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Autorin Caroline Rosales: "Manche Jobs habe ich nur wegen meines Aussehens bekommen"

Autorin Caroline Rosales: "Manche Jobs habe ich nur wegen meines Aussehens bekommen"
© DEEBEEPHUNKY
Das neue Buch der Autorin Caroline Rosales heißt "Sexuell verfügbar": Es handelt davon, dass Frauen immer gefallen wollen – und warum wir damit aufhören sollten. 
von Tina Epking (Interview)

In ihrem aktuellen Buch "Sexuell verfügbar" erzählt Caroline Rosales extrem persönlich davon, wie sie von Männern bedrängt wurde, warum sie selbst nicht oft genug "nein" gesagt hat und lange Zeit versucht hat, vor allem so zu sein, wie Männer sie wohl gern hätten. Außerdem handelt es von einer sexistischen Gesellschaft und davon, dass unsere Töchter es anders machen können. Wir haben die Autorin getroffen. 

Barbara.de: Worum geht es in deinem Buch?

Caroline Rosales: Es geht darum, wie wir als Mädchen aufwachsen, wie wir dazu erzogen wurden brav,  hilfsbereit und schön zu sein, wie wir die Frauen geworden sind, die wir nun mal sind. Frauen, die immer in verschiedenen Rollen agieren und mehr auf das Gegenüber achten als auf sich selbst. Es geht um alltäglichen Missbrauch. Natürlich geht es uns allen gut, wir leben in einem wohlhabenden Land, haben keine Krieg erfahren, aber es gibt diesen kleinen Missbrauch im Alltag, der ist nicht schlimm, aber man kann auch im seichten Wasser ertrinken. Unter der Oberfläche geht es uns Frauen gar nicht so gut. 

Du schreibst Frauen seien viel zu angepasst. Warum sind wir so?

Ich fand mich zum Beispiel schwer in Ordnung als ich etwas acht war: Ich war etwas pummelig, habe viel gelesen,  hatte wirre Haare, aber ich fand mich gut. Meine Umwelt hat mir aber bereits mit acht ständig zu verstehen gegeben, dass ich nicht okay bin. Die Tanten und Bekannten haben gesagt, dass ich ja ruhig studieren kann, aber vor allem muss ich mir einen Mann suchen. Der erste Freund hat mir einen Porno gezeigt, damit ich lerne, wie das geht mit dem Sex. Er musste performen, ich sollte mitmachen. Man hat als Frau immer das Gefühl, man muss werden, nicht nur sein. Man muss viele Rollen ausfüllen. Wenn ich kein Make-up trage, lädt mich keiner in eine Talkshow ein. Deine Bildung, deine freundliche Art reicht nicht aus, du musst einem gewissen Schönheitsideal entsprechen, einer Norm. Ideale prasseln auf einen ein. Bevor ich Achselschweiß hatte, hatte ich ein Deo namens "Vanillla Kisses", ich hatte einen Ladyshave bevor ich ein Achselhaar hatte. Wir müssen Mutter, Geliebte, Betrogene, Affäre sein. Wenn du 50 bist als Frau, wirst du unsichtbar, als Mann bist du genauso attraktiv wie mit 30. 

Können wir das nicht zu unserem Vorteil nutzen? Wenn wir schlau sind UND gut aussehen...

Klar, wir lernen das zu akzeptieren, das Beste daraus zu machen, zu taktieren. Als ich eine junge Journalistin war, haben mich auch Chefredakteure angequatscht, obwohl sie keinen einzigen Text von mir gelesen haben. Manche Jobs habe ich nur wegen meines Aussehens bekommen. Danach musste ich dann hart arbeiten, um die Position zu bekommen, die ich wirklich wollte. Als Frau wirst du erstmal angeguckt, niemand kommt auf die Idee, dass du was zu sagen hast. Es kommt erstmal darauf an, wie du aussiehst.

Du beschreibst in deinem Buch Situationen, bei denen man denkt "Warum macht sie das?". Obwohl du es nicht willst, lässt du zum Beispiel zu, dass ein Typ, den du "Chef" nennst, dir an die Wäsche geht...

Das habe ich ja bewusst aufgeschrieben, damit es ein Gefühl auslöst. Sie soll ruhig Wut hervorrufen. Und ganz oft haben Frauen zu mir gesagt, dass sie es genauso erlebt haben. In dem Moment, wo der Mann in meiner Wohnung ist, setzt auch die Angst ein, was er tun könnte, wenn ich wirklich nein sage. Wenn er mich jetzt vergewaltigt, kann ich es nicht mehr vor mir selbst verleugnen. Es ist einfacher, wenn man pariert, sich zu sagen, dass es okay war. Es gab einen Moment der Unachtsamkeit, den ich verpasst habe. Zu diesem Zeitpunkt zurückzutreten wäre schwieriger gewesen als zuzustimmen. 

"Frauen sind häufig passiv-aggressiv"

Wie schaffen wir es als Mütter, unseren Töchtern beizubringen, dass sie im richtigen Moment laut "nein" sagen?

