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Wollen Sie was machen lassen? Oder liegt die Problemzone woanders?

Wollen sie was machen lassen? Barbara und Sonya
© Dominik Mentzos
Nö. Da erträgt Barbara doch lieber die Beleidigungen vom Masseur, und Sonya Kraus legt einfach ihre Stützstrümpfe an. Die wahre Problemzone, das wissen beide, liegt irgendwo zwischen den Ohren.

Barbara: Sonya, ich bin im Urlaub in Österreich mal so richtig duchgeknetet worden. Als der Masseur so an meinen Oberschenkeln rumgewalkt hat, fragte er mich, ob er was sagen soll.

Sonya: Und, sollte er?

Barbara: Natürlich. Ich war auf Komplimente eingestellt. Er hat dann aber nur ein einziges Wort gesagt: "Teig".

Sonya: Wie bitte?

Barbara: Na, "Teig". Er hat das noch ausgeführt: "Du solltest weniger Teig essen." Er hat mich gefragt, ob ich Brot, Nudeln und Kartoffeln zu mir nehme. Und Südfrüchte, das würde man an meinen Hüften sehen.

Sonya: Teig… Das ist sehr lustig.

Barbara: Aber nicht dein Problem.

Sonya: Woher weißt du das? Du hast meinen Teig doch noch gar nicht gesehen.

Barbara: Dann hol ihn halt raus, deinen Teig!

Sonya: Nein. Dann würde ja herauskommen, was bei mir nicht stimmt.

Barbara: Nämlich?

Sonya: Ich hatte schon mit 14 unglaubliche Schwangerschaftsstreifen, weil ich in einem Jahr 20 Zentimeter gewachsen bin, zeitgleich sind meine Hüften und Brüste explodiert. Da kam die Haut nicht mit.

Barbara: Wo sind die denn, die Streifen?

Sonya: Von Mitte Oberschenkel bis oberer Hüftknochen. Ich bin also seit über 30 Jahren daran gewöhnt, einen zerrissenen Hintern zu haben. Aber was soll’s, ich sehe es ja nicht.

Barbara: Manchmal stelle ich das Handy mit laufender Kamera aufs Sideboard und schaue mir das mal genauer an…

Sonya: Echt? Ich nicht. Mir ist das vor ein paar Jahren mal aus Versehen passiert. Da ist mir in einem Hotelbadezimmer etwas heruntergefallen, und beim Aufheben habe ich dann durch meine Beine in der verspiegelten Tür gesehen, wie meine Rückseite aktuell aussah.

Barbara: Und?

Sonya: Sagen wir mal so: Ich habe danach wieder mit Ballett angefangen und mir eine Personal Trainerin genommen. Und mir war klar, dass es mit Stringtangas für immer vorbei ist. Aber ich glaube, das schwierige Verhältnis zu meiner Rückseite habe ich nicht exklusiv. Außer Kim Kardashian mag doch eigentlich keine Frau ihren Po.

Retter in der Not: Kompressionsstrümpfe

Barbara: Und es gibt leider auch keine Unterhose, die da irgendwie helfen könnte.

Sonya: Das vielleicht nicht, aber… Okay: Trickkiste. Ich trage immer Kompressionsstrümpfe, diese richtig krassen aus dem Sanitätshaus. Das machen die brasilianischen Sambatänzerinnen auch.

Barbara: Die guten medizinischen Kompressionsstrümpfe.

Sonya: Genau. Und dann zweiter Schritt: eine Strumpfhose in einer schönen Farbe drüber. Und als dritte Schicht dann Tänzer-Netzstrümpfe. Der Hammer, die ruckeln alles zu- recht. Niemand wird über deinen Po mehr ein böses Wort verlieren.

Barbara: Toll. Meinst du, Beyoncé trägt auch Kompressionsstrümpfe?

Sonya: Tja. Das würde mich nicht wirklich überraschen. Und wenn, dann haben auch ihre Beine abends Abdrücke wie eine ungarische Salami im Netz.

