Beziehungsstatus: Zu dritt

Polyamorie ist ein von vielen gelobtes Gegenkonzept zur Monogamie. Aber kann man wirklich mehrere Menschen gleichzeitig lieben und mit ihnen eine erfüllte Beziehung führen? 

Protokoll: Miriam Kühnel

Hätte ich vor zwei Jahren den Bus verpasst, wüsste ich jetzt wahrscheinlich nicht mal, was Polyamorie ist. Ausgerechnet Polyamorie - ein Lebenskonzept, das mir in meinen kühnsten Träumen nicht in den Sinn gekommen wäre. Schon gar nicht für mich. Aber ich habe den Bus nicht verpasst. Ich bin eingestiegen, habe mich neben Nils gesetzt und habe exakt 24 Minuten und drei Gesprächsthemen gebraucht, um mich in einen verheirateten Mann zu verlieben. Und das, obwohl ich selbst verheiratet und seit gerade mal zwei Jahren Mutter von Zwillingen war.

„Ich bin auch verheiratet“

Seit diesem Tag fuhr Nils Tag für Tag im selben Bus ins selbe Büro wie ich, und er hielt jeden Tag den Platz neben sich für mich frei. Er war klug, ehrlich und ich musste mir auf die Zunge beißen, um ihm nicht andauernd zuzustimmen. Ich hatte tatsächlich jemanden gefunden, der mich so vollkommen verstand, dass es unheimlich war. Nach drei Monaten wurde mir klar, dass das hier keine kleine Schwärmerei war. Nils und ich hatten gefühlt schon über alles geredet. Über unsere Vergangenheit, unsere Träume und unsere Sehnsüchte – nur unser jetziges Leben, das hatten wir sorgfältig ausgespart. Bis zu diesem Tag, an dem ich ihm von Rafael erzählte. Nils sah mich ein bisschen zerknirscht an und sagte nur: „Ist schon ok. Ich bin auch verheiratet.“

„Es muss möglich sein, zwei Menschen zu lieben.“

Danach kam eines zum anderen. Auf der Weihnachtsfeier saßen wir schließlich wortlos nebeneinander und alles in uns schrie danach, die gefühlte Nähe auch körperlich zuzulassen. Aber wie sollte das gehen? Da waren unsere Partner. Die Kinder. Die anderen. Und bei uns beiden die Sicherheit, dass wir unsere Partner liebten. Er hatte mit Meike viel durchgemacht. Erst die zwei Fehlgeburten, dann die Adoption, die beinahe im letzten Moment geplatzt wäre. Ich wusste, Nils würde Meike niemals verlassen. Ich konnte es mir nicht erklären, aber ich wollte nicht mal, dass er es tat. Irgendwann sagte er es dann. Als wäre es das Logischste auf der Welt. „Es muss möglich sein, zwei Menschen zu lieben.“ Und dann erklärte er mir alles so, dass ich fast euphorisch nach Hause schwebte, um es Rafael zu sagen. Er musste es einfach verstehen. Eifersucht, Verlustangst, all das war lediglich anerzogen, hatte Nils gesagt. Konvention. Engstirnigkeit. Nichts weiter.

Ich blieb zurück. Alleine mit den Kindern.

Rafael verstand es natürlich nicht. Ihm fehlten ein paar Promille, ziemlich viele Busfahrten mit Nils und der nötige Freigeist, um meinen neuen verheirateten Freund in unserem Leben willkommen zu heißen. Er glaubte nicht daran, dass ich zwei Männer lieben konnte, packte noch am selben Abend seine Sachen und ging. Ich blieb zurück. Alleine mit den Kindern, einem Haufen Liebeskummer und ohne eine Ahnung, wie es jetzt weitergehen sollte. Bei Nils lief es anders an diesem Abend. Meike hörte sich alles an und erbat sich eine Nacht Bedenkzeit. Am nächsten Morgen sagte sie zu Nils, dass sie mich kennenlernen wollte. Und so saßen Meike und ich zwei Tage später zu zweit im Park und unterhielten uns bis zum Morgengrauen. Ich, die ich einen verheirateten Mann liebte und gerade von meinem Ehemann verlassen worden war und sie, die ihren Mann plötzlich teilen sollte. Mit mir.

