Barbara & Micky Beisenherz: "Den Mist mache ich nicht mit"

Hier sitzen zwei, die ziemlich genau wissen, was sie alles nicht wollen. Ein Gespräch mit Micky Beisenherz über die Kunst, im richtigen Moment Nein zu sagen

von Stephan Bartels (Interview)

Barbara: Micky, ich sage nur ein Wort: nein.

Micky: Äh ... aber ... wieso ... Ich hab doch gar nicht ...

Barbara: Ach, so meine ich das doch gar nicht. Ich möchte mit dir über das Wort „Nein“ reden. Vielmehr: über den schönen und sinnvollen Gebrauch dieses Wortes.

Micky: Da bist du bei mir an der richtigen Adresse.

Barbara: Warum?

Micky: Weil ich in meinem Leben im Lauf der Jahre eine Kontur herausgemeißelt habe, die durch das geformt wurde, was ich nicht wollte.

Barbara: Ein Ausschlussverfahren?

Micky: Sozusagen. Ich glaube, dass ich selten in meinem Leben eine Richtung eingeschlagen habe, weil ich etwas unbedingt wollte. Meistens ist es doch so, dass du denkst: Nee, die Scheiße mache ich nicht mehr. Aber kannst du das denn?

Barbara: Was?

Micky: Nein sagen.

"Ich sage einfach auch immer erst mal Ja"

Barbara: Doch, ja. Ich war wirklich mal wahnsinnig schlecht darin, aber mittlerweile habe ich das ganz gut gelernt. Dieser Prozess fing mit 40 an. Allerdings sage ich immer noch viel lieber Ja.

Micky: In was für Momenten?

Barbara: Wenn jemand mich für ein spannendes Projekt einspannen will, zum Beispiel. Aber dann kommt meine Managerin und sagt streng und wahrheitsgemäß, dass ich dafür keine Zeit habe. Man könnte sagen, dass ich das Neinsagen auf beruflicher Ebene outgesourct habe.

Micky: Und privat?

Barbara: Schwieriger. Meine Schwiegermutter sagt immer: Wenn du Hilfe brauchst, frag jemanden, der zu viel zu tun hat. Der wird nie Nein sagen. Da ist was dran, ich sage einfach auch immer erst mal Ja.

Micky: Du warst auch immer ein braves Mädchen, oder?

Barbara: Total. Aber du bestimmt nicht. Ich stelle dich mir in jung als rotzigen Rebellen vor.

Micky: War ich nicht. Ich hatte Anarchie definitiv in mir, aber schon als Dreijähriger habe ich immer ziemlich charmant in plausiblen Argumentationslinien erklärt, warum ich etwas nicht wollte. Im Umkehrschluss konnte man aber auch gut mit mir reden, ich war überzeugbar. Nur mit unbegründeten Verboten bist du bei mir nicht weitergekommen. Das zu begreifen war relativ geschickt von meiner Mutter.

Barbara: Du hast eine kleine Tochter. Funktioniert das da auch?

Micky: In Teilen, auch mit ihr kann man vernünftig reden. Dass ich zum Beispiel keinen Fahrradhelm brauche, weil ich den härteren Kopf habe, hat sie gleich eingesehen.

Barbara: Oh Gott. An der Fahrradhelmsituation arbeite ich mich immer noch ab. Das ist so unendlich dünnes Eis.

Micky: Ich mache es einfach wie Ranga Yogeshwar. Ich stelle irgendwelche wissenschaftlichen Fakten in den Raum, von denen kein Mensch weiß, ob sie stimmen.

"Ich mag es gern, wenn man mir sagt, wo's langgeht"

Barbara: Mein Sohn würde seinen Schädel auf den Asphalt donnern, nur um mir zu beweisen, dass sein Kopf härter ist.

Micky: Obrigkeitshörigkeit kann man ihm eher nicht vorwerfen ...

Barbara: Nee. Aber mir schon. Ich mag es ganz gern, wenn man mir sagt, wo’s langgeht. Aber nur – und ich weiß nicht, ob das jetzt ein Widerspruch ist – weil ich innerlich weiß, dass ich die Entscheidungen am Ende doch allein treffe.

Micky: Also, den Widerspruch sehe ich schon.

Barbara: Ich mag es zum Beispiel, wenn ein Mann die großen Grundsatzentscheidungen trifft. Denen kann ich aber nur deshalb folgen, weil ich ganz tief drinnen weiß, dass ich total unabhängig bin. Und deshalb halte ich mich generell an Regeln. Es sei denn, ich darf meinen Koffer nicht als Handgepäck mit ins Flugzeug nehmen. Das ist für mich komplett nicht einzusehen.

Micky: Natürlich nicht. Aber wenn ich darüber nachdenke ... Ich glaube, ich halte es mit Regeln wie Uli Hoeneß.

Barbara: Was bedeutet das denn?

Micky: Na ja, ich bin da flexibel. Wenn’s gerade passt, halte ich mich dran. Wenn nicht ...

Barbara: Ein Beispiel, bitte.

