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Bitte recht feindlich Verflixtes Zahnknirschen

Bitte recht feindlich: Zahnschienen
© karrastock / Adobe Stock
Unsere Autorin kaut in großer Abneigung auf einer Sache herum, die sie genau davon abhalten sollte. Aber so eine Beißschiene verhindert was ganz anderes.

Oft träume ich von meinem Zahnarzt. Leider schlecht, obwohl er ein attraktiver Mann ist. Konzentriert beugt er sich über mein Gesicht und fragt stirnrunzelnd: "Tragen Sie nachts auch wirklich immer Ihre Knirschschiene?" Dann wache ich panisch auf. Das Kissen ist vollgesabbert, und besagte Schiene habe ich mir im Halbschlaf aus dem Mund gerissen und weggeschleudert. Sie liegt unsichtbar irgendwo auf dem Teppich, sodass ich am Morgen verschlafen drauftreten werde. 

Eine Volkskrankheit

Mittlerweile haben alle, die ich kenne, so ein Plastikteil verordnet bekommen. Die Bundeszahnärztekammer mahnt, jeder Zehnte würde unter dem sogenannten Bruxismus leiden, mehr Frauen als Männer, die meisten zwischen 20 und 45 Jahre alt. Wenig überraschend, dass seit Corona die Zahl der Betroffenen noch mal stark angestiegen ist: Wir knirschen im Schlaf mit den Zähnen, um unbewusst Ängste und Stress zu be-wältigen. Am sichersten sei es deshalb, das Teil gleich sein Nachtleben lang zu tragen.

Ich hab’s ja versucht! Ich kenne Schienen in hart und in weich, für oben wie für unten. Statt damit zu schlafen, kaue ich darauf nur umso stärker herum. Sie riechen wie klebrige Erbtantenküsse, man darf sie nie in heißes Wasser legen oder in ein Tablettenreinigungsbad (dabei verziehen sie sich), sondern soll sie in Essig (igitt) und danach in Zitronenwasser marinieren. Eine Mimose ist weniger pflegeaufwendig.

Wer nicht knirschen will, muss zahlen

Die unscheinbaren Teile sind zudem unfassbar teuer – neue Schiene, neues Unglück! Ich habe dafür schon an die 300 Euro gezahlt. Ja, eine Standardplastikabdeckung zahlt die Kasse, aber für die angepriesene "individuelle Funktionsanalyse" des Zusammentreffens meines Unter- und Oberkiefers, für etwas im "Meisterlabor" Maßgegossenes muss man selber zahlen. 

Lohnt sich das wenigstens? Bestenfalls sollen Schienen den Druck auf den Zähnen um 50 Prozent verringern. Ehrlich: Das reicht mir nicht. Es drückt, hält mich vom kostbaren Schlaf fern – und vom Küssen ab. Ist außer mir noch niemandem die Korrelation zwischen immer mehr Knirschschienen und immer weniger Sex in deutschen Betten aufgefallen? Nicht mal Socken im Bett töten Lust so zackig. 

Warten aufs Älterwerden

Also, wenn ich die Wahl habe zwischen flach gekauten Backenzahnflächen, die mir der Zahnarzt trotz meines Protests gern vielfach vergrößert auf seinem Bildschirm zeigt ("Sehen Sie?! Kaum noch Relief!"), und chronischer Schlaflosigkeit – brauchen meine Zähne nicht auszusehen wie eine Nachbildung der Alpen von oben. Meinetwegen dann eben wie der Tafelberg. Gründe zum Zähneknirschen werden zurzeit leider auch nicht durch das ebenfalls empfohlene "verbesserte Stressmanagement" verschwinden. Im Alter soll übrigens der Kaumuskel langsam schwächer werden. Das wird helfen. Bis dahin könnte ich mir Botox hineinspritzen lassen, aber das traue ich mich nicht. Also werde ich meinem Zahnarzt weiterhin ins Gesicht lügen: Klar trage ich nachts meine Zahnschiene! Unter dem Kopfkissen.

Barbara

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