Wir fühlten uns erhaben

Wir trafen uns seit diesem Tag in jeglicher Kombination. Nils und ich. Meike und ich. Wir alle drei, manchmal auch mit den Kindern. Nur Rafael verweigerte mein neues Leben. Nils, Meike und ich hingegen fühlten uns erhaben über all den Paaren, die sich aus Eifersucht zerfleischten, an engstirnigen Konventionen klebten, anstatt einfach zu leben, was sie fühlten. Doch irgendwann kam dann der Moment, in dem mich meine eigene „Engstirnigkeit“ überfiel und ich bemerkte, dass es im Grunde einfach nur menschliche Gefühle waren, die wir die ganze Zeit unterdrückt hatten, damit es irgendwie funktionierte. Ich vertraute mich Meike an. Sie konnte mich nicht verstehen, war fast ein wenig geschockt, dass ich ihr manchmal die Zweisamkeit mit Nils nicht gönnte. Nils hingegen litt mit mir unter dem Konzept, das nie unser Traum gewesen war, sondern einfach nur die einzige Möglichkeit für uns, uns zu lieben. Er fühlte sich nicht wohl in der Rolle des Gigolos, das war nicht er, auch wenn er uns beide liebte, jede auf eine andere Art und Weise. Ich glaube, am Ende war Meike die einzige von uns dreien, der es vermeintlich gelungen war, sich frei zu machen von Erziehung, Norm und dem Drang, einzigartig für einen Menschen zu sein.

Wir mussten aufgeben, um uns nicht selbst in unserem Konstrukt zu verlieren

Es mag Menschen geben, die es schaffen. Menschen wie Meike. Fast jeden Tag lese ich Artikel über Polyamorie und irgendwie klingt es bei den anderen immer leicht. Für uns war es das nicht. Am Ende mussten wir aufgeben, um uns nicht selbst in unserem Konstrukt zu verlieren. Ich zog den Schlussstrich und ich glaube, Nils war ein bisschen erleichtert, auch wenn es wehtat. Jetzt im Nachhinein glaube ich, dass wir uns alle drei ziemlich häufig in die eigene Tasche gelogen haben. Meikes und meine Treffen waren letzten Endes keine liebevollen Begegnungen gewesen, sondern mein Versuch, die Kontrolle zu behalten. Nicht ausgeschlossen zu sein. Ich glaube, ihr ging es nicht anders, auch wenn sie es nie zugab. Und die Eifersucht, die mich fast zerriss, wenn Nils Zeit mit ihr verbrachte, war keine Engstirnigkeit, sondern ein ganz und gar menschliches Gefühl, das nichts mit Unreife zu tun hatte.

Noch nicht bereit, ihn loszulassen

Ich glaube, dass es Menschen gibt, die für das Konzept der Polyamorie geschaffen sind. Ich bin es nicht. Die Liebe zueinander hat bei uns am Ende nicht ausgereicht, um uns zu polyamoren Menschen zu machen. Ich liebe Nils noch immer und ich vermisse ihn jeden Tag. Rafael und ich sind uns wieder näher gekommen. Nicht als Paar, aber als Menschen. Ich verstehe jetzt, warum er mich loslassen musste, auch wenn er mich liebte. Jetzt habe auch ich losgelassen, so wie er, um mich in dieser Liebe nicht zu verlieren. Nach wie vor glaube ich daran, dass man zwei Menschen gleichzeitig lieben kann, auch auf romantische Weise. Aber es gibt einfach Gründe dafür, dass sich trotzdem das Konzept der Monogamie durchgesetzt hat. Natürlich kann ein Partner nicht alle Bedürfnisse befriedigen. Aber diese Defizite gemeinsam auszuhalten, aneinander zu wachsen und den anderen auch in seiner Unvollkommenheit zu schätzen, ohne die Lücken durch einen anderen Menschen zu füllen, das ist für mich persönlich letzten Endes das Wesen der Liebe. Was mir ganz wichtig ist: Das gilt nur für mich. Denn wenn ich eines gelernt habe in meiner Zeit mit Nils und Meike, dann ist es, andere nicht für ihre Gefühle oder ihr Liebeskonzept zu verurteilen. Denn nichts ist komplizierter als die Liebe, auch wenn sie sich am Anfang so leicht anfühlt.

**Namen von der Redaktion geändert.

Wer hier schreibt:

Miriam Kühnel
Themen in diesem Artikel

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Beziehungsstatus: Zu dritt

Polyamorie ist ein von vielen gelobtes Gegenkonzept zur Monogamie. Aber kann man wirklich mehrere Menschen gleichzeitig lieben und mit ihnen eine erfüllte Beziehung führen? 

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

E-Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden