Bossing: Wenn der Chef mobbt

Mobbing ist Psychoterror. Ganz besonders, wenn der Chef der Täter ist, denn der sitzt im Zweifelsfall am längeren Hebel. Trotzdem kann man gegen "Bossing" etwas tun.

von Miriam Kühnel

An dem Tag, an dem Mia (Name von der Redaktion geändert) auf der neuen Station anfing, war sie enthusiastisch. Als Krankenschwester ist der Arbeitsalltag hart genug, da war sie froh, in einer so persönlichen Atmosphäre begrüßt zu werden. Alle waren per Du, man unterhielt sich in den Pausen privat und die Hierarchien wirkten krankenhausuntypisch sehr flach. "Mein Chef Timo fühlte sich wie ein Mentor an, wie jemand, der es verdammt gut mit einem meint", erzählt sie. Auch, dass seine Frau Ina im eigenen Team als Pflegerin arbeitete, störte Mia deshalb nicht. Bis zu dem Tag, an dem Ina beschloss, Mia nicht mehr zu mögen und ihr Mann begann, die Antipathie zwischen den beiden Frauen auf Führungsebene auszutragen.

Bossing beginnt meist schleichend

Erst waren es nur komische Momente: Ein misstrauischer Blick, ein harmloser Kommentar, ein Spruch, der nur so halblustig war. Und dann begann es: Immer wieder rief Timo Mia zu Gesprächen unter vier Augen. Und immer wieder sagte er ihr das gleiche. Er sei nicht zufrieden mit ihrer Arbeit, sie sei faul und hielte sich nicht an Regeln. Das hätten ihm "Mitarbeiter" zugetragen, unter anderem ein Oberarzt aus dem Team. Wenn Mia nach Beispielen fragte oder um ein gemeinsames Feedback-Gespräch mit betreffendem anonymen Oberarzt bat, schnaubte Timo nur. Nein, konkreter könne er nicht werden. Sie solle sich einfach bessern. Mit etwas Nachdenken merke sie schon selbst, was falsch liefe. Doch Mia dachte und dachte, fand trotzdem ihre Verfehlungen nicht. Sie bat Kollegen und alle Oberärzte um Feedback, blieb völlig verwirrt zwischen deren Lobhudelei und Timos Vier-Augen-Gesprächen zurück. Sie begann, an sich, ihrer Arbeit und ihrer Selbstwahrnehmung zu zweifeln. Ein paar Monate später schlief sie kaum mehr, wirkte ängstlich und erschöpft. Sie musste immer häufiger nach sieben Stunden um Pausen betteln, sich vor dem Team unterschwellige Gemeinheiten anhören, bekam Urlaubstage nicht bewilligt. Alles immer so subtil, dass Mia ihm im Einzelfall kaum etwas hätte vorwerfen können. 

Oft sind Frauen Bossing-Opfer

Solche Szenarien sind laut Frieder Böhme, Berater bei ASSISTANCE / Fachstelle für betriebliche Sozialarbeit / Sachsen, typisch für Bossing-Fälle. "Diese intelligente, sehr subtile Art des Mobbings macht es Opfern besonders schwer, sich zur Wehr zu setzen." Oft weiß der Angestellte nicht mal, wann es genau anfing, doch: "Mobbing hat immer sowohl Ursache als auch Auslöser", sagt Frieder Böhme. Oft treffe es Frauen, aus verschiedensten Gründen. "Zum einen sind Frauen nach einem Wiedereinstieg ins Berufsleben oft sehr leicht zu verunsichern", erklärt er. "Zum anderen spielen seiner Erfahrung nach oft sexuelle Motive mit hinein." Einige Chefs lebten die sexuelle Anziehung zu einer Angestellten über Dominanz in der beruflichen Beziehung aus.“ Überhaupt sei Macht ein zentrales Motiv für Mobbing auf Chefebene. Neben den unsicheren Angestellten, oft Frauen, trifft es auch eine weitere Gruppe überdurchschnittlich oft: die Provozierer. "Viele Vorgesetzte fühlen sich durch Querschläger und Querdenker bedroht. Das betrifft vor allem Chefs mit kleinem Selbstwertgefühl. In deren Kopf ist die Leibeigenschaft einfach noch nicht abgeschafft und sie brauchen die Unterwerfung." Deshalb rät der Experte: Wenn man schon weiß, dass man dazu tendiert, Dinge und Strukturen gerne zu optimieren, sollte man bei der Jobwahl nach Möglichkeit auf einen passenden, sogenannten "fehlerfreundlichen" Betrieb achten. "Es gibt Unternehmen, die zahlen sogar Prämien für konstruktive Kritik. So ein Unternehmen wäre optimal für Querdenker."

