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Bei den Chippendales: Zwischen Sixpack und Kreischalarm

Bei den Chippendales: Zwischen Sixpack und Kreischalarm
© Philip Frowein
Wer zu den Chippendales geht, soll sich Illusionen machen, aber bitte nicht zu viele: Deshalb steht vor den Tänzern eine unüberwindbare Kraft – Claudia, 52, passt auf die strippenden Männer und deren Publikum auf.
von Björn Krause

Claudia fällt auf. Sie ist die Einzige von circa 800 Frauen im Raum, die nicht Richtung Bühne schaut, dorthin, wo ein muskulöser Typ mit freiem Oberkörper, aber Fliege um den Hals, seine Brustmuskeln abwechselnd zucken lässt. Der Saal bebt. Claudia ist die Ruhe in diesem Sturm. Sie trägt zum schwarzen Sakko eine rote Krawatte und die Verantwortung für die Sicherheit. Ihr Auftrag als Einsatzleiterin des Security-Teams vor Ort: Männer beschützen. Nicht irgendwelche, sondern strippende Gentlemen, die legendären Chippendales.

Konzept: Waschbrettbäuchige Männer 

Eine halbe Stunde vor Einlass hat die Schwäbin mit italienischen Wurzeln bei der Einsatzbesprechung mit ihrem Team zusammengesessen, die Positionen eingeteilt und den Ablauf koordiniert. Die Crew besteht aus elf Frauen und vier Männern. "Die meisten Kolleginnen haben sich freiwillig gemeldet", sagt Claudia und zwinkert. "Aber ein paar Herren müssen wir bei so einer Veranstaltung eben auch mitnehmen. Vorschrift des Veranstalters." Denn die Stripper wollen wenigstens in ihrer Garderobe vor den Blicken der Zuschauerinnen Ruhe haben – dem einzigen Ort übrigens, an dem die Künstler wirklich komplett nackt sind. "In der Show wird das Wichtigste von einem kleinen Seidentuch bedeckt", erzählt Claudia. "Manchmal auch von einem großen", ihr lautes Lachen vibriert wie Bässe. Nur eine einzige Frau wird beim Umziehen geduldet, und die bügelt und faltet die Wäsche. "Schade eigentlich." Ja, schade.

Die Kerle, die Frauen anziehen, weil sie sich ausziehen, kommen bereits seit Jahrzehnten gut an. Unter dem Motto "Let’s Misbehave!" feiert die Show nun ihr 40-jähriges Jubiläum. Alles begann 1979 in Los Angeles, wo ein indischer Immigrant zusammen mit einem Jurastudenten versuchte, einen heruntergekommenen Nachtclub zu etablieren. Ohne Erfolg. Das änderte sich, als die zwei dem Tipp eines Zuhälters folgten und waschbrettbäuchige Männer engagierten, die für Frauen ihre Hüllen fallen ließen. Ein Konzept, das seitdem von Las Vegas bis hier im Allgäu wiedergekäut wird. Vor Beginn der Show stehen die Frauen Schlange, draußen am Eingang der Oberschwabenhalle in Ravensburg, sie juchzen und gackern, lassen Sektflaschen rumgehen. "Die Stimmung ist immer gut und friedlich, das mag ich bei den Chippendales", sagt Claudia, die gerade besonders gut gelaunt ist, weil sie im Backstage-Bereich einen kurzen Plausch mit Paul Jahnke hatte. Der Ex-Bachelor, Deutschlands begehrtester Junggeselle, begleitet die Jungs aus Las Vegas als Special Guest bei ihren Shows. "Schnuckelig finde ich den ja schon", raunt Claudia. "Obwohl er irgendwie kleiner ist als im Fernsehen."

"Frauen und Alkohol zuerst!" 

Viel Vorfreude also auf beiden Seiten der Glasfront, im Inneren jedoch gibt es auch ein klein wenig Anspannung. "Wenn hier gleich die Türen aufgehen, möchtest du nicht im Weg stehen", sagt Claudia und zeigt nach draußen. "Das ist, als fielen Sommer- und Winterschlussverkauf auf einen Tag." Und dann gehen die Türen auf, und es wird klar, was sie damit meint: Frauen und Alkohol zuerst! Im Foyer werden umgehend mit der Garderobe, dem Klo und der Theke die drei wichtigsten Stützpunkte angesteuert – Jacke abgeben, Lippenstift nachziehen, Nachschub ordern. Als die Innentüren öffnen, geht es jedoch wieder entspannt und gesittet zu.

So lange jedenfalls, bis sich der erste Kerl an den Arsch packt. Kreisch! Auf der Bühne fallen die Textilien, im Publikum die Hemmungen. In den zehn Shows, die Claudia mittlerweile als Security betreut hat, war es im Grunde stets dasselbe. Nur die Männer variieren, ihre Outfits und die Showeinlagen – Bausteine, die bei Bedarf ausgetauscht werden. Dagegen wird immer getanzt, gesungen und gestrippt. Und leider auch gefilmt. Schon wieder erwischt Claudia eine der Zuschauerinnen, die mit ihrem Handy draufhält. Natürlich ist das verboten. Natürlich wissen das alle. Natürlich ist es ihnen scheißegal. "Filmen und Fotografieren ist wie ein Virus, mit dem eine die andere ansteckt", erzählt sie. Claudia versucht wieder und wieder und wieder, die Zuschauerinnen davon abzuhalten. "Manchmal habe ich das Gefühl, das hier sei meine Hauptaufgabe."