Einfach männliche Verhaltensweisen von Anfang entlarven, Situationen mit Humor behandeln. Gar nicht ernst nehmen, was manche Männer einem so erzählen, sich nicht runtermachen zu lassen. Wenn ein Typ unbedingt alle Drinks bezahlen will, mal reflektieren, warum der das macht. Direkt merken, wenn einer anfängt zum "Mansplaining" überzugehen. Allein, dass es Worte wie Mansplaining, toxische Männlichkeit, Gender Pay Gap oder Blameshifting gibt, macht es leichter Probleme zu benennen. Jungs werden von vornherein mehr zur Austragung eines Konflikts erzogen, Mädchen dagegen gelten als hysterisch und zickig, wenn sie lauter werden. Deswegen sind Frauen häufig passiv-aggressiv. So entsteht das, dass Jungs selbstbewusster agieren, Frauen werden von Anfang an runtergeregelt. Die Mädchen sind besser in der Schule, habe aber oft Angst vor dem Erfolg. 

Die Mutterrolle in Deutschland ist noch sehr traditionell besetzt...

Frauen wird von Anfang an beigebracht, dass sie für die Harmonie zuständig sind. Er geht rein und raus, aber sie ist für das Heim zuständig. Dieses 50er-Jahre Bild ist tief ins uns verankert. Wir müssen mehr Grenzen ziehen, mehr klare Ansagen machen. Ich zum Beispiel gehe als Alleinerziehende nicht zu Elternabenden, das geht einfach nicht. Ich backe keine  Kuchen an den Geburtstagen meiner Kinder mit, ich kaufe sie. Wir müssen mehr Grenzen ziehen, wir müssen ungehorsamer sein. Und wir müssen untereinander noch mehr netzwerken im Job. 

"Hochschlafen funktioniert nicht"

Du bist klug, du bist erfolgreich. Im Buch wird trotzdem deutlich, dass dir dein Aussehen sehr wichtig ist. Warum?

Ich hatte schon als Kind immer einen gewissen existenziellen Druck, ich war pummelig, hatte merkwürdige Klamotten an und störrische Haare : Es ist kein Tag vergangen, an dem mir niemand zwischen die Beine gegriffen oder mir meinen Turnbeutel weggenommen hat. Ich war verunsichert und das wurde immer schlimmer. Die Jungs haben mich ausgelacht und die Mädchen fanden mich auch scheiße. Meine einzige Chance damals war, etwas für mein Aussehen zu tun, zu gefallen.

Du warst sogar beim Schönheitschirurgen. Bei mancher Feministin käme das wahrscheinlich nicht so gut an..

Ich wollte gern kleinere Brüste haben, solche, wie ich sie vor meinen Kindern mit 16 hatte. Für mich lebt Feminismus davon, dass eine Feministin alles sein kann. Christina Aguilera ist für mich auch eine Feministin, obwohl die Videos zu ihrem Stripped-Album echt sexistisch waren. Die Texte dagegen waren aber pures Empowerment.

Den Buch ist sehr persönlich. Was war am schwierigsten  aufzuschreiben?

Dass einer meiner Ex-Freunde mich betrogen und angelogen hat. Das war damals schlimm für mich, weil mein Vater auch meine Mutter einer anderen Frau verlassen hat, ich bin bis heute sehr eifersüchtig. Und dann die Geschichte mit dem älteren Kollegen, mit dem ich eine Affäre hatte über zwei Jahre. Ich war zwar verliebt, aber ich bin aus der Sache letztendlich nicht mehr rausgekommen, weil ich Angst hatte, meinen Job zu verlieren. Ich dachte damals, dass Frauen vor allem Männern gefallen müssen. Bis heute steht in manchen Frauenzeitschriften, wie du ihn verrückt machst im Bett – aber es geht nie um die Frauen selbst. Diese Art von Tipps haben mir ein Bild vermittelt, dem ich entsprechen wollte. 

Aber glaubst du wirklich, dass es etwas bringt, wenn man dem Vorgesetzten vor allem als Frau gefällt?

Klares Nein. Hochschlafen funktioniert nicht. Du hast als Frau immer am Schluss den Nachteil. 

Rosales_CoverDas Buch  "Sexuell verfügbar" von Caroline Rosales ist im Januar 2019 im Ullstein Verlag erschienen und kostet 18 Euro. 

Autorin Caroline Rosales: "Manche Jobs habe ich nur wegen meines Aussehens bekommen"
© DEEBEEPHUNKY

 Caroline Rosales, geboren 1982 in Bonn, ist Autorin mehrerer Sachbücher und arbeitet als Redakteurin und Kolumnistin und schreibt hauptsächlich über Kultur- und Gesellschaftsthemen. 2018 erschien ihr Buch "Single Mom. Was es wirklich heißt, alleinerziehend zu sein". Sie lebt mit ihren beiden Kindern in Berlin. 


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