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Ausgeträumt Was, wenn man alles erreicht hat?

Ausgeträumt: Autorin Pia Volk in Hängematte
© Thomas Victor / Barbara
Unsere Autorin ist gerade mal Mitte 40, hat aber alles erreicht, was sie sich je vorgenommen hat. Wirklich schön für sie. Aber: Und nun? Stochert sie etwas im Dunkeln nach neuen Zielen

Rein aufgabentechnisch bin ich eine Streberin vor dem Herrn. Wenn ich etwas annehme oder mir was vornehme, dann mache ich es auch. Ich prokrastiniere nie. Habe kein Facebook, kenne keine Internet-Memes und finde Streaming-Serien null befriedigend. Alles verschwendete Lebenszeit, finde ich. Also nutze ich es nicht. Ganz einfach. Zumindest für mich.

Ausgeträumt

Stattdessen habe ich schon einiges erledigt, habe die Welt bereist, war überall, wo ich je hinwollte, auf allen Kontinenten, habe ein fabelhaftes Kind großgezogen und wohne mit ihm und einem halben Dutzend Freunden zusammen in einem Haus mit Garten. Reinstes Bullerbü. Ich habe einen Traumjob, kann arbeiten, wann und wo ich will, lebe genau so, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Hassen Sie mich schon? Das ist okay, das Ganze hat nämlich einen Haken. Als ich vor ein paar Jahren 40 wurde, stellte ich fest, dass ich keine Träume mehr, aber statistisch gesehen noch mal so viele Jahre Leben vor mir habe. Wo also bekomme ich neue Träume her?

Die große Internetsuchmaschine spuckt die "SMART-Methode" aus. Die fünf Buchstaben stehen für jene Eigenschaften, die ein Ziel braucht. Es muss spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert sein. Pah! So lebe ich ja schon. Hiermit komme ich nicht weiter, denn ich will keine realistischen Ziele. Ich will unrealistische Träume, denen ich die nächsten Jahrzehnte nachhängen kann.

Die Party in Japan

Der Schlüssel dazu liegt vermutlich tief in meinem Unterbewusstsein vergraben. Nur, wie komme ich dahin? Vielleicht über meine nächtlichen Träume. Einer geht so: Ich bin in Japan und möchte auf eine Party. Allerdings will ich nicht mit meinen Mitbewohnern gemeinsam dort hingehen, sondern unbedingt ganz allein mit dem Rad fahren. Es ist ein sehr realistischer Traum, ich bin darin so stur wie in der Realität. Unterwegs stelle ich fest, dass die Adressen auf Google Maps nur in japanischen Schriftzeichen angegeben werden. Die ich nicht verstehe. Also versuche ich, Leute zu finden, die zwischen den Schriftzeichen und mir vermitteln können. Ich wache immer auf, bevor ich die Party erreiche.

Was könnte mir der Traum sagen wollen? Verrenn dich nicht, mach mal langsamer? Ließe sich die Party als ein Ziel in der Zukunft interpretieren, das ich nicht erreiche – weil ich darauf beharre, das Rad zu nehmen, womit ich mir quasi selbst ein Hindernis gebaut habe? Oder sollte ich daran arbeiten, mir zukünftig nicht mehr selbst im Weg zu stehen? Alles sehr hypothetisch. Deshalb beschließe ich: Traumdeutung ist nichts für mich. Aber eventuell Kaffeesatzlesen.

Ich sehe natürlich ein, dass mein Problem reiner Luxus ist

Auf Ebay Kleinanzeigen gibt es jede Menge Frauen, die ihre Dienste anbieten, allerdings scheint es in dieser Deutungsdisziplin unterschiedliche Schulen und Ideologien zu geben. Eine Frau, die ich anschreibe, will wissen, was mich beschäftigt. "Ich habe alle meine Träume erfüllt und frage mich, was jetzt?", schreibe ich. Sie antwortet, ich solle einfach glücklich sein, sie würde sich nur mit den schweren Fällen mit echten Problemen beschäftigen. Ich sehe ein, dass mein Problem reiner Luxus ist, aber ich liebe eben die Veränderung, irgendwo ankommen und dem Status quo frönen, das gehört nicht in mein Lebensrepertoire. Ich schreibe einer zweiten Kaffeesatzleserin, die mir erklärt, die Technik würde sich nur für Ja/Nein-Fragen eignen, für alles andere müsste ich mir von ihr wahrsagen lassen. Das koste extra.

Zwei verliebte Vögel

Erst die dritte Frau braucht vorab gar nichts von mir. Sie erklärt in einer langen Nachricht, wie ich den Kaffee aufgießen und trinken soll, dass ich an eine Frage oder einen Wunsch denken und die Tasse dann auf die Untertasse umstülpen muss. Ich schicke ihr ein Dutzend Fotos von meinem Resultat. Sie bemängelt, dass das Pulver zu grob gewesen sei, schaut aber trotzdem, was sie erkennen kann: "Dein Herz ist über eine Sache sehr schwarz." Ich denke: Klar, sonst hätte ich mich ja nicht bei ihr gemeldet. Meine Frage an den Kaffee sei sehr gut, und in vier Wochen werde ich eine Antwort haben. Leider habe ich nur drei Wochen, bis ich diesen Text abgeben muss. Sie sieht zwei verliebte Vögel, "du bist verliebt oder liebst deinen Job oder dein Hobby". Alles drei stimmt. "Du hast dich in der Vergangenheit von jemandem getrennt, das beeinflusst noch immer dein Leben." Na ja, wer hat sich mit über 40 von noch niemandem getrennt?

