VG-Wort Pixel

Corona-Tagebuch einer Mutter Zurück zur Normalität – Wieviel „früher“ wollen wir überhaupt?“

Corona-Tagebuch einer Mutter: Mutter und Tochter sitzen im Bus
© Dasha Petrenko / Shutterstock
Unsere Autorin war mit ihren Kindern im Freizeitpark und hat bemerkt: Normalität ist ganz schön krass. Werden wir wirklich alle wieder so wie vor 2019? Oder hat die Pandemie uns doch nachhaltig verändert?
Marie Stadler

Es ist Abend. Wir brausen über die Bundesstraße heimwärts, im Auto ist es ungewöhnlich ruhig. Nur zwischendurch stöhnt unsere Neunjährige ein bisschen auf. "Ich hab so Kopfschmerzen!", wimmert sie. Der Teenie hat den Kopf auf den Schoß des Babys im Reboarder gelegt und dem Erstklässler klappen immer wieder die Augen zu. Zuhause angekommen fallen wir alle sechs sofort ins Bett und fühlen uns wie mit Blei ummantelt. Man könnte meinen, wir hätten einen Marathon hinter uns, wir waren aber "nur" im Freizeitpark. Versprochen hatte man auf der Website einen halbleeren Park mit sicherem Hygienekonzept und gewährten Abständen. Bekommen haben wir Menschenmassen, die uns schon ohne Corona-Pandemie den letzten Nerv geraubt hätten. Das sage ich zumindest so, frage mich aber insgeheim: Sind wir einfach nur völlig verweichlicht im letzten Jahr?

Die Rückkehr zur Normalität wird nicht ganz so einfach

Am Anfang der Pandemie dachte ich irgendwie noch ganz naiv, es würde diesen einen Tag geben, an dem plötzlich alles wieder normal und gut ist. Dass die Rückkehr zu einem normalen Leben viel schleichender kommen würde als die Pandemie selbst, ist mir erst nach und nach klar geworden. Selbst eine Impfung macht ja noch lange nicht alles wieder gut, vor allem, wenn man (natürlich ungeimpfte) Kinder hat. Wie lange werden wir zum Abstand wahren mahnen? Wie lange wird es uns schwerfallen, unsere Kinder zu einem Kindergeburtstag gehen zu lassen? Die Inzidenz in unserem Landkreis ist bereits unter 25 gesunken, nach und nach wird hier gerade alles geöffnet und trotzdem fällt es mir schwer, meine Sorgen anzupassen. Noch bin ich gefühlt im Katastrophenmodus. Zurecht? Kein Ahnung! Für den Freizeitpark war ich auf jeden Fall anscheinend noch nicht bereit.

Wie weit wollen wir unser Leben überhaupt zurück?

Nur noch wenige Tage, dann dürfen alle Kinder in unserem Landkreis zurück in ihren normalen Klassenverband. Ein Glück, dass dieses Wechselunterrichtsmodell ein Ende hat, ich freue mich für mich selbst darüber, aber vor allem für unsere drei Schulkinder. Sie werden endlich wieder alle ihre Freunde sehen und die Struktur wiederbekommen, die uns allen so gefehlt hat. Einerseits. Andererseits fällt es mir irgendwie schwer, zu wissen, dass ich meine Kinder so viel weniger sehen werde. Dass wir weniger Familienzeit haben werden als im vergangenen Jahr. Durch die rosarote Abschiedsbrille betrachtet war das "Mehr" an Familie halt doch nicht immer nur zu viel, sondern auch irgendwie sehr gemütlich. Wir haben ein Gewächshaus gebaut, alte Brettspiele neu entdeckt, den Kindern unsere Lieblingsspiele von früher beigebracht, uns die Welt von draußen ein bisschen in klein hier drinnen nachgebaut. Und trotzdem muss ich einsehen: Kompatibel mit unseren Jobs war die viele Familienzeit letzten Endes nicht. Es wird wieder anders werden und das ist gut so.

Die Pandemie hat uns verändert

Doch ich glaube, so sehr ich mich auch nach einem ganz normalen Leben gesehnt habe: Das frühere Normal will ich tatsächlich nicht mehr haben. Nicht, weil ich Angst davor habe, sondern weil wir als Familie noch einmal ganz anders zusammengewachsen und gereift sind. Es gab die furchtbaren und ängstlichen Momente, aber es gab auch die, in denen sich das Weniger nach Mehr angefühlt hat. Wir haben weniger konsumiert, mehr zusammen ausgehalten, haben neue liebenswerte Seiten aneinander entdeckt, mussten uns viel verzeihen und haben uns gegenseitig tiefe Abgründe gezeigt. Wir hatten kaum Termine, viele graue Tage, aber auch kreative Ideen, haben Tränen vergossen, miteinander gelacht, unsere Sorgen geteilt und innige Momente miteinander erlebt. Einen Reset-Button gibt es nicht und ich glaube, wir wollen ihn auch gar nicht. Wir werden Schritt für Schritt wieder ins soziale Leben finden, aber wohl einige Schritte auslassen. Weil sie nicht mehr guttun und vielleicht auch niemals gutgetan haben. Die Schritte, die wir aber machen, die werden wir genießen wie nie zuvor. Selbst wenn sie uns Angst machen und wir danach bleiern ins Bett fallen. Ich bin wirklich gespannt, was wir in 30 Jahren sagen, wenn  uns jemand fragt, was Corona in uns verändert hat. Wahrscheinlich wird niemand von uns "nichts" sagen...

Dieser Artikel ist ursprünglich auf Eltern.de erschienen.

Barbara

Mehr zum Thema