohnung hat ein Potenzial' und der 'Magier' hier deckt dieses Potenzial auf." Dann ist da noch die "Neun der Münzen"' Elanor vom Eichenmoor nennt sie "die Wohlfühlkarte – da wollen wir hin' diese Dame steht in ihrem Garten voller üppiger Früchte' die ist in sich zufrieden' hat alles' was sie braucht' und hat es sich einfach schön gemacht. Die nächste logische Entscheidung wäre für Sie' den Grund he­rauszufinden' warum Sie da wegwollen. Und dann zu sagen: Nö' ich bleibe."

Die Sitzung dauert fast eine Stunde' und während Elanor vom Eichenmoor fast ungerührt meine Lage und die Aussichten beschreibt' bemerke ich' wie angenehm mir der Gedanke ist' das Gute zu sehen und am alten Heim festzuhalten. Diese Haltung gefällt ihr gar nicht. Sie tippt auf die "Vier der Münzen"' "gucken Sie mal' der hier' der hält die Münzen mit Händen und Füßen' so fest' dass er sich nicht mehr bewegen kann. Es braucht eine Verwandlung. Denken Sie noch mal ganz neu' es gibt Möglichkeiten' die Wohnung anders zu nutzen." Bitte keine WG' schießt es mir durch den Kopf' und das sage ich dann auch. Hü und hott beherrsche ich nämlich auch im Austausch mit anderen. Lässt sie nicht gelten: "Hier in der letzten Linie wird Ihr Muster von Impuls und Gegenimpuls aufgelöst. Ganz oben liegt die 'Mäßigkeit'' eine sehr schöne Karte. Sie steht gleichermaßen für die Intuition und den Boden der Tatsachen' beides ist bei ihr in Balance. Sie kommen da wieder hin."

Non-Stop Grübelei

Was soll ich sagen: Die Hexe hat mir den Kopf verdreht' im besten Sinne. Ich kann alles' was sie gesagt hat' komplett annehmen. Das entspricht überhaupt nicht meiner Art – und wahrscheinlich ist es gerade deshalb so erlösend. In den folgenden Wochen staune ich darüber' wie leicht es mir gefallen ist' meine Gedankenschleife zu kappen' einfach aufzuhören' über das Thema zu grübeln' das ich zwei Jahre lang nicht aus dem Hirn bekommen hab. Wenige Tage nach dem Besuch in der "Hexerey" schleife ich die Arbeitsplatte in der Küche ab und entscheide' mich von zwei Schränken zu trennen. Einmal frage ich mich' ob ich den Karten auch so leichtfertig hätte folgen können' wäre die Antwort anders ausgefallen. Kann sein. Schulterzucken.

Ich erkenne mich erst wieder' als ich noch die Münze werfen will. Gehen oder bleiben' Kopf oder Zahl? Tja. Welche Seite soll ich welcher Entscheidung zuordnen? Irgendwas in mir hat überhaupt kein Verlangen' dieses Spielchen weiterzutreiben. Etwa im Juli soll ja dieser Klickmoment eintreffen' sagte die Hexe. Dann werfe ich die Münze eben frühestens im August.

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BARBARA 09/2020

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