Bleibt mir weg mit euern kruden Gesundheitstips!

Wer heutzutage krank wird, kassiert statt Hilfe jede Menge Ratschläge. Fängt unsere Kolumnistin sich davon einige ein, fühlt sie sich plötzlich angegriffen.

Hier schreibt Karina Lübke

Ständig hört man, Deutschland hätte ein Gesundheitsproblem durch Ärztemangel. Ich kann das nicht bestätigen. Überall treffe ich auf hilfsbereite Heilkundige, die gegen jedes Leiden ein (Lebens-) Mittel oder Mantra wissen. Allerdings hat kaum einer von denen Medizin studiert; ein Selbst- oder Fernstudium auf Instagram oder im Yogakurs reicht völlig aus.


Demnach soll strahlende Gesundheit für jeden machbar, essbar, trinkbar sein – durch frisch gepressten knallgrünen Selleriesaft (kommt auf Fotos super), selbst fermentierten Kombucha, Ingwershots, „goldene“ Hafermilch mit Kurkuma und Pfeffer; mit Eisbädern, Meditation und der Kraft positiver Gedanken.


Zumindest in ihrem Sendungsbewusstsein sind die DIY-Heiler völlig schmerzfrei. Waren Krankheiten einst von Gott geschickte Strafen, werden sie heute – mit Ernährung und Fitness als Ersatzreligion – als Folgen von Faulheit, Unaufgeklärtheit und mangelnder Selbstdisziplin verachtet. „Gesund ist das neue sexy“, so heißt nicht nur ein aktuelles Buch.


Wer sich von mehr als einer Erkältung jährlich erwischen lässt, kriegt Tadel statt Hühnersuppe: „Was will dir dein Immunsystem damit zum Thema Abgrenzung sagen?“ Kranke sind nicht mehr pfleglich zu behandeln und damit in „ihrer Opferrolle“ zu bestärken, sondern spirituell uneinsichtige Problemkinder, die trotzig an ihrem Unwohlsein festhalten, statt sich quantenphysikalisch – „Wie im Innen, so im Außen!“ – aus Bett oder Rollstuhl und den eigenen Ruinen zu erheben.


Mal ernsthaft, Leute: Wenn Stephen Hawking sich nicht gesund denken konnte, wer dann?

Nee, Krankheit ist nicht die heute übliche Schnelldiagnose „mangelnde Selbstliebe“ oder eine „kosmische Lernaufgabe“, es ist manchmal einfach nur ein Virus oder Erschöpfung! Gesundheit ist nach der sehr idealistischen Definition der WHO der „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“ und sogar ein „menschliches Grundrecht“. Aber das Recht ist eine Pflicht geworden. Klar, auch ich versuche, mir ein hohes, gesundes Alter anzufuttern.


Aber dann kommt immer wieder das Leben dazwischen. Mit Süßkram, Alkohol, Stress und Schlaflosigkeit. Mit Trauer und Wut und Sorgen. Zudem die Lebens- und Arbeitsumstände im Turbo-Kapitalismus immer menschenfeindlicher werden: Armut ist auch in Deutschland ein Krankheitsrisiko – und Krankheit ein Armutsrisiko. Männer mit niedrigem Einkommen sterben hier statistisch elf Jahre früher als Reiche; bei Frauen sind es acht Jahre.


Aber statt die Politik zu verändern, werden die Verluste privatisiert: Du allein bist für dich verantwortlich!

Doch für das, was Leib und Seele gesund hält – Zeit, Natur, Kunst, Sport, Schlaf, Liebe, verlässliche Freunde, finanzielle Grundsicherung – bleiben keine Reserven. Wer krank ist, braucht Unterstützung, Entlastung, Pflege und Mitgefühl: Diese Kombination kann tatsächlich Wunderheilungen bewirken. Und übrigens ist auch ein vorbildlicher Lebenswandel nicht todsicher.

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