VG-Wort Pixel

Kolumne Männlichkeit beweisen, Narben bekennen?

Björn Krause: eine junge Frau mit bunter Farbe im Gesicht
© Wayhome Studio / Adobe Stock
Autsch! Falls Sie meinen, der verletzte Mann braucht im ungeschickten Fall vor allem Aufmerksamkeit – da haben Sie sich echt geschnitten. Die will er hinterher.

Der Dosenöffner voll kaputt, die Büchse halb geöffnet. Eine unglückliche Kombination aus Heißhunger und Ungeduld verlangt, den Zustand umgehend geradezubiegen, will den Deckel verformen, mit meinen Fingern, die ich vor-sich-tig, die ich laaangsam in den schmalen Schlitz schiebe. Mein Verstand: nicht so scharf wie die Kante. Pulsierende Fontäne, dunkelrot. Tomatensoße?

So weit die schlechte Nachricht. Die gute: Scharf wird auch mein neues Wundmal sein. Schnitt-, Stich-, Quetschverletzung – Männer tragen Narben wie Trophäen mit sich herum. Gemüse schneiden, Reifen wechseln, Laubsägearbeit, Besuch beim Dermatologen. Bauch rein, Brust raus. Kerle mit Schrammen. Strahlen Abenteuerlust, Stärke und Männlichkeit aus. Kommt aus Zeiten, in denen wir am Lagerfeuer eine Ziege geschlachtet und uns mit Blut eingerieben haben. Heute sind wir vegan und tragen Anti-Aging-Produkte auf. Ändert aber nichts daran, dass Frauen Wundmale attraktiv finden. So was wird sogar in Studien erforscht. Richtig allemal: Narben gehören zur Identität, sind Erinnerungen, erzählen Geschichten: vom doppelseitigen Leistenbruch bei meiner Geburt zum Beispiel, von Kieselsteinen in der Kniescheibe mit sechs, der Scherbe im Handballen mit zwölf, dem Dartpfeil im Schienbein mit 16 (Danke, Jens!). Offiziell stammen Narben bei uns von notwendigen Schlägereien – bei Frauen war ein dummer Unfall schuld. Stolz auf der einen Seite im Doppelbett, Scham auf der anderen. Wird der Ausdruck von Versehrtheit als kosmetisches Problem betrachtet, drehen Frauen uns den Rücken zu. Etwa nach einem Kaiserschnitt. Kenne aber keine Narbe, die attraktiver ist, mich mehr berührt. Diese horizontale Linie in der Bikinizone, ein Synonym für Schmerz und Dankbarkeit, Last und Glück. Umdrehen, bitte!

Männer verstecken eher Narben, die nicht zu sehen sind. Jene Wunden, die sich durch alle Hautschichten fräsen und tief drin köcheln, brodeln, anbrennen, wenn keiner mit einem großen Löffel umrührt. Ein dampfender Eintopf aus Verlust, Scheitern, Enttäuschung, Kränkung ist das, mit einem gusseisernen Deckel obendrauf.

Hab heute keine Lust mehr auf kochen. Muss ins Krankenhaus, drei, vier, fünf Stiche dürften das schon werden. Danach besorge ich mir endlich einen neuen Dosenöffner. Und bestelle Pizza. Luftig, kross und vorgeschnitten.

Björn Krause musste sich irgendwann für ein Männlichkeitsattribut entscheiden: Narbe am Kinn oder Vollbart

Barbara

Mehr zum Thema