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Clueso im Gespräch mit Barbara "Ich halte Stille oft gar nicht aus."

Clueso: Vogelperspektive von Clueso und Barbara, die auf einem Steg sitzen
© Paulina Hildesheim / Barbara
Gar nicht klar, wem Stillhalten hier schwerer fällt: Der relaxed wirkende Musiker Clueso galt einst als "überenergetisch". Und bei der stets angeknipsten Barbara scheint Seewasser etwas zu bewirken.

Barbara: Clueso! Wir sind beide in lauten, leicht überdrehten Berufen unterwegs. Man könnte deshalb meinen, dass unser Thema heute eines ist, das gar nicht zu uns passt.

Clueso: Also, ich mag es durchaus, wenn’s ruhig ist. Aber wenn ich dich so anschaue, spüre ich bei dir eine gewisse Ambivalenz. Hast du etwa ein Problem mit Stille?

Tja. Das ist eine erstaunlich komplexe Frage. Ich glaube, der Punkt ist: Ich habe das Gefühl, sie wird mir irgendwie aufgedrängt.

Wie das denn?

Indem ich ständig von Leuten angesprochen werde, die mir suggerieren, dass ich nichts so sehr bräuchte wie eine gehörige Portion Stille. Die sagen dann: Du bist doch immer unterwegs und so flippig und laut, du musst jetzt aber echt mal runterkommen …

Und das stört dich?

Mich nervt die Message dahinter. Als ob ich mich auf einer unteren Inkarnationsstufe befände, weil ich ein Leben wie meins führe. Dass ich nur bei mir ankommen kann, wenn ich mit Meditation anfange.

Was du nicht einsiehst.

Anders: Ich habe kein Bedürfnis danach. Aber die Indoktrination wirkt trotzdem, ich probiere es ja doch manchmal aus und setze mich für eine halbe Stunde hin.

In absoluter Stille?

Nö. Meine Umgebung ist dann ruhig, aber ich nicht.

Sondern?

Ich singe. Und nicht nur in dieser halben Stunde. Den ganzen Tag. Ich schmettere Opernarien und anderen Kram, und wenn ich auf Singen keine Lust mehr habe, spreche ich mit mir selber, ich imitiere Dialekte …

Nicht dein Ernst! Welche kannst du besonders gut?

Ich arbeite stark an Sächsisch und Schwäbisch. Gern auch Deutsch mit italienischem Akzent. Und dabei räume ich dann im stillen, menschenleeren Haus herum. Schon allein deshalb kann ich hier bestätigen: Die totale Stille habe ich noch nie erfahren. Aber kommen wir zu dir. Und da habe ich eine Vermutung.

Die da wäre?

Ich beobachte dich ja nun auch schon seit 20 Jahren und kenne dein Werk. Ich stelle mir vor, dass du die Momente absoluter Stille sogar brauchst, um hinterher so etwas Schönes rauszuhauen.

Das stimmt. Die Sache ist nur: Es ist komplett auf die Musik beschränkt, und ich bin echt froh, dass es diese Phasen gibt. Aber ansonsten bin ich in etwa wie du.

Du imitierst italienische Frauen?

Das fehlt noch. Aber ich halte Stille oft gar nicht aus. Ich mache es mir supergern gemütlich, aber nutze es dann nicht. Oder im Urlaub am Strand: Da suche ich mir den chilligsten Platz aus und richte ihn mir perfekt ein …

… geiles Handtuch, akkurates Schirmausrichten, bestes Strandbuch, Snacks und Drinks …

Ganz genau. Und ich nehme weite Wege dafür auf mich. Um dann nach fünf Minuten aufzuspringen und zu beschließen: Okay, danke, reicht – was kommt jetzt?

Der Weg ist das Ziel.

Für diese Hibbeligkeit brauche ich eben einen Gegenpol. Und das ist die Musik.

Klingt für mich nach Widerspruch.

Ist aber keiner. Manchmal sitze ich allein da und klimpere auf der Gitarre herum, ohne Absicht, für nichts und niemanden, nur für mich ganz allein. Da ist dann diese Stille in mir, die suche, die feiere ich. Aber ich muss mir diese Momente auch bewusst schaffen.

Und wie machst du das?

Es gibt da diesen Raum in meiner Wohnung, der ist nur dafür da. Wenn ich dort hineingehe, ist völlig klar: Jetzt darf mich niemand stören.

Echt jetzt? Du hast ein stilles Zimmer?

Ja. Das ist ein großer, spartanisch eingerichteter Raum. Obwohl, das Spartanische zieht sich durch die ganze Wohnung. Mein Vater hat mich neulich gefragt, ob ich mir nicht langsam mal einen Schrank anschaffen will.

