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Kolumne Nach der Scheidung kommt die Hochzeit

Björn Krause: eine weiße Hochzeitstorte mit Figuren von Braut und Bräutigam
© ommaphat chotirat / Shutterstock
Unser Kolumnist ist seit fünf Jahren geschieden und hat seither jede Hochzeitseinladung abgesagt. Diesmal traut er sich – und verspürt sofort Aufklärungsdrang.

Erinnerung an das, was mal war

Panik, grenzenlose Panik. Befinde mich auf der Flucht vor meinen Gefühlen, in polierten Schuhen und mit Sektflöte in der Hand. Bin auf einer Hochzeitsfeier, fast perfekt ist die. Fehlen nur weiße Tauben und mit Lichterketten erwürgte Rosensträucher.

Habe beinahe Tränen in den Augen – vor Selbstmitleid! Diese ungenierte Präsentation des Glücks bringt Erinnerungen an das, was war, was nicht mehr ist, was hätte sein können. Und daran, mit wem ich hier bin: mit mir nämlich, allein.

Meine Ehe: vor ein paar Jahren von einer Standesbeamtin als gescheitert erklärt. Gescheitert. Das Wort schwirrt hier im Raum herum wie ein Tarnkappenbomber. Trifft mich hart, tut weh. Wie das Kleid der Braut in meinen Augen. Rot! Echt jetzt? Möchte direkt die Scheine aus dem Geschenke-Umschlag nehmen und ihr ins Dekolleté stecken. Bin gemein, ich weiß. Die Bitterkeit stößt auf in mir, und ein bisschen auch die Kribbelbrause. Verzeihung!

Scheidung und Hochzeit passen nicht zusammen

Als geschiedener Mann und Single auf eine Hochzeit zu gehen ist, wie alleine zu wippen. Das Gewicht der Einsamkeit lässt dich unten kleben bleiben. Fühle mich auf dieser Feier wie einer, der bei der "Reise nach Jerusalem" schon in der ersten Runde keinen Stuhl ergattert hat. Und einer, der weiß, dass auf fast jede zweite Hochzeit die Scheidung folgt. Lasse ich ihnen allen ihre Illusion, oder halte ich eine spontane Rede – schonungslos, ehrlich, ernüchternd? Was würde Hugh Grant tun? Mein verkrampftes Lächeln renkt mir fast den Kiefer aus. Möchte mich für beide freuen, wirklich. Also vielleicht doch besser mit einer Flasche Wein an einer frustbedingten Leberzirrhose arbeiten, unter dem Katzentisch, an dem das Brautpaar mich platziert hat.

Auf der anderen Seite: Vielleicht finde ich hier meine Traumfrau. Gibt’s ja, solche Geschichten. Mal gucken: Die Blumenmädchen sind zu jung, die Brautjungfern zu alt, die Trauzeugin ist lesbisch. Die einzige Torte, die infrage kommt, hat drei Lagen und ist so dick mit Zuckerguss bestrichen, dass ich vom Hinsehen Diabetes kriege.

Was ist eigentlich schlimmer: Hochzeiten oder Beerdigungen? Begrabe den Gedanken, hier bis zum Schluss zu bleiben. Raffe mich nur noch einmal auf, um mich in Position zu bringen. Der Brautstrauß wird geworfen. Werde gleich durch die Luft fliegen und hoffentlich einen guten Fang machen. Nicht jede Tradition ist Mist.

Björn Krause fragt sich, wieso man eigentlich auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen wollen sollte.

Barbara

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