Aber ich merke auch, wie mit jeder ihrer Äußerungen ein bisschen von meinem Zynismus verschwindet. Sie sagt: "In letzter Zeit hat dich jemand sehr verletzt, aber das wird innerhalb von 40 Tagen vorbei sein." Ich frage mich, welcher Zeitraum "in letzter Zeit" ist. Und dann sagt sie noch: "Du sitzt zu Hause und bist über eine Sache verzweifelt, denkst über all die Wege nach, die du gehen kannst. Besser, du wartest noch etwas, die Wege werden sich von alleine öffnen." Ich fühle mich ertappt.

Ich möchte doch aber in die Zukunft blicken.

Nein, ich glaube nicht an Kaffeesatzlesen, bin ein ganz und gar unspiritueller Mensch. Aber ich spüre, dass mich diese Sätze zum Nachdenken bringen. Es macht etwas mit mir, öffnet mir einen Rückblick auf mein Leben, der weder sachlich noch objektiv noch rational ist. Nur ist es eben ein Blick in die Vergangenheit, ich möchte doch aber in die Zukunft schauen.

In meinem Kopf gleichen diese Träume, die ich suche, einem Ball, der sich jetzt leicht bewegt, aber noch nicht recht ins Rollen kommt. Ich suche weiter. Im Netz stoße ich auf Verena Mayer-Kolbinger. Sie ist Kreativ-Coach, ihre Website heißt sichtbar-anders.de, dort bietet sie unter anderem ein Visions-Coaching an, bei dem man mit ihr gemeinsam eine – logisch – Vision für die Zukunft entwickelt. Lustigerweise ist dieses Programm angelegt als Teil eines Anti-Prokrastinations-Workshops, in dem Menschen lernen, ihre Projekte, Ziele und Träume anzugehen. Ich frage sie, ob sie mit mir für dieses Experiment nur diese eine, die Träume betreffende Einheit machen würde.

Reise in die Vergangenheit

Um zu einer Vision zu gelangen, soll ich zunächst doch wieder über meine Vergangenheit nachdenken: Wie war ich als Kind? Wie wollte ich werden? Verena schickt mir einen Fragebogen, den ich intuitiv ausfüllen soll, also schreiben, was mir als Erstes einfällt. Und mir fällt allerlei unerwarteter Kram ein: "Ich will radikal sein, bin aber nur konsequent", "Ich bin die große Schwester", "Ich bin Mutter und will Mensch sein". Mit dieser Sammlung an Statements fahre ich nach Karlsruhe, wo ich Verena in ihrem Atelier treffe und wir besprechen, was ich aus meiner Vergangenheit mitbringe, wie ich bin: analytisch, konsequent, neugierig, kreativ, konstruktiv, pragmatisch, lebensfroh.

Dann legt sie mir einen Stapel Zeitschriften vor. Ich soll alles rausreißen, was mich triggert – positiv wie negativ. Ganz schnell, ohne groß zu denken. Verena drückt mir Post-its in die Hand, mit denen ich drei meiner Ausrisse markieren soll, die mich berühren, aber von denen ich glaube, ich könnte das, was man dort sieht, nicht.

Erstes Post-it: Ich bewundere die Frau, die Actionpainting mit Kohle macht. Und bin – zweites Post-it – fasziniert von der Frau, die lasziv in der Sonne vor einem Haus steht und so aussieht, als wolle sie nichts anderes als betrachtet werden. Auch das Bild eines Zauberers, der ein quälendes Show-Lächeln zeigt, während er seine Tricks vorführt, markiere ich. Er löst Fremdscham in mir aus. Aber was haben diese drei Bilder gemeinsam? Einen gewissen körperlichen Ausdruck, meint Verena: "Du bewunderst Sinnlichkeit, gleichzeitig ist in dir etwas, das dich davon abhält, selbst sinnlich zu sein."

Jein, denke ich. Tanzen ist auch eine Form körperlicher Sinnlichkeit, und ich tanze für mein Leben gern. In meinem Zimmer, in der Disco, auf dem Bahnsteig auf den Zug wartend. Allein, mit anderen – aber nur für mich. So wie die Action-painting-Frau für sich malt. Ich glaub, das könnte ich doch. Der Zauberer und die Frau vorm Haus hingegen präsentieren sich für andere. Das ist es, was mir unangenehm ist.

Ich muss an meine Kindheit denken, unser gesamtes Familienleben war eine Performance für andere. Und dahinter: reinstes Chaos. Für mich hat diese Zurschaustellung etwas von einer Fälschung, aber vielleicht stimmt das auch nicht. Vielleicht ist es auch eine Art, andere verzaubern zu wollen, und vielleicht geht es um diese Fähigkeit, wenn Verena sagt: "Deine neue Reise geht unter Umständen nicht hinaus in die Welt, sondern ganz tief nach innen." Ist mein allergrößter Traum etwa, weniger Realistin zu sein? Dann sollte ich eventuell damit aufhören, dokumentarische Reportagen über mich selbst zu schreiben, und anfangen, Geschichten zu erfinden, die Menschen verzaubern.

Barbara

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