Cyberchonder: Wenn das Handy alles überwacht

Wer heute gefragt wird, wie’s so geht, wirft erst mal einen Blick auf eine App. Hört lieber in euch selbst hinein, meint unsere Kolumnistin.

von Karina Lübke

Bin ein wildes Ding: Ich laufe, atme und liebe völlig außer Kontrolle. Wenn jemand fragt, wie es mir geht oder wie ich geschlafen habe, antworte ich spontan, ohne erst auf meinem Handy nachzuschauen.

Gerade im Frühling bin ich damit ein Exot. Fast alle Freunde nutzen mittlerweile zur Optimierung ihrer Körperfunktionen Gesundheitstracker, digitale Fitness-Armbänder oder vertrauen ihr Leben Apps wie „Health“ an. An app a day keeps the doctor away? Das gefühlte Wohlfühlen zählt nicht mehr; jeder errichtet seinen eigenen Überwachungsstaat.

Cyberchonder und Sexgods

Gerade sogenannte Cyberchonder, von denen sich in Deutschland bereits knapp eine Million ihre eingebildeten Krankheiten im Internet holen, dokumentieren Zustände vorliebend in digitalen Logbüchern.

Da werden Playlists aus Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung und Herzschlag erstellt und Ernährung, Ausscheidung, Schlafphasen und Gewichtsverläufe diagrammt und geshared. Leider auch bei den gemeinsamen Abendessen.

Was soll das, eine Art Körperquartett, wer die meisten PS hat, die stärksten Gefühle und die längste Ausdauer? Das größte Lungenvolumen, den meisten Kaloriensprit verbrennt? Männer lieben diese Vergleiche, deshalb gibt es Sexapps wie „Spreadsheets“, die Leistung durch Dauer, Bewegung und erzeugte Geräuschintensität ermessen und dazu motivieren sollen, sich zum Sexgott hochzuschlafen.

Wenig sinnlich, aber sinnvoll scheint da eher die von Frauen entwickelte App „Clue“, die den weiblichen Zyklus samt Fruchtbarkeit planbar macht, sogar ohne rosa Blümchenlayout.

Der Körper, ein misstrauischer Vermieter

Digitale Selbsterkenntnis soll der erste Weg zur guten Besserung sein. Während überall daran gearbeitet wird, Roboter weiter zu vermenschlichen. Indem man ihnen Reden, Fühlen und Bewusstsein programmiert, versuchen Menschen, sich selbst immer berechenbarer zu machen. Doch solange mir nicht meine restliche Lebenslaufzeit angezeigt oder das Psychopathen-Shazam erfunden wird, habe ich kein Interesse.

Einfach mal rennen, bis man außer Atem ist, statt die Herzfrequenz kontrolliert an die Höchstleistungsgrenze zu steigern. Unter digitalem Kontrollzwang ist der Körper kein gleichberechtigtes WG-Mitglied mehr, sondern der Kopf sein misstrauischer Vermieter, der Alarm schlägt, sobald die roten Blutkörperchen den Sauerstoff schlampig in Zellen geräumt haben.

Ohje, ich sterbe!

Wer nur noch nach Navi fährt, dem verkümmern das Orientierungsvermögen und der Spaß. Ich trainiere lieber Instinkt, Intuition und Ignoranz, als meine Körperfunktionen elektronisch zu hinterfragen, zumal mir wie fast allen die Expertise fehlt, die Daten dieser Doktorspiele auszuwerten.

Je feiner man misst, desto häufiger wird man fündig. Irgendwas geht immer: der Atem zu schnell, das Herz zu unruhig – nur Schlafen geht gar nicht. Doch während die Welt immer mehr durchzudrehen scheint, gibt es gefühlte Sicherheit, wenn wenigstens auf dem Bildschirm alles unter Kontrolle ist. Außer man läuft vor ein Auto, weil man, aufs Smartphone starrend, seine Lebenserwartung optimiert.