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Catcalling Was steckt dahinter?

Catcalling: Verängstigte Frau vor einem Mann
© J Walters / Shutterstock
Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky erklärt, was hinter dem Phänomen Catcalling steckt und warum es die Straße braucht. 

Verbale sexuelle Belästigung gibt es schon ewig, sie wurde nur lange nicht so hinterfragt. Warum jetzt?

Der aktuelle Protest gegen Catcalling ist sicher eine Folge der #Me-Too-Bewegung. Sie ist der Referenzpunkt für unangemessene, deplatzierte und mehr oder weniger gewaltsame Sexualisierung, die sich gegen Frauen, aber auch andere Menschen richtet. Hinzu kommt, dass durch Social Media solche Themen heute sehr viel schneller und für ein breites Publikum sichtbar sind. Proteste gegen Catcalling gibt es aber schon länger, etwa in Lateinamerika oder den USA.

Was genau verbirgt sich hinter dem Begriff Catcalling?

Es ist eine Praxis, die meistens von Männern ausgeht, die Frauen und Mädchen im Vorbeigehen etwas eindeutig Obszönes, Sexuelles hinterherrufen, mit dem Ziel, sie zu beschämen und kleinzumachen. Es geht nicht darum, einer Person zu sagen, wie hübsch man sie findet, weil es einen gerade überwältigt.

Worum geht es dann?

Um den bewussten Verstoß gegen Normen, die in der Öffentlichkeit gelten: höfliche Distanz miteinander, gerade wenn man sich nicht kennt, sich sozusagen als "Fassade" zu begegnen. Es ist ein Phänomen, das viele als ungebildet, als schlechtes, primitives Benehmen bezeichnen würden, auch wenn es in allen Milieus vorkommt, vom Jugendlichen vor der Schule bis zum Manager.

Catcalling sagt demnach viel über den Status der Frau in unserer Gesellschaft aus …

Absolut. Trotz #MeToo und zahlreicher Protestaktionen ist es heutzutage immer noch möglich, jederzeit in der Öffentlichkeit beschämt zu werden. Ich wage die These, dass dubiose Blicke und dubiose Komplimente, bestimmte Gesten und Hinterherhupen leider immer noch zur Erfahrung jeder Frau gehören. Ebenso auch von Menschen, die bestimmten Erwartungen von Geschlechtlichkeit nicht entsprechen – schwule, lesbische, queere, nichtbinäre und Trans-Menschen.

Ist das ein städtisches Problem?

Catcalling braucht die Straße, den öffentlichen Raum als Form. Es ist darauf angelegt, dass es flüchtig ist und im Vorbeigehen passiert. Aus der historischen Einordnung, dass "Frauen ins Haus gehören" – also beschützt sind –, sind gerade Mädchen und Frauen in der Öffentlichkeit bis heute verwundbar und darauf getrimmt, auf sich aufzupassen.

Warum sind es gerade Männer, die auf der Straße andere anmiezen?

Mir ist wichtig, dass man Catcalling nicht so sehr auf einzelne, konkrete Männer bezieht, sondern es als Teil einer bestimmten Auffassung von Männlichkeit versteht. Es ist eine Art Mutprobe, eine Machtausübung. Die Catcaller bestimmen in dem Moment, wie eine fremde Person in der Öffentlichkeit adressiert wird, sie versuchen sich durch die Beschämung einer anderen Person groß und stark zu machen: "Schau her, wie stark, potent und mutig ich bin!" Doch es gibt auch Frauen, die Catcalling gegenüber Männern ausüben, wenn auch eher selten.

Und das heißt dann auch so?

Der passendere Begriff wäre eine bestimmte Form des "doing (female) masculinity", eine Praxis, derer sich auch Frauen bedienen. Man kennt das beispielsweise aus Filmen und Serien, in denen Frauenfiguren als besonders "potent", ehrgeizig, karriereorientiert dargestellt werden, darüber, dass sie Jungs hinterhergucken, ihnen etwas zurufen oder ihnen auf den Hintern hauen.

PROF. DR. VILLA BRASLAVSKY ist Lehrstuhlinhaberin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies an der LMU München.

BARBARA 53/2021

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