Aus einer Amazone macht man keine Ballerina – oder?

Unsere Autorin war vom Körpertyp her schon immer eine Amazone – und traute sich deshalb als Kind nicht zum Ballett. Fast 30 Jahre später hat sie die ersten (Tanz-) Schritte nun doch gewagt.

Von Sarah Martens

Es gibt ja Kindheitsträume, die man nie so ganz vergessen kann. Meiner hatte mit weißen Strumpfhosen und einem Tutu zu tun und ging bis heute nicht in Erfüllung. Wie gern hätte ich wie viele meiner damaligen Freundinnen zum Ende der Kindergartenzeit im rosa Glitzerkleidchen meine ersten Ballettschritte auf der Bühne präsentiert und mir stolz wie Oscar den Applaus meiner Eltern dafür abgeholt. 

Geht mir weg mit euren Flamingo-Beinen!

Getraut habe ich mich das leider nie. Zwar brachte meine Mutter mich als Kleinkind einmal zum Unterricht, aber schon damals bemerkte ich, dass ich mich von den anderen Mädchen unterschied: Ich überragte sie sowohl in der Höhe als auch in der Breite deutlich. Und obwohl weder ein böses Wort oder auch nur ein skeptischer Blick auf mich fielen, entschied ich in diesem Moment: Hier passe ich nicht hin. Also sagte ich meiner Mutter, dass die Mädchen ja albern aussähen mit ihren staksigen, flamingoartigen Bewegungen und ich kein Ballett machen wollen würde. Was natürlich glatt gelogen und unfassbar dämlich war – aber so sind Kinder eben manchmal.

Eine Chance – 30 Jahre später

Mittlerweile bin ich 32 und von der Statur her immer noch eher eine Amazone: 1,78 Meter groß, breite Schultern, breite Hüften. Nicht unbedingt dick, aber mit ein paar Kilos zu viel belastet. Der Traum, Ballett wenigstens auszuprobieren, ist immer noch da. Und zum Glück ist mein Selbstbewusstsein heute wesentlich größer als vor fast 30 Jahren. Weshalb ich mich einfach direkt angemeldet habe, als ich eher zufällig über einen vierstündigen Ballett-Grundlagenworkshop für Erwachsene in einer Tanzschule gestolpert bin.

Wo bitte kann man hier seine Anspannung abgeben?

Ein wenig hibbelig, aber positiv angespannt stand ich also an einem späteren Samstagnachmittag vor dem Eingang zum Kursraum und warf verstohlene Blicke auf meine Mittänzer. Ein Mann in meinem Alter war dabei, der Rest der Anwesenden bestand aus Frauen mit verschiedenen Staturen (hurra!) und Altersklassen: Die Jüngste war gerade 18, die Älteste gab ihr Alter sehr charmant mit "Ich muss schon nicht mehr arbeiten" an. Einige hatten schon etwas Balletterfahrung, andere waren genauso blutige Anfänger wie ich. Das gab mir Mut – also schnappte ich mir meine extra angeschafften zierlichen Ballettschläppchen und quetschte meine nicht ganz so zierlichen Größe 42 Füße hinein, dann ging es auch schon los.

Meine Erkenntnisse nach der ersten von vier Stunden:

  1. Meine Haltung ist ganz ordentlich.
  2. Ich hätte Französisch nicht nach der achten Klasse abwählen sollen.
  3. Frappé und Fondu bezeichnen nicht zwangsweise etwas zu essen (siehe auch Punkt 2).
  4. Man kann unheimlich viel falsch machen, wenn man eigentlich nur die Arme über den Kopf heben will.
  5. Ich weiß, was ein Plie ist und kann es mehr oder minder elegant ausführen.
  6. Bei besagtem Plie knacken alle meine Beingelenke, als würden sie nur noch durch Schrauben aus dem Jahr 1976 zusammengehalten werden.
  7. Erfreulicherweise war ich den Geräuschen im Kursraum nach zu urteilen nicht die einzige mit derartiger Beinverschraubung.

Unsere Lehrerin erklärte uns geduldig alle Grundpositionen und ließ uns dann unter anderem Plies (Kniebeugen, dabei sollten die Knie über den zweiten Zeh ausgerichtet sein), rond de jambe (Beinkreise auf dem Boden) und cou de pied (ein Bein am Fußgelenk des anderen anwinkeln) üben und erklärte Armhaltungen wie bras bas (Arme unten) und en haut (Arme oben). Ich wünschte mir zwischendurch ein französisches Wörterbuch, schätze aber, dass man sämtliche Begrifflichkeiten einfach auswendig lernen muss, wenn man Ballett auch nur hobbytechnisch weiterverfolgen wollen würde.

Meine Haltung war ganz ordentlich... 

Es fiel mir nicht schwer, eine gerade Linie zwischen Schultern, Brust und Hüften zu bilden. Meine Knie wollten dafür an vielen Stellen nicht so mitspielen, wie ich es gern gehabt hätte: Statt sich wie gewünscht über den zweiten Zeh nach außen zu schieben, knickten sie gern nach innen oder zu weit nach außen. Und sie gaben ihre Empörung darüber, dass sie nun plötzlich arbeiten mussten, auch direkt an meinen mittelmäßig ausgeprägten Gleichgewichtssinn weiter, der mich mehrmals ins Schwanken brachte. Immerhin ein Lichtblick: Umgefallen bin ich nicht. Neben Orkantief "Sabine" brauchte Hamburg an diesem Wochenende ja nicht auch noch ein Erdbeben.

Pferdchen im Galopp

Letztendlich krönten wir unseren Kurs mit ein paar Hopsern, die gern Sprünge gewesen wären. Und das inklusive einem Hoppslauf quer durch das Studio, bei dem mein Kopf automatisch "Hopp, hopp, hopp, Pferdchen im Galopp" trällerte, denn anders lässt sich die gallopartige Springerei wirklich nicht erklären. Sah wahrscheinlich hochgradig albern aus, was ich aber nicht beurteilen kann, weil ich statt in den Spiegel zu schauen damit beschäftigt war, nicht über meine eigenen Füße zu fallen. Am Ende des Kurses war ich logischerweise ziemlich platt und kämpfte am nächsten Tag mit üblem Muskelkater in den Beinen, aber auch das war zu erwarten.

Heute Amazone – morgen Ballerina?

Bleibt also die Frage, ob man aus einer Amazone nun eine Ballerina machen kann oder nicht. Meine Antwort: Keine Ahnung, aber ich bin durchaus gewillt, es zu versuchen. Der Kurs hat mir Spaß gemacht und allzu dumm angestellt habe ich mich wohl auch nicht. Natürlich wird aus mir kein sterbender Schwan oder eine Zuckerfee mehr, aber darum geht es ja auch gar nicht. Ich kann vielleicht an meiner Statur nicht allzu viel ändern, aber ich kann ihr sicher ein bisschen mehr Eleganz und Haltung verleihen. Den ersten Schritt dazu habe ich ja nun getan.