Micky: Bei mir zu Hause muss ich wegen einer doofen Einbahnstraße einen Riesenbogen machen, um zu meiner Haustür zu kommen. Man kann aber auch einfach 30 Meter lang falsch durch diese Einbahnstraße fahren. Was mache ich also?

Barbara: Na, Letzteres selbstverständlich.

Micky: Natürlich. Und immer ist da dann irgendjemand, der mich gestenreich und erzürnt auf diese Ordnungswidrigkeit hinweist, die niemanden behindert und schon gar nicht sein eigenes Vorankommen im Straßenverkehr. Nichts triggert Menschen so sehr wie der Regelverstoß eines anderen.

"Es ist manchmal ein Kreuz mit diesen Vorschriften"

Barbara: Oh ja! Mir ist auch mal einer wild mit den Armen rudernd mit einem aufnahmebereiten Handy hinter meinem Auto hergelaufen.

Micky: Moment mal: Ich denke, du hältst dich immer an Regeln?

Barbara: Na ja, im Straßenverkehr muss ich das einschränken. Aber wenn ich in zweiter Reihe vorschriftswidrig, aber zügig abbiege, dann doch nur, um den Verkehr in Fluss zu halten! Was soll ich mich da dumm einreihen und die Schlange vor der Ampel noch länger machen?

Micky: Es ist aber auch manchmal ein Kreuz mit diesen Vorschriften.

Barbara: Apropos Kreuz: Hattest du neulich nicht mal Beef mit der katholischen Kirche?

Micky: Eher mit einigen Anhängern derselben. Ich habe in den sozialen Medien davon erzählt, dass ich mit meiner kleinen Tochter auf der Kommunion meines Neffen war.

Barbara: Und dann?

Micky: Wollte sie beim Abendmahl auch nach vorn. Dann stand sie da, faltete ihre kleinen Händchen und guckte den Pfarrer mit großen Augen an. Der sagte nur: „Tut mir leid, für dich gibt es keine Oblate.“ Ich stand dahinter, hatte nichts als das vollste Unverständnis für den Mann Gottes, habe mir meine geben lassen und sie an meine Tochter weitergereicht.

Barbara: Micky!

Micky: So ungefähr hat der Geistliche auch reagiert. Ich bin dann kopfschüttelnd weggegangen und habe das Ganze hinterher auf Facebook nacherzählt. Da war er dann, mein quartalsmäßiger Shitstorm.

"Ein bisschen Müssen muss man immer in einer stabilen Beziehung"

Barbara: Weil sich Menschen in ihrem Glauben verletzt fühlten?

Micky: Nee. Weil es das teutonische Grundbedürfnis gibt, sich an bestehende Regeln zu halten, egal in welchem Lebensbereich. Und der wird dann gepaart mit einem Leistungsgedanken.

Barbara: Wie das?

Micky: Na, da standen hinter mir Leute, die früher ein Jahr lang brav in diesen mühsamen Kommunionsunterricht gelatscht sind. Und mein Kind bekommt diese Hostie einfach so, ohne Gegenleistung. Das ist für die, als ob sich in der Schlange einer vordrängelt. Da muss ich allerdings sagen: Schön, dass ihr eure Regeln habt, aber da scheiße ich jetzt mal mit Anlauf drauf.

Barbara: Aber wie ist es denn mit Regeln in der Beziehung?

Micky: Kannst du deine Frage spezifizieren?

Barbara: Es gibt ja diesen neuen Trend, dass man gar nicht so sehr die Bedürfnisse des anderen erfüllen sollte, sondern erst einmal seine eigenen, dann klappt die Beziehung quasi von allein.

Micky: Ist das nicht eher ein Konzept, das viele kurz vor der Trennung verfolgen? Also, vor der Trennung, die deshalb erfolgt, weil man definitiv zu viel auf sich selbst geachtet hat?

Barbara: Ich sehe schon: Du bist maximal unüberzeugt.

Micky: Sagen wir mal so: Ein bisschen Müssen muss man immer in einer stabilen Beziehung, glaube ich. Abstriche bei der eigenen Glückseligkeit gehören dazu. Wenn allerdings die ganze Partnerschaft ein einziger Kompromiss ist, dann wird es wirklich blöd. Wie siehst du das?

Barbara: Ich stelle gerade fest: Ich habe in meiner Ehe noch nie darüber nachgedacht, ob das, was ich gerade tue, ein Kompromiss ist oder nur ihm zuliebe geschieht. Und ich bin sicher, dass das auch gut so ist. Sobald du anfängst, jede Beziehungsaktion auf die Goldwaage zu legen, wird die Sache verkopft. Und das hat noch keiner Liebe gutgetan.

Micky: Hast du nie die Angst gehabt, zu viel von dir wegzugeben?

Barbara: Im Gegenteil. Dadurch, dass ich mich in meinen Beziehungen immer um meine Partner gelegt habe, habe ich so viel Gutes dazugewonnen.

Micky: Zum Beispiel?

Barbara: Eine neue Sicht auf die Welt, die der anderen. Ich habe Aspekte des Lebens kennengelernt, die sich mir ohne diese Männer nie erschlossen hätten.