Barbara: Aber genau das ist ja der Punkt: Was ist, wenn ich dieses Press-Druck-Zeugs nicht anhabe?

Sonya: Na ja, dann bist du allein und mit dir hoffentlich im Reinen. 

Barbara: Und weißt du was: Das bin ich. Wenn ich in den Spiegel schaue und mir nicht gefällt, was ich sehe, dann hadere ich nicht mit mir. Ich sage: Was für ein doofer Spiegel.

Sonya: Super Einstellung. Funktioniert das auch in anderen Bereichen?

Barbara: Klar. Wenn ein Zuschauer meine Sendungen im Fernsehen nicht mochte, war ich jahrelang der festen Überzeugung: Da ist der Zuschauer dran schuld. Und ich habe immer fest im Blick, was gerade gut war und ist. Kennst du das?

Sonya: Anders, aber nicht ganz: Es gibt immer ein größeres Problem als meinen Hintern, das mich gerade beschäftigt. Deshalb kann ich diese Äußerlichkeiten auch nur bedingt ernst nehmen.

Gut, dass ich so ein ausgeglichener und glücklicher Mensch bin...

Barbara: Ich weiß, was du meinst. Und dennoch: Es gibt voll verspiegelte Hotelzimmer, und wenn ich da einmal nackt durchlaufe, denke ich: Gut, dass ich so ein ausgeglichener und glücklicher Mensch bin, sonst würde ich mich sofort aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Ich kann jeden verstehen, der über seinen Körper verzweifelt.

Sonya: Ich nicht. Ganz ehrlich: Ich bin nur berufseitel. Nichts von dem, das ich für mein Aussehen tue, auch die Strümpfe nicht, hat mit meinem Privatleben zu tun. Da schminke ich mich nicht mal.

Barbara: Ich auch nicht! Aber das ist mir sowieso schon aufgefallen: Wir haben irre viel gemeinsam. Wir sind fast gleich alt und haben beide gemodelt…

Sonya: …haben zur selben Zeit mit dem Fernsehen angefangen…

Barbara: …haben unsere große Klappe gewinnbringend eingesetzt und nehmen uns beide nicht besonders ernst…

Sonya: …und nicht zu vergessen: Wir haben etwa zur gleichen Zeit damit angefangen, uns etwas sehr viel Wichtigeres aufzubauen als nur den Job.

Barbara: Stimmt ja! Als ich zum ersten Mal schwanger war, haben wir uns beim Bremer Sechstagerennen getroffen.

Sonya: Was haben wir da eigentlich gemacht?

Barbara: Na, Rad gefahren sind wir jedenfalls nicht. Aber ich weiß noch, dass du mich die ganze Zeit total fasziniert über das Schwangersein ausgefragt hast – und du nicht wusstest, dass du da selbst schon schwanger warst.

Sonya: Stimmt. Aber was uns dann doch unterscheidet: Du hast ein Mädchen hinbekommen. Ich nicht.

Barbara: Ist das ein Makel für dich?

Sonya: Oooooch, ich hätte schon gern eins gehabt. Vielleicht liegt es daran, dass ich so eine enge Beziehung zu meiner Mutter habe, das hätte ich mir auch gewünscht. Ich liebe alle meine Jungs, aber das ist eben ein Männerhaushalt, da geht es immer um höher, schneller, weiter, manchmal fehlt mir da eine andere Farbe. Zum Ausgleich haben wir jetzt ein Hundemädchen, immerhin. Die versteht mich.

Wollen sie was machen lassen? Barbara und Sonja Dance
© Dominik Mentzos

Barbara: Nimmst du eigentlich körperliche Macken bei anderen wahr?

Sonya: Was zum Beispiel?

Barbara: Dicke Bäuche, hängende Brüste, kreisrunder Haarausfall…

Sonya: Nee. Und das hängt auch mit dem Modeln zusammen, das du vorhin angesprochen hast.

Barbara: Wie das?

