Bakterien haben auch Gefühle - Warum zu viel Desinfektion schädlich ist

Warum bloß läuft die halbe Welt mit keimtötenden Flüssigkeiten in der Hosentasche rum? Hier ein Spritzer nach der U-Bahn, da ein Flatschen nach dem Toilettengang. Dabei bewirken Desinfektionsmittel bei häufigem Gebrauch genau das Gegenteil von dem, was sie sollen.

von Miriam Kühnel

Wenn selbst Hersteller vor exzessivem Gebrauch warnen, sollte man das eventuell beachten. Gut, auch auf Tictacs stehen Warnhinweise, und die sind vielleicht nicht ganz so ernst zu nehmen, aber bei Desinfektionsmitteln sieht es ein wenig anders aus. Denn hier riskiert man keine kleine Magenverstimmung, sondern ernsthafte gesundheitliche Probleme. Wer seinem Pingel gegen harmlose Keime immer nachgibt, kann schon mal in Teufels Küche kommen (oder aber zumindest in die Drogerieabteilung mit den harten Handcremes).

Desinfektionsmittel gehört in den OP. Punkt. 

Ja, das ist jetzt vielleicht auch ein bisschen übertrieben. Klar ist der kleine Sprühstoß Sterilität auch bei Hausärzten, in Pflegeeinrichtungen und in bestimmten Berufen sinnvoll. Aber wenn die Flasche Desinfektionsmittel eine Rolle im Alltag gesunder Menschen spielt, dann ist das definitiv übertrieben. Auf der Haut haben wir eine Schutzbarriere, die wir bestens mit Wasser und Seife unterstützen können. Im Normalfall findet man beides sogar auf Zug- und Flugzeugtoiletten. Kein Grund, auf Reisen dauernd zur kleinen Flasche zu greifen. 

Experten warnen: Desinfektionsmittel kann schlimmen Schaden anrichten

Um es kurz und knackig zu halten: Der Gebrauch von Sagrotangel, Sterilium und Co trocknet die Hände fies aus, belastet den Körper mit Wirkstoffen, die nicht ohne Grund Bakterien und Viren zerstören und bewirkt bei manchen Bakterien sogar Resistenzen. Nennen wir das Kind beim Namen: wer grundlos zu häufig seine Hände desinfiziert (wir reden nicht von Menschen, bei denen das eine medizinische Begründung hat), zerstört sein eigenes Immunsystem. Das chillt dann nämlich sein Leben und ist dann am Ende nicht stark genug, wenn es mal wirklich gebraucht wird, ganz einfach. Und das nur, weil ihm keine "harmlosen" Keime mehr zu Abwehrübungen zur Verfügung gestellt wurden. Aus selbigem Grund ist die Keimbelastung auf den Händen 50 Minuten nach dem Auftragen übrigens bereits höher als ohne den Gebrauch von Desinfektionsmittel. 

Angst vor Krankheit macht krank

Viel besser als Desinfektionsmittel ist übrigens eine entspannte Einstellung zum Thema Krankheit. Denn wer sich ständig vorstellt, er könne krank werden, erzeugt einen Stresspegel, der die Anfälligkeit für Infektionen erheblich anhebt. Wirklich schlimm sind die meisten Infekte ja auch gar nicht. Außer natürlich, es handelt sich um einen Männerschnupfen. Da muss man natürlich aufpassen! Aber im besten Fall auch da nur mit Wasser und Seife...