Micky: Es gibt ja sowieso keinen Leidensdruck, wenn man jederzeit sagen kann: Das alles hier geht mir auf den Sack, ich hau ab.

"Witze werden nur über erfolgreiche Menschen gemacht"

Barbara: Richtig. Das verschafft Langmut. Fühlst du dich komplett unabhängig?

Micky: Ja, absolut. Was nicht bedeutet, dass mir im Fall einer verlorenen Liebe nicht trotzdem der Boden unter den Füßen weggezogen werden kann. Und beruflich bist du als Freiberufler ja immer auch von anderen abhängig. Dem beuge ich vor, indem ich Multijobber bin und in etwa tausend verschiedene Sachen mache. Ist nicht schlimm, wenn davon mal eine wegbricht.

Barbara: Ein nicht geringer Teil deines Jobs besteht ja daraus, anderen ans Bein zu pinkeln.

Micky: Das ist richtig.

Barbara: Und manchmal musst du dich dafür entschuldigen.

Micky: Nicht sehr oft. Beim letzten Mal habe ich das vor einem Jahr für einen meiner Talkgäste getan, der leicht entgleist ist. Damit habe ich mir aber auch keinen Zacken aus der Krone gebrochen.

Barbara: Ich liebe es, mich zu entschuldigen. Dieses Gefühl, sich selbst einen Fehler einzugestehen, und das dem anderen gegenüber zuzugeben, das empfinde ich als sehr befreiend.

Micky: Das ist wahr. Aber weißt du, warum ich beruflich selten das Gefühl verspüre, mich entschuldigen zu müssen?

Barbara: Na?

Micky: Weil, wenn ich an Beine pinkle, ich das grundsätzlich nur nach oben tue. Ich würde nie auf jemandem herumpiken, der schwächer ist als ich.

Barbara: Das ist auch einer meiner Grundsätze: Witze werden nur über erfolgreiche Menschen gemacht.

Micky: Und trotzdem: Irgendjemandes Gefühl verletzen wir dabei. Wir müssen uns nur entscheiden: Ist uns das im Zweifel egal?

"Ich bin auch ein Fan von politischer Korrektheit"

Barbara: Ist es dir egal?

Micky: Natürlich nicht, aber dafür gibt es Abstufungen. Wenn ich behaupte, dass Werbetreibende allesamt koksende Prostituiertenfreunde sind, ist mir deren Empörung im Zweifel egaler als die von Maurern und Klempnern, wenn ich sie – nur ein Beispiel: als beruflich bedingt versoffen bezeichnen würde.

Barbara: Ich fürchte, die Empörung, die auf so gut wie alles folgt, was wir sagen, ist eine Erscheinung unserer Zeit. Die Sensibilitäten werden größer, die politische Korrektheit nimmt zu. Und du musst dich für eine Seite entscheiden, sonst wirst du zerrieben.

Micky: Ich bin auch ein Fan von politischer Korrektheit. Die hat die Gesellschaft zu einer besseren gemacht, unsere Sinne für das geschärft, was andere verletzt. Bloß: Es gib eine Überreiztheit, die eine Gegenbewegung erzeugt. Und dann sind plötzlich Trump und Konsorten gesellschaftsfähig, und frauenverachtendes Verhalten und Alltagsrassismus werden unter der Freiheit des Wortes subsumiert.

Barbara: Und Klischees über Frauen und Menschen aus anderen Kulturen, die wir längst überwunden hatten, werden wieder aus der Mottenkiste der Geschichte geholt. Apropos Klischee: Du kommst aus Castrop-Rauxel. Auch deine Ruhrpott-Herkunft ist durchaus klischeebeladen.

Micky: Ach, ich lebe ja jetzt in Hamburg, und verstockt, steif, humorlos und maulfaul finde ich den Hamburger gerade nicht, auch wenn ich das mal gelernt habe. Aber dazu habe ich eine andere These.

Barbara: Welche?

Micky: Dass dieses Gerücht ein angetrunkener Rheinländer in die Welt gesetzt hat, weil die ihn umgebenden Hamburger zur Faschingszeit nicht gleich De Höhner mitgesungen haben. Aber ein Klischee über uns ist wahr.

Barbara: Welches?

Micky: Wenn acht Leute schweigend vor dem Fahrstuhl stehen und einer fängt an zu quatschen, dann kommt er aus dem Pott. Der Ruhri kann Stille einfach nicht aushalten. Sieht man ja an mir.

MICKY BEISENHERZ wurde 1977 in Recklinghausen geboren und in Castrop-Rauxel sozialisiert. Er studierte Sozialwissenschaften und arbeitete ein Jahr auf dem Bau, beides bereitete ihn auf ein Leben als Multijobber im Medienbereich vor. Er schreibt als Autor Gags für mehrere TV-Formate, moderiert und produziert erfolgreich Podcasts. Aktuell im Handel: sein Buch „... und zur Apokalypse gibt es Filterkaffee“ (Rowohlt). Beisenherz hat eine Tochter und lebt in Hamburg.

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