Sonya: Du bist in diesem Job von morgens bis abends von schönen Menschen umgeben. Das heißt, es gibt keine äußerlichen Distinktionsmerkmale mehr, an denen man sich orientieren kann, körperliche Perfektion ist nichts Besonderes. Du musst dich an andere Parameter halten, um Menschen zu erkennen. Das immunisiert dich dagegen, Äußerlichkeit als Urteilskriterium zu benutzen. Also: Nein, ich sehe körperliche Makel bei anderen nicht, weil sie mich nicht interessieren.

Barbara: Verstehe ich gut. Ich war auch noch nie mit einem Mann zusammen, weil er besonders schön gewesen wäre. Ich habe Besonderheiten gesucht, Abgründe und, ja, vielleicht sogar Makel. Wenn jemand so leicht übereinanderstehende Zähne hat… Sexy!

Wollen sie was machen lassen? Barbara und Sonja Dance
© Dominik Mentzos

Sonya: Ich finde Selbstironie bei Männern heiß, besonders wenn es um die eigene Männlichkeit geht. Und wenn einer Frauen auf Augenhöhe akzeptieren kann. Aber wenn einer auf einer klassischen Rollenverteilung besteht, empfinde ich das als Makel.

Barbara: Genau! Ich könnte eher mit einem zusammen sein, dem ein Bein fehlt, als mit einem, der zu Hause die Servietten genau auf Kante faltet oder der seine Bleistifte im Büro nach Länge sortiert.

Sonya: Da nähern wir uns auch dem, was ich unter einer Macke verstehe. Etwas, das im Kopf stattfindet, nicht am Körper.

Barbara: Hast du so was?

Sonya: Äh… ja. Ich bin ein notorischer Restefresser.

Barbara: Wie jetzt?

Sonya: Na, im Restaurant zum Beispiel. Ich kann es nicht ertragen, wenn irgendetwas vom Essen liegen bleibt. Nicht nur bei mir – auch bei anderen. Ich staple dann wie beim Sushi-Circle die Teller aller Leute am Tisch um mich und esse alles auf, egal, was drauf ist.

Barbara: Du bist Vegetarierin.

Sonya: Egal. Auch die Fleischreste müssen dann weg.

Macken hat doch jede

Barbara: Okay… Noch was?

Sonya: Ja, ich habe eine Wassersparmacke. Wenn ich Besuch habe und der pinkeln geht…

Barbara: …horchst du erst mal, wie lang die Spülung läuft und ob der wirklich die Spartaste gedrückt hat.

Sonya: Ganz genau. Und wenn nicht, gibt es ein ernstes Gespräch. Hast du so was?

Barbara: Klar. Ich habe eine Müll­trennungsmacke. Das geht so weit, dass ich Verpackungen auseinandernehme und in ihre Wertstoffe dekonstruiere. Klarsichtfenster aus Nudelpackungen entfernen und so.

Sonya: Geht doch. Wenn es das war.

Barbara: War’s nicht. Für mich ist es das Schönste, Dinge zu erledigen. Ich räume wie bekloppt auf und schmeiße alles, was dumm herumliegt, sehr schnell weg.

Zu mir kam mal der Gerichtsvollzieher.

Sonya: Hast du nicht gerade noch gesagt, du könntest nie mit einem Ordnungsfanatiker…

Barbara: Das ist ganz was anderes.

Sonya: Ich hebe eher zu viel auf als zu wenig. Ich hätte auch Angst, etwas wegzuwerfen, was man noch gebrauchen könnte.

Barbara: Zu Recht. Zu mir kam mal der Gerichtsvollzieher.

Sonya: Huch! Wieso das?

Barbara: Ich hatte Bußgeldbescheide und Mahnungen für Falschparken mit dem Altpapier entsorgt. Da musste schon jemand kommen und die Kohle persönlich eintreiben… Ach, und noch eine Sache: Ich hasse Blumen mit Grünzeug drum herum.

Sonya: Was für Grünzeug?

Barbara: Gräser und Farne. So einen Strauß würde ich dem Schenker gern um die Ohren hauen. Du bist da gelassener, oder?