Und, willst du?

Nee. Ich hasse Schränke. Ich mag nichts, was man nicht schnell einfach so verrücken kann. Aber ich habe noch ein paar mehr, wie sagtest du gerade so schön: stille Zimmer.

In deiner Wohnung?

Da reicht eins. Aber ich komme aus und lebe in Erfurt, ich habe mal irgendwo gelesen, dass es dort die größte Kirchendichte pro Einwohner gibt. In der Innenstadt siehst du nichts als Kirchtürme! In vielen dieser Kirchen gibt es tatsächlich einen "Raum der Stille". Und in die gehe ich ab und zu.

Aus religiösen Gründen?

Nee. Um mir meine Aufnahmen anzuhören. Da weiß ich: Mich quatscht keiner an, es ist absolut ruhig.

Okay. Da setzt du dich also mit dem Kopfhörer hin …

Nein. Ich lege mich auf den Boden. Irgendwie schräg, ich weiß, aber diese Räume hat man in der Regel dann doch für sich allein. Ich brauche das, um an den Stellschrauben zu drehen: hier die Stimme lauter, da das Schlagzeug leiser … Ich merke gerade: Auch da sind wir uns gar nicht so unähnlich.

Wieso?

Ich brauche die Stille für meine Musik, du für deine hauseigene Barbara-Schöneberger-Show.

Das ist wahr. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke: So etwas wie deine Erfurter Kirchen habe ich auch.

Wo stehen die?

Ich bin jedes Jahr im Sommer in Schweden, und zwar an einem Ort, wo mich definitiv keiner schreien hört. Da oben bin ich verschwunden, unauffindbar für die Welt, und irgendwie auch unauffindbar für mich selbst.

Für dich selbst? Das hätte ich jetzt gern erklärt.

So ganz habe ich das auch noch nicht verstanden. Aber es fühlt sich tatsächlich so an: Ich fahre als laute, lustige Barbara Schöneberger hin, und nach ein paar Tagen wird mir bewusst, dass ich da in einer Welt ohne Sprache, ohne laute Geräusche bin. Und diese Erkenntnis legt sich wie eine warme Hülle über mich, und tatsächlich, plötzlich halte ich Stille gut aus und muss sie nicht manisch überschwäbeln. Komisch, oder?

Nicht unbedingt. Orte verändern einen. Ich war mal für sechs Wochen auf Ayurveda-Kur auf Sri Lanka, oben in den Bergen.

Oh. War eine Beziehung vorbei? So was macht man ja nicht, wenn nicht vorher etwas Gravierendes vorgefallen ist.

Ordinäres Burnout. Jedenfalls: Ich bin allein angereist, gefühlt war da alle fünf Minuten Meditation, und der Typ, der die Sache geleitet hat, konnte ziemlich gut vermitteln, dass Stille zum Bauplan des Körpers und zur Heilung gehört …

Abgefahren.

Ja, oder? Ich habe da so viel erlebt, erfahren und begriffen, das ich gern mit anderen geteilt hätte. War aber keiner dafür da, also musste ich das alles mit mir abmachen. Ich hatte hinterher trotzdem gar nicht das Gefühl, dass es mich verändert hätte. Sahen die Leute zu Hause aber anders.

Wie denn?

Die fanden mich strapazierfähiger. Genießbarer. Und das hat mir etwas gezeigt: Die Frage ist nicht, ob du Meditation brauchst oder nicht.

Sondern?

Ob du nicht doch ab und zu Lust hast, durch diese immer halb geöffnete Tür in deine innere Stille zu gehen. Denn das macht was mit dir. Du machst es einmal im Jahr in Schweden und spürst es selbst, ich gehe vor Konzerten durch diese Tür, indem ich meine Meditations-App anmache. Und dann merken es vor allem die anderen.

Das stimmt. Aber weißt du, wann bei mir selbst die tiefste innere Einkehr nicht helfen würde?

Na?

Bei unangenehmer Stille.

Welcher Art?

Diese Situation, wenn man auf einer Party zwei Leute miteinander bekannt macht: Kai, darf ich dir Sabine vorstellen – sie hat, wie du, ein rechtes Bein, da habt ihr doch ein Thema, jetzt unterhaltet euch mal …

Und die schweigen sich natürlich an.

Das kann ich nicht aushalten. Ich lache diese Stille total unnatürlich weg und sage viel zu laut Sachen wie: Ich habe ja auch ein rechtes Bein, wie lustig!

Das heißt, du bist in permanenter Alarmbereitschaft, wenn du zu Hause Partys schmeißt.

