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Interview Komikerin Cordula Stratmann: "Wir gehören alle zu den normal Gestörten"

Cordula Stratmann: Barbara Schöneberger mit Cordula Stratmann
© Stephan Pick
Während Barbara auf ihren Instinkt hört, glaubt Komikerin Cordula Stratmann, dass gute Entscheidungen vor allem Zeit und Vertrauen brauchen. Zum Glück schließt das eine das andere nicht aus!
von Stephan Bartels

Barbara: Cordula, wir sitzen hier beide in diesem Kölner Fotostudio in schönen Sesseln. Wäre ich jetzt beruflich bei dir, würde ich aber wahrscheinlich eher liegen, oder?

Cordula: Nee. Ich bin ja keine Psychoanalytikerin.

Sondern, und das wissen nicht viele: eine Psychotherapeutin, neben deinem sehr öffentlichen Job als Comedian.

Das stimmt jetzt fast. Ich war Sozialarbeiterin und systemische Familientherapeutin bis 1996, und seit zwei Jahren arbeite ich in freier Praxis wieder in diesem schönen Beruf. Und während bei einigen Analytikern tatsächlich noch die Couch zum Einsatz kommt, wird bei mir in sehr bequemen Sitzmöbeln miteinander gesprochen und sich angeschaut. Hast du Erfahrung mit Therapie?

Habe ich. Ich war tatsächlich mal an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich mir selbst alles zerstört hatte. Ein Jahr lang bin ich wöchentlich in eine trostlose Spandauer Praxis gefahren und hatte das Gefühl, dass der Typ mich hasst. Dabei wollte ich doch nur, dass er mir sagt, wo es langgeht.

Hat er das?

Natürlich nicht.

Was war denn dein Problem?

Ich habe mich falsch verhalten, und ich habe die Quittung dafür bekommen. Und ich hatte das Gefühl, dass es Teil meiner Buße ist, ein Jahr lang zu diesen unerfreulichen Sitzungen zu laufen.

Kann es sein, dass das so ungefähr 15 Jahre her ist?

Ziemlich genau sogar. Woher weißt du das?

Wir sind uns damals begegnet, und ich bin mit dem Eindruck von der Veranstaltung gegangen, dass es dir mies ging. Was du jetzt erzählst, verknüpft sich gerade mit meiner Wahrnehmung, die ich damals von dir hatte.

Verblüffend, ich dachte, ich hätte es mir nicht anmerken lassen. Aber es gab wirklich diese zwei Jahre in meinem Leben, in denen ich das Gefühl hatte, es könnte mir entgleiten. Ich war immer positiv und bin es auch heute, aber damals dachte ich: Vielleicht wird doch nicht alles gut.

Du sagtest eben: Die Therapie war Teil deiner Buße.

Das Gefühl habe ich heute noch oft. Ich halte mein Leben, das ich heute leben darf, für einen einzigen Glücksfall. Und zum Ausgleich dafür akzeptiere ich auch, dass es mal an der ein oder anderen Stelle mächtig hakt. Kennst du das?

Nee. Ich bin zwar katholisch aufgewachsen, aber mit dem Konzept von Buße oder Bestrafung kann ich nichts anfangen. Mit Bewusstwerdung schon. In dem Sinne, dass ich mir bewusst mache, dass ich nicht diejenige sein sollte, die Klage führt über ihr Leben. Und je älter ich werde, desto mehr verfestigt sich der Gedanke: Niemand sollte Klage führen.

Wie meinst du das?

Ich staune oft darüber, wie viele Menschen ein gewaltiges "Aber!" mit sich herumtragen. Die stecken viel Kraft in die Ablehnung ihrer Realität und das trotzige Erstellen von Lebensplänen, ohne dass das irgendeine konstruktive Auswirkung hätte. Ich denke: Wenn es in deinem Leben tatsächlich etwas zu beanstanden gibt, lohnt es sich, dir darüber klar zu werden. Manchmal musst du dir nur darüber klar werden, dass dein Leben viel besser zu dir passt als deine Pläne. Und wenn das nicht im Kontakt mit Freunden funktioniert, dann lohnt es sich durchaus, wenn da mal ein anderer Dritter draufguckt.

Gibt es so etwas wie eine … na ja … sagen wir mal: Grunderkenntnis, die du als Therapeutin gewonnen hast?

Ja, und zwar: Wir gehören alle zu den normal Gestörten. Wir haben alle komische Gedanken und Reflexe. Und damit umzugehen ist kein Hexenwerk. Am Ende geht es ums Erwachsenwerden.

Und was heißt das bitte konkret?

Wahrnehmen, erkennen, weiterentwickeln. Ich mache im Grunde immer dieselbe Arbeit, die ich an mir auch schon durchgeführt habe: Ich verhindere, meinen Reflexen die Zügel in die Hand zu geben.

Das finde ich interessant, weil diese Reflexe so schwer zu bezwingen sind. Nach meiner Beobachtung landen Leute immer an den gleichen individuellen Problempunkten.

Genau. Und diese Dynamik ist gar nicht mal so individuell, wie wir immer glauben. Wir sind nämlich alle gar nicht so exklusiv und hoch kompliziert, auch in unseren Störungen.

Die da wären?

Wir denken, dass wir zu wenig gesehen werden. Dass andere verhindern, dass es uns gut geht. Dass Umstände schwierig sind.

Das sind doch aber Störungen von außen.

Eben nicht, wir sind alle selbst dafür zuständig, wie wir die Dinge des Lebens bewerten. Wir können die Welt als unseren Gegner betrachten oder in ihr leben und sie gestalten.

Kleine Schritte zum Glück.

Hach ja, die Sache mit dem Glück … Ich glaube, uns allen geht es nachhaltig sehr viel besser, wenn wir nicht ständig nach dem Glück jagen, sondern uns erst mal an der Zufriedenheit versuchen. Das Glück ist ja immer nur ein flüchtiger Besucher, sehr launisch, dieses Frollein von und zu Glück.

Manchmal sagen Leute auf die Frage, wie es ihnen geht: Wir sind zufrieden. Ich mag das nicht.

Und warum nicht?

Ist für mich ein halb garer Kompromiss. Wenn Glück das fette "Ja!" ist, dann ist Zufriedenheit das "Jein", die kleine, nicht ganz so hübsche Schwester.

Aber wenn du das Jein ablehnst, kriegst du das Ja womöglich nie zu Gesicht. Ins Jein passen auch Krisen gut hinein, die uns zuverlässig aufsuchen im Laufe unseres Lebens.

Schönes Stichwort. Krisen erfordern Entscheidungen. Bist du gut darin, die zu treffen?

Ich glaube, darauf kommt es gar nicht an. Krisen sind für mich eher die Zeit der Fragen, da geht es darum, Ambivalenz auszuhalten, das von dir so geohrfeigte Jein. Krisen kommen und fragen uns, na, bleibst du jetzt in der Schnappatmung oder erkennst du schon, was ich dir hier mitgebracht habe? Krisen haben meistens ein Geschenk im Gepäck. Um das zu erkennen, musst du den Fuß vom Gas nehmen und zur Ruhe kommen. Gute Entscheidungen trifft man dann, wenn man sich Zeit dafür nimmt. Wie ist da deine Erfahrung?

Wenn ich so darüber nachdenke: Ich habe gar nicht so viel entschieden in meinem Leben.

Widerspruch. Mir fallen auf Anhieb zwei sehr wichtige Entscheidungen ein.

Klar, stimmt: Heirate ich diesen Mann und will ich Kinder mit ihm? Zweimal: Ja.

Und das hatte Konsequenzen.

Hoffentlich für den Rest meines Lebens. Aber ich bin da guten Mutes, denn ich stelle fest: Bei den wenigen wirklich wichtigen Entscheidungen in meinem Leben habe ich mich immer auf meine innere Stimme verlassen. Ich glaube, ich habe einen ganz guten Urinstinkt, und der hat auch dafür gesorgt, dass ich meist einfach mitgeschwommen bin und mich an die richtigen Stellen habe spülen lassen.

Genau. Entscheiden hat nämlich mit Vertrauen zu tun. Und da ist es bei mir wie bei dir: Ich weiß, mein Leben wird gut ausgehen – egal welche Krisen und Hürden auf dem Weg liegen.

Lass uns mal über eine deiner Entscheidungen reden, die rund ein Vierteljahrhundert zurückliegt. Da hast du deinen Job als Familientherapeutin im Jugendamt in Pulheim aufgegeben, um nur noch Comedy zu machen.

Ja, und das war ein interessanter Prozess. Ich hatte ein Angebot für ein Fernsehformat bekommen, war aber irgendwie skeptisch – war ja eine fremde, seltsame Welt für mich, ich war gern in meiner Beratungsstelle und hatte von mir aus auch gar nicht den Drang zum Fernseh-Leben. Aber ich war auch interessiert und wollte das ausprobieren, und so saß ich also im Büro meines Dezernenten, um mit ihm darüber zu sprechen, mich für ein Jahr vom Jugendamt beurlauben zu lassen. Aber im Gespräch mit Dr. Gerhard Dornseifer – ein ganz toller Mann war das – habe ich dann angefangen zu heulen.

Warum?

Weil mir klar wurde: Du willst hier eine Sicherung einbauen, aber wenn du jetzt die Welten wechselst, dann gehst du nicht mehr in die alte zurück. Spring oder lass es. Also habe ich ihm gesagt: Herr Dornseifer, ich komme nicht wieder. Mein Instinkt war so unmissverständlich, und ich habe in diesem Moment begriffen: Veränderung bedeutet Entwicklung, und die geht ohne Feigheit nach vorne, nicht zurück. Und klar wurde mir auch: Wenn ich an einem anderen Punkt meines Lebens eine neue Entscheidung brauche …

… dann würdest du sie schon treffen.

