Bitte! Verhängt endlich die Ausgangssperre!!!

Unsere Autorin hatte inständig gehofft, dass die Bundeskanzlerin in ihrer Ansprache gestern endlich offiziell die Ausgangssperre verhängt...

von Marie Stadler

Ich weiß, mit meiner Meinung trete ich sicher einigen auf den Schlips. Aber ich möchte sie trotzdem laut in die Welt schreien: "BITTE! VERHÄNGT ENDLICH DIE AUSGANGSSPERRE!!!" 

Die, die Ihre Rede verstanden haben, Frau Bundeskanzlerin – sogar noch bevor Sie sie hielten – die haben sich selbst längst Ausgangssperre erteilt. Sich selbst, ihren Kindern und vielleicht sogar ihren uneinsichtigen Eltern. Das Problem daran: Uns gehen die Argumente aus, warum wir so drastische Maßnahmen ergreifen. Wir werden belächelt, wenn wir Verabredungen absagen. Wir ernten spöttische Blicke, wenn wir Abstand halten...

Wir kommen in Erklärungsnot

Wie soll ich einer 14-Jährigen erklären, dass sie niemanden mehr treffen darf, wenn alle ihre Freunde weitermachen dürfen wie bisher? Wie halte ich einen 6-Jährigen zurück, wenn Kinder vor der Tür stehen und ihn fragen, ob er mit ihnen spielen will? Wie soll ich selbst mich davon abhalten, ein selbstgerechtes Monster zu werden, wenn ich meiner Familie diese wirklich harten Maßnahmen zum Wohle der Allgemeinheit auferlege und aus dem Fenster derselben Allgemeinheit dabei zusehe, wie sie sich im Café gegenüber zusammenrottet?

Ich will nicht so sein

Tag für Tag merke ich, wie ich mich mental immer mehr in die Stasi verwandle. Ich bin nicht stolz drauf, aber in meinem Kopf rotieren wirklich nicht jugendfreie Beschimpfungen, immer wenn mir wieder mal die Unvernunft ins Gesicht springt. Wenn ich höre, dass meine Tante mit meiner 90-Jährigen Oma zum Einkaufen fährt. "Passiert schon nichts." Wenn Jugendliche auf dem Bolzplatz chillen, dicht an dicht. Sind schließlich jung. Wenn mir Freunde erzählen, dass sie mittlerweile ganze private Kindergärten organisieren, weil die Kinder ja sonst verrückt werden ... Ich wehre mich dagegen, so selbstgerecht zu sein, ich möchte mich nicht so aufregen über anderer Leute Angelegenheiten. Aber dann spreche ich am Telefon mit meiner Schwester, die in der Notaufnahme arbeitet, und völlig am Ende ist. "Ich will nicht den Menschen beim Sterben zusehen, ohne was tun zu können", sagt sie. "Ich will niemandem sagen müssen, dass wir keine Kapazitäten mehr haben,  zu helfen. Also bleibt bitte zuhause!"

Vielleicht brauchen manche Menschen mehr Klarheit

Fakt scheint nach dem Praxistest der Freiwilligkeit zu sein: Manche Leute brauchen klare Ansagen. Kontrollen. Einschränkungen. Ja, die persönliche Freiheit ist ein hohes Gut, das man nicht einfach so einschränken sollte. Aber über "einfach so" sind wir längst hinaus. Überall in den sozialen Medien appellieren Medien, Mediziner, Pfleger, Promis und Politiker an den gesunden Menschenverstand. Vielleicht ist das für manche zu viel verlangt, weil sie keinen haben. Möglicherweise informiert sich aber auch nicht jeder so gut wie er es bräuchte, um WIRKLICH zu verstehen, an welchem Punkt wir stehen. Was auch immer der Grund für all die Unvernunft ist: Da es nicht klappt, müssen eben die Menschen Entscheidungen treffen, die die Lage überblicken. Und das sollten im besten Fall unsere Politiker sein.

Wir können es noch schaffen

Noch ist der Kampf nicht verloren. Noch können wir es schaffen, die Kurve flach zu halten, wenn alle sich an die Einschränkungen halten, sagt der Chef der WHO. Deshalb: BITTE! VERHÄNGT ENDLICH DIE AUSGANGSSPERRE, BEVOR ES ZU SPÄT IST! Der gesunde Menschenverstand scheint aufgebraucht, der Ton wird rauer, die Stimmung hitziger. Die Ausgangssperre  wird hart, sie wird sehr hart, das weiß ich. Aber genau deshalb werden wir niemals alle überzeugen, freiwillig mitzumachen. Das ist jetzt der Punkt, an dem wir Klarheit brauchen.

Wir werden unsere Freiheit wiederbekommen. Wenn wir die Lage ernst genug nehmen, dann auch mit unseren Eltern, Großeltern und all den vorerkrankten Menschen gemeinsam, die in dieser Krise sonst ihr Leben verlieren könnten... 

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