Aber echt. Wenn Leute nichts miteinander anfangen können, macht mich das fertig. Früher bin ich tatsächlich mal am Anfang einer Feier auf dem Klo verschwunden und sehr lange nicht herausgekommen.

Und heute?

Bin ich ein bisschen lockerer damit, und das hilft wirklich allen. Und wenn nicht, quatsche ich einfach alle tot.

Wie war das denn eigentlich in deiner Kindheit? Gab’s bei dir mal Momente, in denen du still sein musstest?

Nicht zu Hause. Aber mein Papa ist klassischer Musiker, und ich habe große Teile meiner Jugend in Opernhäusern und Kammermusiksälen verbracht. Ich habe zu meinem großen Unverständnis auf die harte Tour gelernt, dass "Psssst" auch wirklich "Psssst" bedeutet. Da darf man nichts sagen. Keinen kleinen Satz, kein Wort, das hat mich immer sehr empört. Und du?

Ich bin Jahrgang 1980 und habe meine ersten Schuljahre noch in der DDR zugebracht. Da wurde mir Stille auf mehrere Arten, sagen wir mal: nahegebracht.

Und wie?

Zum einen durch heftigste Disziplin. Zum anderen wurde dir sehr früh klargemacht, zu welchen Themen du besser gar nichts sagst.

Krass.

Schon. Vor allem dann, wenn man ein bisschen Probleme mit Stillsitzen und Klappehalten hat. So wie ich.

Oh. Warst du hyperaktiv?

Ich glaube, das Wort gab es damals noch nicht. Ich weiß nur, dass man über mich immer gesagt hat: Der ist so überenergetisch, den müssen wir jetzt einfangen. Tatsächlich haben meine Lehrer dafür gesorgt, dass ich in die Kinderpsychiatrie in Erfurt eingewiesen wurde.

Wie furchtbar. So richtig stationär?

Auch. Da haben mich meine Eltern allerdings schnell rausgeholt. Heute bin ich wieder drin.

Wie bitte?

Mein Studio ist da jetzt drin. Das ist super, die Räume sind extrem gut schallisoliert. Man darf sich nur nicht so genau klarmachen, warum das so ist. Als ich die Räume von der Stadt übernommen habe, waren auch noch so kleine Patschehändchenabdrücke an der Wand. Die musste ich übermalen, die konnte ich nicht aushalten.

Ich könnte das gar nicht aushalten, glaube ich. Das ist mir zu düster.

Doch, ich kann das. Ich sage mir immer: Wir Musiker sind die ersten Verrückten, die da freiwillig drin sind. Aber apropos düster …

Ja?

Wie kommst du eigentlich mit Dunkelheit klar? Das ist für mich ja die visuelle Entsprechung zur Stille.

Da sind wir wieder in Schweden. Meistens bin ich ja im Sommer dort, da wird es gar nicht dunkel. Aber ich weiß noch, wie ich einmal mit meinem Sohn im Herbst durch die Wälder dort gefahren bin. Links und rechts und oben und unten: die totale Finsternis. Und mein Sohn sagt: Boah, ist das hier schön, können wir anhalten, aussteigen und hier übernachten?

Ich nehme an, du warst begeistert.

Ich habe ihn gefragt, ob er jetzt völlig durchgedreht ist. Ich hatte so einen Schiss, dabei saß ich noch im fahrenden Auto.

Komisch eigentlich, oder? Ich meine, ist ja nicht so, dass schwedische Wälder jetzt voll von gefährlichen Tieren wären. Und dein Junge hatte doch auch keine Angst. Warum du?

Vielleicht ist das mein kultureller Vorsprung. Er hat noch nie was von Henning Mankell und Stieg Larsson gelesen. Ich schon. Ich habe überall in der Dunkelheit Frauenleichen an den Bäumen baumeln sehen.

Das ist spannend. Jürgen Domian hat mir mal Ähnliches erzählt, der hat sich auch mal in einer Gegend im sehr hohen Norden in eine Hütte tief im Wald eingemietet. Er sagte zu mir, dass er es abends nicht aushalten konnte, wenn die Vorhänge nicht zugezogen waren. Als wäre die Welt nicht mehr da, wenn man sie nicht sieht.

Aber du bist da anders, oder? Du hättest bestimmt keine Angst!

Bist du irre? Ich würde mir in die Hose machen.

Stephan Bartels, der stets stille Beisitzer dieses Gesprächs, hat in eine Familie nebst Ferienhaus an einem holsteinischen See eingeheiratet. Er liebt vor allem die absurde Ruhe dort.

Barbara

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