Ganz genau. Ich habe gelernt, nur nach vorn zu denken. Ich komme öfter mal an Kreuzungen, und ich stehe gern an ihnen. Ich habe ein Grundvertrauen in dieses Leben, deshalb weiß ich, dass ich mich auch im Grundsatz richtig entscheiden werde.

Woher kommt dieses Grundvertrauen?

Hm … Weißt du, was das erste Wort ist, das gerade in meinem Kopf aufleuchtet?

Na?

Humor. Ich habe Humor, und ich glaube, der ist eine Vertrauensausstattung des Menschen. Und damit meine ich nicht, ob einer Witze mag oder nicht. Sondern die Fähigkeit, all das, was im Leben schiefläuft, auch von einer anderen Perspektive zu betrachten. Und das schafft Vertrauen.

Brauchtest du aber manchmal auch, oder? Etwa, als du mit 42 Mutter geworden bist.

Allerdings. Was man da zu hören bekommt, wie risikobehaftet so eine späte Schwangerschaft ist, was da alles schiefgehen kann, huuuuuh! Und trotzdem: Ich hatte eigentlich nicht das Gefühl, etwas entscheiden zu müssen. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, überhaupt noch schwanger zu werden, da hatte das Leben für mich entschieden. Ich wollte auch während der Schwangerschaft nicht wissen, ob das Kind gesund sein würde oder nicht. Ich wusste einfach, wer da kommt, ist unser neues Familienmitglied, mit Nackenfalte oder ohne. Et kütt wie et kütt, ich bin ja nicht umsonst Rheinländerin!

Und jetzt ist der Junge schon 14! Aber lass uns bitte noch über eine andere Entscheidung sprechen.

Welche?

Über die, nach über 20 Jahren Pause wieder in deinem alten Beruf zu arbeiten.

Ha! Auch da würde ich sagen: So richtig entschieden habe ich das gar nicht.

Sondern?

Ich habe damals bei Dr. Dornseifer auch so geweint, weil ich im Begriff war, etwas aufzugeben, das ich sehr geliebt habe. Das konnte ich nur deshalb aushalten, weil ich tief drinnen wusste, dass ich irgendwann wieder diese Arbeit ausüben würde. Man könnte also sagen: Die Entscheidung für den Wiedereinstieg habe ich schon beim Ausstieg getroffen. Die innere Stimme, die mich wieder in das Therapeutendasein geredet hat, wurde nur eben vor ein paar Jahren so laut, dass ich sie nicht mehr überhören konnte.

Wie oft arbeitest du therapierend? Und wo?

Ich habe eine eigene Praxis in Köln. Im Moment gelingt es gut, meine beiden Berufe unter einen Hut zu kriegen – ich bin ja eh immer beides, wahrscheinlich war ich schon aufm Wickeltisch Humoristin und Therapeutin.

Und ich finde das total faszinierend. Ich meine, fällt dir jemand anderes ein, der schauspielert, Bühnenprogramme macht oder Popstar ist und trotzdem noch nebenbei in einem anderen, in einem normalen Job arbeitet? Als technischer Zeichner oder so?

Äh … nee. Dir?

Nein, wüsste ich jetzt auch nicht, bis auf Leute, die ihre Prominenz charitymäßig einsetzen. Was natürlich folgende Frage aufwirft: Gibt es Menschen im Showgeschäft, die das als Rückschritt in deiner Karriere empfunden haben?

Keine Ahnung. Weil es mich auch gar nicht interessiert, wie das einer findet. Ich frag ja auch niemanden, wie er es findet, dass ich zehn Finger hab.

Auch wieder wahr. Und was lernen wir daraus?

Dass wir mehr sind als das, was die Leute von uns sehen. Viel mehr sogar.

CORDULA STRATMANN wurde 1963 in Düsseldorf geboren. Nach dem Studium der Sozialarbeit war sie in einer Familienberatungsstelle in Pulheim tätig. 1992 trat sie erstmals als Annemie Hülchrath bei einer Karnevalssitzung auf. Das hatte Folgen: Der Kabarettist Jürgen Becker holte Stratmann ins Fernsehen – "Mitternachtsspitzen", "Manngold", "Zimmer frei!", "Schillerstraße" sind nur einige ihrer Stationen. Dazu schauspielerte sie auch in Filmen und Serien, schrieb diverse Sachbücher und Romane und erhielt Comedy- und Schauspielpreise. Seit zwei Jahren arbeitet Stratmann auch wieder als Therapeutin.

STEPHAN BARTELS organisiert, begleitet und editiert diese Gespräche. Wir wissen: Das ist entschieden mehr Arbeit, als man glauben mag.


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