Die Jungs werden als Freiwild betrachtet 

Die Uneinsichtige trägt eine schwarze Stretchhose, einen Hauch von Bluse aus Spitze und wippt von einem Stiletto auf den anderen. Ihre Hände hat sie in die Luft gestreckt, zum Jubeln und Filmen. Sie ist an diesem Abend die Rekordhalterin der Ignoranz. Claudia war bereits sieben oder acht Mal bei ihr. So langsam ist sie genervt. Nicht Claudia, sondern die junge Frau. "Hau ab, du vertrocknete Feige", brüllt sie. Die Security-Lady sagt nichts. Schweigen tut manchmal mehr weh als jede Backpfeife. Erfahrung zahlt sich aus in ihrem Job. Und ihr stechender Blick ebenso. Claudia hat die Chippendales schon live als Zuschauerin gesehen, da war dieses Mädchen noch nicht mal das Zucken in den Lenden seines Vaters. Ein paar Sekunden schauen sich die beiden an, dann verschwindet das Handy wieder in der Tasche. Vorerst jedenfalls. Ein paar Meter weiter hält schon die Nächste drauf. Aber dafür hat Claudia jetzt keine Zeit, denn ihre Aufmerksamkeit wird an anderer Stelle gebraucht.

Einer der Künstler ist nämlich auf Tuchfühlung ins Publikum gegangen. Eine Situation, in der alle einen erhöhten Puls haben: die Zuschauerinnen wegen des Strippers, der Stripper wegen der Zuschauerinnen und Claudia wegen beidem. "Wenn die Jungs das machen, werden sie von manchen Frauen als Freiwild betrachtet", erzählt sie. "Es gibt fast immer welche, die den Männern an die Wäsche gehen. Letztes Jahr in Friedrichshafen ist eine Zuschauerin vollkommen durchgedreht und hat einen der Tänzer überall begrapscht, selbst im Schritt. Als der dann abhauen wollte, hat sie versucht, ihn an seinen Stiefeln festzuhalten. Am Ende wollte sie sogar die Bühne stürmen."

Frauen in Ekstase

Der ehemalige Chippendales-Tänzer Michael Rapp, der vor 40 Jahren dabei war, als die Show auf die Bühne kam, hat mal gesagt: "Je länger die Nacht wurde, desto mehr verwandelten sich diese schüchternen Frauen in hungrige Frauen, die sich holen, was sie wollen." Das hat sich offenbar nicht geändert. Die Show ist so etwas wie ein heimeliger Partyabend für Tupperware, Thermomixer, Dessous und Dildos auf einmal. Ein Klischee-Ort, an dem Frauen unter sich sind, wo gekichert wird und gegrölt, getrunken, viel getrunken, und geträumt von dem Idealbild eines Adonis: "Auf die Männer, die wir lieben, und die Penner, die wir kriegen."

Dass das Licht ausgeht, immer ganz genau dann, wenn die letzte Hülle fällt, oder aber irgendetwas das Gemächt bedeckt – ein Hut, eine amerikanische Flagge, ein Mikrofonständer (hihi!) –, ist ein prüder Gegensatz zur aufgeheizten Stimmung. Die Frauen sind in Ekstase, klettern bereitwillig auf die Bühne für schlüpfrige Spielchen, lassen sich zum Beispiel an Bettpfosten fesseln, oder sie cremen gestählte Oberkörper mit Bodylotion ein. Im Moment versucht eine Frau gehobenen Alters, ohne ihre Hände ein Kondom über eine Banane zu stülpen. Dieses Chippendales-Konzept, inklusive der zerrissenen Unterhemden und eng anliegenden Slips, funktioniert tatsächlich. Vom Anfang bis zum Ende.

Manchmal muss man frech sein 

Claudias schwierigste Aufgabe beginnt nach der Show. Der Schweiß auf der Haut der Künstler ist noch nicht getrocknet, da lassen sie sich zum Abschluss mit zahlungswilligen Frauen auf der Bühne fotografieren. Alle anderen müssen nun den Saal verlassen, wollen aber nicht. "Wir sind doch keine Kühe", beschwert sich eine der Damen bei Claudia, die wie ein Hütehund die Herde nach draußen treibt.

Als der Abend dann wirklich gelaufen ist und alle Gäste auf dem Heimweg sind, trifft Claudia zum zweiten Mal auf den Ex-Bachelor, der sie für ein Selfie in den Arm nimmt. "Zieh deinen Bauch ein", sagt Claudia. Paul lacht. "Du bist aber ganz schön frech", antwortet er. Das gehört zu ihrem Job. Und jetzt hat sie Feierabend.

BJÖRN KRAUSE war mit Mitte 20 oben ohne auf einem Männermagazin-Cover. Gekreischt hat nur die Mama. 


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