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Corona-Tagebuch einer Mutter Wechselunterricht – Warum das Hin und Her eine unzumutbare Zumutung ist

Corona-Tagebuch einer Mutter: Mutter und Kind gehen über Zebrastreifen
© Newman Studio / Shutterstock
Wer Kinder erzieht, braucht Struktur. Ohne geht es nicht. Doch leider bietet das Modell Wechselunterricht pures Chaos – mit Folgen, die viele Familien an ihre Grenzen bringt. Eine Vierfach-Mutter klagt an.
Marie Stadler

Drei Stunden nach dem Aufstehen sitze ich bewusst durch den Mund atmend und mit Tränen in den Augen auf dem Wohnzimmerboden. Ich mache das, weil ich sonst schreie und ich will nicht schreien. Ich will auch nicht hechelnd und um Fassung ringend am Fußboden sitzen, aber mir fällt keine andere Strategie mehr ein, um mich zu beruhigen. Fakt ist: Ich bin vollkommen erschöpft, meine Mama-Erfahrung versagt. Die Kinder sitzen schmollend über ihren Aufgaben, der Teenie sucht einen Schuldigen für alles und findet mich, das Baby hat in der Zwischenzeit die Kindersicherung überlistet und zehn Teller in tausend Scherben zerlegt. Erst habe ich mir selbst die Schuld an Momenten wie diesem gegeben an. Dann habe ich begriffen: Das, was wir seit Monaten hier machen, ist eigentlich nicht machbar. Und trotzdem scheint die Welt zu glauben, wir hätten noch Glück. "Immerhin dürfen deine Kinder in die Schule!", sagt eine Freundin aus Baden-Württemberg. Ich nicke und denke: "Warum fühlt sich dieses Glück dann nach purem Chaos an?"

Eine Woche voller Irgendwas-Tage

Wechselunterricht klingt so schön geordnet. Nach System und Struktur. Doch spätestens, wenn mehr als ein Kind in einer Familie lebt, ist es vorbei mit der Ordnung, weil für jedes Kind ein anderes System greift. Bei uns hat Jüngste alle zwei Tage Unterricht, aber erst ab 9 Uhr. Das Mittelkind hat zum Glück an denselben Tagen Schule, allerdings ab 8 Uhr. Das älteste Kind hat donnerstags bis mittwochs eine Woche am Stück Schule und dann wieder eine Woche Pause, manchmal variiert das aber. Die beiden Grundschüler müssen sich an den ersten beiden Präsenztagen der Woche morgens testen, bis 7.30 Uhr muss eine Mail mit dem Ergebnis an die Lehrer geschickt werden. Die Älteste muss sich an allen Präsenztagen außer mittwochs testen, das Ergebnis muss ich in einem Testtagebuch dokumentieren, das unterschrieben mitgebracht werden muss. Klingt vollkommen gaga? Ist es auch! Vor allem, wenn man bedenkt, dass wir das seit Ewigkeiten so machen und offensichtlich noch lange so machen werden.

"Ich hasse Schule!"

Mal ganz abgesehen von der fehlenden Struktur, fehlt es außerdem an allem anderen, was Schule schön macht. Das Zirkusprojekt? Abgesagt! Schulübernachtung? Abgesagt! Sportunterricht? Nicht doch! Schwimmen? Nachts im Traum vielleicht... Gemeinsam singen? Um Gottes Willen! Diese Liste könnte ich endlos weiterschreiben. Das ist einerseits schön, weil es zeigt, wie lebendig der Schulalltag in normalen Zeiten ist. Andererseits ist es ein Trauerspiel, weil Schule zur Farce geworden ist. Ein Ort, an dem das Notwendigste passiert, würden die Ministerpräsidenten vielleicht sagen. Ein Ort, an dem das Notwendigste leider NICHT passiert, würde ich antworten. Denn das Notwendigste wäre meiner Meinung nach, Spaß am Lernen und an Gemeinschaft zu vermitteln. Stattdessen sagt mir ein Erstklässler: "Ich hasse Schule!" "Tja, wie soll ich das ändern?", fragt mich die Lehrerin am Elternsprechtag sichtlich erschöpft. Ich habe leider keine Antwort für sie. Sie tut mir leid. Die Kinder tun mir leid. Und ich mir ehrlich gesagt auch.

Bitte! Das muss aufhören!

Ich bin ganz sicher keine Corona-Leugnerin. Ich bin auch keine von denen, die an Maskenpflicht oder Testpflicht zweifeln. Ich mache all das gerne mit, ich weiß, wie wichtig das ist. Aber das Wechselmodell kann keine Dauerlösung sein, während Menschen ohne Tests nebeneinander im ICE sitzen, die Gastronomie wieder öffnet, viele noch immer zu zehnt in Konferenzräumen sitzen, ganze Kitagruppen ohne Abstand spielen und wilde Urlaubspläne nach Mallorca geschmiedet werden. Gibt es echt keine Ideen, wie verlässlicher Unterricht jeden Tag aussehen könnte? Nicht mal jetzt, im Frühsommer, wenn doch eigentlich alle Schulen riesige Außenareale zu bieten haben?

So schön, die Theorie

Die Minister, die das Wechselmodell als zumutbare langfristige Alternative zur Schulschließung sehen, haben jedenfalls wahrscheinlich noch nie eine Woche die Wechselmodell-Praxis getestet. Sie haben nie zehn Teller in Scherben aufgefegt, während ein Baby schrie, ein Erstklässler über die schwere Matheaufgabe weinte und ein Teenie wütend die Tür zuknallte. Sie haben noch nie auf einem Teppich gesessen und nicht existente Wehen veratmet, um nicht vor lauter Erschöpfung schreien zu müssen. Sie haben noch nie gleichzeitig Brotdosen fertig gemacht, Tests begleitet, Mails an Lehrer geschrieben, Masken im Schulranzen kontrolliert und dann zwei Kinder zu zwei verschiedenen Zeiten mit Baby im Schlepptau in die Schule gebracht, um dann mit dem dritten Kind Spanisch und Chemie zu lernen.

So sollte Familie nicht sein! So darf Familie nicht sein! Das Wechselmodell war eine Notlösung, ein Provisorium. Das war ok für kurze Zeit. Aber es darf nicht zum neuen Alltag werden, das darf es wirklich nicht, denn es treibt Familien in den Wahnsinn, nimmt Kindern Freude an der Schule und mindestens einem Elternteil die Möglichkeit, arbeiten zu gehen.

Dieser Artikel ist ursprünglich auf Eltern.de erschienen.

Barbara

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