"Killing" ist die letzte Stufe des Mobbings

Was Frieder Böhme Opfern von Mobbing und Bossing rät, die zu ihm in die Beratung kommen, ist immer höchst individuell. "Das kommt zum Beispiel auf die Beriebsstruktur, die Art des Mobbings, die Stufe des Mobbings und die persönlichen Auswirkungen an", sagt der Berater. Wenn die Lage aber bereits völlig eskaliert ist, ist seine Tendenz klar. "Killing" nennt man die höchste Stufe des Mobbens. "Die endet im Krankenhaus, in der Psychiatrie oder auf dem Friedhof", sagt Frieder Böhme mahnend. So weit würde er es niemals kommen lassen. "Kein Job der Welt ist es wert, sich gesundheitlich völlig zu Grunde zu richten. Wenn Opfer nicht mehr gut schlafen oder Angstzustände haben, wenn Feierabend, Wochenende und Urlaub zur Erholung nicht mehr ausreichen, dann ist der Punkt gekommen, an dem "Aushalten" keine Option mehr ist", sagt er.

Zur Not zum Hausarzt

Nachdem Mia jeden Tag vor der Arbeit Bauchschmerzen bekam, ging sie zum Hausarzt. Der diagnostizierte eine Darmentzündung, schrieb sie erst einmal krank. "Der Abstand hat mir geholfen, die Lage richtig einzuschätzen", sagt Mia heute. "Ich hatte fast vergessen, dass ich als Krankenschwester in vielen Krankenhäusern dringend gebraucht werde." Abstand hält auch Frieder Böhmer für eine gute Idee. "In einem neuen Kontext, einem anderen Setting, gewinnen die Betroffenen oft wieder Vertrauen in sich und ihre eigene Wahrnehmung", sagt er. Und das sei am Ende doch der beste Schutz gegen Mobbing am Arbeitsplatz.


Der 5-Punkte-Plan für Bossing-Opfer


1. Den Leidensdruck überprüfen und für einen Weg entscheiden: Will ich aushalten, fliehen oder kämpfen?

2. Hilfe für den gewählten Weg suchen. Beim Aushalten helfen liebe Kollegen, beim Fliehen Personalagenturen und beim Kämpfen Betriebsräte, Mobbing-Berater oder Rechtsanwälte. Wichtig ist es, Hilfe zu suchen, die aus der Not kein riesiges Geschäft macht. "Eine Erstberatung sollte immer kostenlos sein", sagt Frieder Böhmer.

3. Die eigene Wahrnehmung stärken. Manchmal kann ein Beratungsgespräch in einer Personalagentur schon Wunder für das Selbstvertrauen wirken. Den Wert der eigenen Arbeitskraft sollte man nicht unterschätzen. Denn das macht Angestellte zu beliebten Bossing-Opfern.

4. Egal, für welchen Weg man sich entschieden hat, sobald man den Verdacht hat, Bossing-Opfer zu sein, sollte man ein Mobbing-Tagebuch führen. Dort Gespräche / Vorfälle und anwesende Zeugen kurz notieren. Das hilft der eigenen Wahrnehmung, aber auch Beratern oder aber vor Gericht.

5. Immer wieder gut in sich hineinhören, auf sich selbst aufpassen und die eigene Strategie überdenken. Habe ich noch Kraft, zu kämpfen? Schlägt mir der Zustand auf die Gesundheit? Habe ich Möglichkeiten, zu fliehen? Was brauche ich? Ist es das alles wert?


Hier finden Mobbing- und Bossing-Opfer Hilfe:


Beratungsstellen in Deutschland


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