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Schluck-Therapie Biohacking: Wann ist zuviel Selfcare zuviel?

Karina Lübke: eine Frauenhand mit grünlichen Kapseln auf der Handfläche
© doucefleur / Adobe Stock
Was man sich zwecks Selbstoptimierung doch so alles an Vitaminen, Hormonen und Temperaturstürzen einverleiben kann. Bei unserer Autorin biohackt es wohl.

Ein gutes Jahr konnte ich mir vormachen, Self-Care auf extrem fortgeschrittenem Level zu praktizieren. Es fiel kaum auf, dass ich dafür mehr Tabletten schluckte als meine 90-jährige Mutter. Denn MEINE Hilfsstoffe – lauter "bioverfügbare" Kompositionen aus kostbaren Kräutern, Vitaminen und Mineralstoffen in stylish designten Tütchen, Fläschchen und Schraubgläsern – waren ja nur präventiv, damit ich später keine echten Medikamente bräuchte. Vor lauter Vorbeugung würde es bei mir nix zu reparieren geben. Ha!

Gut, dass ich im Homeoffice arbeitete, denn Biohacking ist ein Vollzeitjob: Meine Tagesration zäpfchengroßer Pillen bestand aus Magnesium zur Muskelentspannung, Vitamin-B-Komplex für die Nerven, Selen und Chrom für Schilddrüse, Zink und Kurkuma fürs Immunsystem. Auf nüchternen Magen exte ich zudem Kollagenpulver, eingerührt in eine ausgepresste Zitrone (Vitamin C!). Darauf einen Schluck Algenöl wegen der Omega-3-Fettsäuren, hinterher einen Tropfen Vitamin D3 + K1. In den schwarzen "Bulletproof"-Kaffee kam statt Milch ein Schuss MCT-Öl zur Energiegewinnung, ohne dafür die intermittierende Fastenphase abzubrechen. Abends zum schnelleren Einschlafen ein Sprühstoß Melatonin auf die Zunge. Das ganze Zeug war teuer, aber das war ich mir wert! In der Sommersonne konnte mein Körper sich immerhin Vitamin D selbst machen. Auch andere Praktiken, mich zu bioboostern, waren gratis – etwa die Poweratmung auf dem Balkon, deren Vorher-nachher-Effekt ich per Oximeter am Finger überprüfte. Ich duschte zwar warm, kärcherte aber eiskalt nach.

Ja, doch – wenn ich diese unvollständige Aufzählung lese, muss ich selbst kurz schlucken. Immerhin war ich nicht die einzige Irre: Laut Statistischem Bundesamt wurden 2020 in Deutschland rund 180 200 Tonnen Nahrungsergänzungsmittel produziert, 11 Prozent mehr als im Vorjahr. Seit Corona versuchen Leute sich innerlich für den Zusammenstoß zwischen Körper und Virus zu wappnen. Auch gegen die Hilflosigkeit: Auf die große Welt hat man wenig Einfluss – auf die Zusammensetzung der Darmflora schon. Doch wann immer ich in den Spiegel guckte, schaute eine Mangelerscheinung zurück. Verwandelte ich mich langsam in einen Wellness-Zombie? Plötzlich würgte ich beim Anblick meiner Hausapotheke nur noch. Es konnte nicht gesund sein, meinem Körper täglich die Vertrauensfrage zu stellen.

Die abschließenden Eisduschen am Morgen habe ich beibehalten, ansonsten bin ich auf kaltem Entzug. Nur bei der Urlaubsplanung hat mein Freund mich wieder erwischt: Eigentlich will ich jeden Sommer ans Meer, er in die Berge. Jetzt schickte er mir einen Artikel, dass Höhenluft ab 1000 Metern wie ein Jungbrunnen wirke: Der Körper bildet verstärkt EPO, mit dem sich schon Lance Armstrong dopte. Die Sonnenstrahlung da oben hat einen hohen Infrarotanteil, der entzündungshemmend und entgiftend wirken soll. Was soll ich sagen, ich bin mit Leib und Seele dabei.

Karina Lübke schreibt und duscht in Hamburg. Zurzeit trinkt sie gern Kefir, auch wenn er gesund ist.

Barbara

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