Autofahr-Angsthase? Die 7 besten Tipps meiner Fahrlehrerin

Zwar einen Führerschein gemacht, sich aber aus Angst nie wirklich hinter's Steuer gesetzt? Unsere Autorin gehört dazu. Nun hat sie nochmal Fahrstunden genommen – und fährt jetzt Auto!

von Jessica Seiffert

Was für eine Verschwendung: Der Führerschein hat echt viel Geld gekostet – genutzt habe ich den Lappen in den letzten 12 Jahren nie. Wozu auch? Ich lebe in der Großstadt Hamburg mit super Öffis. Und im Zweifel fährt dann halt doch jemand anderes. Aber: Will ich so sein? Eine selbstbewusste, selbstbestimmte Frau, die sich aber nicht hinters Steuer traut? Jeder Depp fährt schließlich Auto. Warum schaff ich das nicht? Außerdem treibt es mich in die Abhängigkeit und macht mich tierisch unflexibel. Nein, das bin nicht ich. Ich will diese Freiheit endlich haben. Mal einen spontanen Kurztripp ans Meer. Getränke nicht zu Fuß nach Hause schleppen müssen. Schnelle Besuche im schwedischen Möbelhaus. Im Urlaub einfach einen Mietwagen nehmen und die Gegend erkunden. Alles eigentlich. Außerdem will ich mir auch nicht ständig die Blöße geben müssen: „Nee du, ich hab ja Angst vorm Autofahren.“ 

Neustart: Fahrschule für Frauen mit Birgit

Jahrelang trug ich das Vorhaben mit mir rum, eines nachmittags machte ich ernst. Jemand empfahl mir eine Frauenfahrschule, die mit Wiedereinstiegen von ängstlichen Frauen viel Erfahrung hat. Ich rief direkt an und hatte dann den Termin für meine erste Fahrstunde mit Fahrlehrerin Birgit. Birgit war das Beste, was mir in dieser Hinsicht passieren konnte. Sie war ehrlich und direkt, aber gleichzeitig wusste sie genau, wie sie mir meine Angst nehmen konnte. Meist ist das, was die ängstliche Frau braucht, nur ein ordentlicher Tritt in den Hintern - und den hab ich von Birgit bekommen. Die oft so banalen Tipps meiner Fahrlehrerin möchte ich gern mit euch Autofahr-Angsthäsinnen teilen!

1. „Ist es wirklich Angst – oder hast du einfach nur Schiss?“

Ich dachte, ich hätte wirklich Angst. Doch die erste Fahrstunde ergab: „Jessica, du bist keine Angst-Kandidatin. Die gehöre nämlich in eine Therapie. Du hast einfach nur Schiss – das kriegen wir locker in fünf Stunden hin.“ Ich konnte es mir wirklich nicht vorstellen. Zu groß war dieser „Schiss“ vorm Autofahren. Trotzdem half mir das Wissen darüber, dass ich kein schwieriger Fall bin, sondern mir „nur“ Fahrpraxis fehlt, enorm. Birgit behielt tatsächlich Recht. Beim sechsten Mal setzte ich mich schon alleine ins Auto.

2. „Geradeaus fahren? Dann schau einfach nach vorne!“

Als ich mit 18 meinen Führerschein machte, scheiterte meine erste praktische Prüfung daran, dass ich in einer engen Straße den Abstand zu den parkenden Autos nicht einschätzen konnte. Der Fahrlehrer griff mir ins Lenkrad – ich bin durchgerasselt. Viele Autofahr-Schisser haben dieses Problem. Auf der Straße dachte ich ständig darüber nach, ob ich überhaupt in der Spur bin. Der Trick ist laut Birgit so simpel: „Schau nicht ständig nach links und rechts auf die Motorhaube – schau einfach weit nach vorne. So fährst du automatisch geradeaus.“ Höhö, dachte ich. Aber genau das hat mir geholfen.

3. „Beweg deinen Kopf – egal, ob du was siehst oder nicht.“

Beim Autofahren gibt es soviel zu beachten und ich wusste anfangs nicht, wo ich zuerst hinsehen soll: Auf die Straße, den Tacho, Schilder, Rückspiegel, Seitenspiegel oder über die Schulter? Völlige Überforderung. Besonders die Spiegel machten mir Sorgen. Ich sah rein und sah nix bzw. kam das, was ich sah, nicht in meinem Gehirn an. Ich konnte es nicht interpretieren. Birgit sagte, dass es erst einmal total wurscht ist, ob ich da was erkenne. Hauptsache mein Kopf und die Augen gewöhnen sich an den Blick. „Das Bild stellt sich erst nach gewisser Fahrpraxis scharf.“ Ok, gesagt getan. Und wieder hatte sie Recht.

4. „Von einem Fehler stirbst du nicht gleich!“

Laut Birgit sind wohl sehr perfektionistische Frauen oft von der Fahrangst betroffen – sie wollen von Beginn an alles richtig und bloß keine Fehler machen. Was ist, wenn ich einen Unfall baue? Doch Birgit hatte mal wieder die richtige Erklärung parat. Erstens funktioniert Autofahren lernen ohne Fehler nicht und zweitens machen ziemlich viele Autofahrer Fehler – sie zeigte mir in jeder Fahrstunde mindestens fünf andere, die sich unsicher und falsch verhielten. Wow, ich bin also nicht allein und es fällt anderen nicht mal auf. Und: Niemand von ihnen hat dabei einen Unfall fabriziert. Also keine Angst vor Fehlern!

5. „Bleib stur – du hast alle Zeit der Welt.“

Es gibt beim Autofahren Momente, da bekomme ich hektische Flecken. Beim Einparken oder beim Spurwechsel im Berufsverkehr zum Beispiel. Es sind die Situationen, bei denen andere mich beobachten und ich sie eventuell aufhalten könnte. Birgit sah in den Situationen überhaupt kein Problem. „Was interessiert dich der andere? Mach hier mal dein Ding zu Ende, schau nicht zu ihm, sondern in die Spiegel und bleib einfach stur.“ Die Hektik bringt niemanden weiter - weder mich, noch den anderen Autofahrer. Daher gilt für mich als Fahranfängerin: Bloß nicht unter Zeitdruck in ein Auto steigen. Und ansonsten einfach stur bleiben!

6. „Schnell fahren ist viel einfacher als langsam fahren.“

Besonders viel Respekt hatte ich vor Autobahnfahrten. So mit richtig viel Tempo und so. Birgit zuckte wie immer nur mit den Schultern und erklärte mir, dass das doch das einfachste am Autofahren sei. Echt jetzt? "Okay, die fünf Sekunden bei der Auffahrt sorgen auch bei erfahrenen Autofahrern für Nervenkitzel, aber tatsächlich sind Unfälle beim Auffahren sehr selten und: Hallo, es sind nur fünf Sekunden!" Birgit hatte mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich fühle mich auf der Autobahn mit den breiten Fahrstreifen, den nicht vorhandenen Kreuzungen und dem gleichmäßigem Tempo wirklich viel sicherer als in der Stadt. Und Auffahren geht tatsächlich erstaunlich schnell.

7. „Und jetzt fahr endlich alleine – keine Ausrede.“

Bitte was? Nach der fünften Fahrstunde, die im Übrigen die Schlimmste für mich war, meinte Fahrlehrerin Birgit, dass ich jetzt alles kann und nur noch Fahrpraxis brauche. Ich solle einfach fünfmal alleine fahren, kurze Strecken von 10-20 Minuten – und mir keine Ausreden einfallen lassen. Auch wenn Fahrt 1 schlimm wird, soll ich Fahrt 2 machen. Ich hielt sie zwar für geistesgestört, hörte aber auf sie: Die erste Fahrt war ehrlich gesagt die Hölle, da ich mich direkt verfuhr. Ich kam aber lebend am Ziel an, worauf ich mächtig stolz war. Die zweite Fahrt war schon viel besser. Bei der fünften Fahrt fühlte es sich schon ganz minimal routiniert an. Ich hab's geschafft!

Kann ich jetzt wirklich Autofahren?

Ich muss vermutlich noch einige Kilometer reißen, um mich sicher auf den Straßen zu bewegen. Es kostet mich auch noch immer etwas Überwindung, mich hinter’s Steuer zu setzen. Aber ich bin dem Autoschisser Jessica schon davon gefahren. Ich habe verstanden, dass mich die Fahrt aus dem Büro nach Hause nicht umbringen wird. Das Schlimmste, das bisher passiert ist: Ein Taxifahrer hat mich angehupt, weil ich ihm zu langsam war (war ich auch). Ein Taxifahrer! Der macht den ganzen Tag nix anderes als Autofahren. Ich habe immer Birgit im Ohr: Einfach stur bleiben! Das bleibe ich auch mit meiner Fahrpraxis: Einfach machen, nicht soviel drüber nachdenken. Nächste Woche habe ich meine erste Fahrt auf der Autobahn vor mir. Und ich freu mich darauf - danke, Birgit!

Wer hier schreibt:

Jessica Seiffert
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