Sonya: Ja, total. Ich bin ein großer Fan von leben und leben lassen.

Barbara: Das finde ich umso bemerkenswerter, weil du ja wirklich schon furchtbare Dinge erlebt hast.

Sonya: Du meinst die Sache mit meinem Bruder.

Barbara: Der am plötzlichen Kindstod gestorben ist, als du sechs warst. Und die Sache mit deinem Vater.

Sonya: Der sich umgebracht hat, als ich elf war.

Barbara: Daran würden viele Menschen zerbrechen. Du aber machst einen total resilienten Eindruck.

Sonya: Das täuscht auch nicht. Ich glaube, das ist eine Entscheidung, die man treffen kann: Soll es mich umbringen? Oder soll es mir etwas über das Leben beibringen und mich dadurch stärker machen?

Barbara: Und du hast dich für Antwort B entschieden.

Sonya: Das soll jetzt nicht pietätlos klingen, aber manchmal denke ich: Großartig, dass mir das passiert ist. Ich habe dadurch als Kind einen starken Überlebenswillen entwickelt. Und mein Vater hat auf diese Weise alle Rollenklischees über den Haufen geworfen.

Barbara: Wie das?

Sonya: Mitte der 1980er galt noch das Bild vom Mann als Beschützer, als Ernährer, als Fels in der Brandung. Wenn sich dein Vater umbringt, während du beim Ballett bist, ist dieses Bild zerstört. Das hat für mich einen Weg planiert: Ich würde mich nie auf einen Mann verlassen, ich würde immer unabhängig sein, im- mer mein eigenes Geld verdienen. Mensch sein, ohne mich einem Mann zu unterjochen.

Barbara: Du hast auch nie geheiratet, obwohl du seit 23 Jahren mit demselben Mann zusammen bist.

Sonya: Das hängt damit zusammen. Ich bin stark, ich bin grundpositiv. Aber das resultiert aus einer Phase tiefster Traurigkeit und Nachdenklichkeit. Bei dir nicht, oder?

Barbara: Nein, ich habe nichts dergleichen erlebt. Aber diesen unbedingten Willen zur Unabhängigkeit habe ich auch. Wird auch nicht weniger, je älter ich werde.

Sonya: Stört dich das Älterwerden?

Barbara: Kein bisschen. Dich?

Sonya: Nee. Ich finde die Frage nach dem Alter auch immer lächerlicher. Mir wurde schon mit 25 suggeriert, mit 30 hätte ich im Fernsehen nichts mehr zu suchen.

Barbara: So’n Blödsinn. Die Leute werden doch mit uns auch immer älter. Die demografische Entwicklung ist auf unserer Seite.

Sonya: Stimmt, unser Geburtsjahr ist kein Makel. Ich arbeite jetzt für den Hessischen Rundfunk. Da sagte neulich einer: "Frau Kraus, eigentlich sind Sie immer noch zu wild und verrückt für uns."

Barbara: Aber?

Sonya: "Aber zumindest sind Sie jetzt in unserem Alter." Ich habe sehr gelacht.

Sonya Kraus, geboren 1973 in Frankfurt am Main, hat vor und nach ihrem Abi gemodelt, bevor sie 1998 als stumme Buchstabenumdreherin zum "Glücksrad" ins Fernsehen wechselte. Ab 2000 durfte sie in "talk talk talk" auch sehr viel und schnell reden. Seitdem moderiert sie beständig diverse Formate auf diversen Sendern, hatte nebenbei eine Kolumne in der "Emma" und hat fünf Sachbücher geschrieben. Ach ja, geschauspielert hat sie auch. Sie lebt bewusst unverheiratet mit Freund, Mutter, zwei Söhnen und einer Hündin in ihrer Geburtsstadt.

Stephan Bartels hat das Gespräch der beiden aufgezeichnet und dabei fast vergessen, dass er sich manchmal tierisch über seinen Bauch ärgert.

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BARBARA 04/2020

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