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Corona-Tagebuch einer Mutter April 2021 – „Schatz, die Kinder haben keinen Bock mehr auf Pandemie, lass mal aufhören!“

Corona-Tagebuch einer Mutter: Frau liegt erschöpft auf Sofa
© fizkes / Shutterstock
So, es ist April, und weil unsere Autorin ein gut vorbereiteter Mensch ist, beginnt sie jetzt schon mal, sich mental auf den Jahreswechsel vorzubereiten. Ist ja auch bald soweit. Und es wird herrlich, dieses 2022.
von Marie Stadler

Der April ist ja immer so eine Zeit, in der man mal zurückblicken kann, bevor man dann hochmotiviert ins neue Jahr aufbricht. Oder war das der November? Man verliert ja jedes Zeitgefühl! Ach, ist auch egal. Hauptsache abschließen und weitermachen. Da 2021 aber schon wieder so wahnsinnig güllemäßig anläuft, bietet sich dieser April jedenfalls wunderbar an für einen Mini-Rückblick und dann einen laaaaangen Schritt nach vorne, einen kleinen unemotionalen schnellen Sommer, einen mickrig-festlichen Weihnachtsbaum und schlussendlich ein großes Krawumm-Hello an das Jahr der ganz großen Hoffnung: 2022. Die Zahl sieht schon schick aus... wobei ich das bei 2020 auch schon dachte, ich Irre.

„Schatz, die Kinder haben keinen Bock mehr auf Pandemie“

Manchmal stelle ich mir vor, wie ich zu meinem Mann sage: „Schatz, die Kinder haben keinen Bock mehr auf Pandemie, lass mal aufhören!“ So ähnlich wie man das als Eltern macht, wenn man selbst keinen Bock mehr auf Zoo hat und lieber die Kinder vorschiebt, die ja auch tatsächlich schon ein bisschen nölig werden. Dann geht man bester Laune nach Hause und behält den Zoobesuch in wunderbar verklärter Erinnerung, wenn man sich drei Monate später die süßen Fotos mit den Erdmännchen anschaut. Ich jedenfalls würde das Pandemie-Ding jetzt jedenfalls echt mal dringend abbrechen wollen, denn das letzte Fünkchen Hoffnung, dass man die vielen Masken-Fotos oder die 7000 Balkon-Impressionen später noch mit Verklärung in güldenes Licht tauchen kann, schwindet langsam.

2020 war wenigstens noch ein klitzekleines bisschen lustig

Erinnert ihr euch an die vielen Videos, die man sich im ersten Lockdown noch rumgeschickt hat? Meine drei Top-Performer:

  1. Der Mann, der im Bett Schokocreme löffelt, während er sich zufrieden lächelnd ein Fitness-Video reinzieht.
  2. Der Lehrer-Minion, der sich totlacht über den Eltern-Minion, weil die Schule geschlossen bleibt.
  3. Die lustige Frau, die mit Rotwein Corona-Tests macht „I think, I don´t have it, I still taste the wine, but let´s try again...“

Herrlich waren die. Und vor allem gab es Hunderte von diesen „nach Corona“ Videos, in denen irgendwelche Tiere geistesgestört in Horden irgendwas Verrücktes tun. Hauptsache in Horden halt. Horden, das war dieses Wort, was für „gemeinsam, ziemlich wild und völlig ungeordnet ohne 1,5 Meter Abstand“ steht. Ich weiß nicht, ob es das in der DUDEN-Neuauflage von 2021 noch gibt, hat seine Aktualität eventuell verloren... ist aber auch egal. Jedenfalls haben diese doofen Videos, auch wenn sie eventuell etwas unangebracht waren angesichts der prekären Lage, doch noch ein wenig Spaß in den pandemischen Alltag gebracht. Vor allem gab es offensichtlich noch den Optimismus, dass das Ganze vielleicht doch wieder so unerwartet einfach endet, wie es über uns kam. Zack Bumm, vorbei.

Good Bye, 2021!

Wie auch immer sich der DUDEN zum Thema Horde entschieden hat (streichen oder doch noch nicht), ich für meinen Teil streiche den Rest von 2021 auf jeden Fall als To Do von meiner Agenda. Da Einfrieren lassen noch nicht geht, versuchen wir es mit der Vogel-Strauß-Variante. Kopf in den Sand, Augen auf Netflix, dreimal täglich Eiscreme statt große Pädagogik und Homeschooling auf Sparflamme. Extra-Aufgaben für Fleißige? Verbrennen wir! Wir sind nicht fleißig. Wir sind 2021. Politische Empörung? Ohne uns! Wir empören uns nicht, wir atmen und machen alles mit. Ist das schon ungesund? Nein, nicht doch, das ist einfach nur 2021. Und 2021 wird vorbeigehen. Sehr bald schon. Wir zählen schon mal langsam runter...

Kurz vor Silvester

Es ist völlig wurst, dass es noch etwa acht Monate dauert, bis die Sektkorken knallen, kommt uns mal bitte nicht so! Mental sind wir einfach kurz vor Silvester, dagegen wird keiner etwas tun können. Und was auch immer irgendwelche Hochrechnungen oder Schwarzmaler sagen, nach dem Jahreswechsel sind wir raus aus dem Mist. Ist einfach so! Wir werden in Horden herumrennen und verrückte Sachen machen wie die Tiere aus den 2020-Videos. Die Kinder werden fragen: „Was sind Horden?“ Und wir werden sagen: „Ich zeig dir mal ein Pinguin-Video von 2020!“. Sie werden sagen: „Krass!“. Und wir werden lächelnd mit dem Kopf nicken. Im Januar fahren wir dann nach Südtirol, in ein wunderbares kleines Berghotel. An Ostern feiern wir mit Oma und Opa. Im Sommer planen wir ne fette Geburtstagsnachfeierparty für alle mit Hüpfburg und Buffet – ganz ohne Desinfektionsmittel, vielleicht sogar ohne Händewaschen, je nachdem, wie heftig wir drauf sind. An Halloween werden wir ungehemmt bei allen Leuten klingeln und an Weihnachten setzen wir uns in eine vollbesetzte Kirche und hüsteln vielleicht ein bisschen, einfach nur, weil es keinen mehr in Panik versetzt und das so schön sein wird. Kurzum: Es stehen uns wunderbare Zeiten bevor! Und nein, es ist kein Verbrechen, sich schon im April 2021 auf 2022 zu freuen. Es ist eine Überlebensstrategie! Angst, Wut und schlechte Laune hatten wir schon, aber Vorfreude ist definitiv schöner! Also lasst uns... etwas Besseres fällt uns nämlich einfach nicht ein.

Dieser Artikel ist ursprünglich auf Eltern.de erschienen.


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