Müssen wir eigentlich alles selber machen?

Wir sind Onlinebanker, drucken die Karten für die Bahn aus und schließen den Router vom Internet-Provider eigenhändig an. Ganz schön viel unbezahlte Arbeit. Wo ist den der Service hin?

Hier schreibt Karina Lübke

Jeder kennt wohl diesen Albtraum: Man ist wieder Schulkind, steht einsam vorne an der Tafel und soll eine unlösbare Aufgabe lösen. Hinter einem lachen die Mitschüler hämisch, neben einem verzweifelt der Lehrer … Wieder wach ist man unfassbar froh, nicht mehr jung zu sein – um im Laufe des Tages festzustellen, dass diese Panik vor öffentlichem Versagen heute zum Alltag gehört.

Es war ein schleichender Prozess. Mein eigener Onlinebanker zu sein, daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Aber ich stehe spätestens dumm da, wenn ich am Flughafen versuche, schnell am Automaten einzuchecken oder mir am Bahnhof selber eine Fahrkarte mit Umsteigen und Platzreservierung zum Besttarif zu erspielen. Während hinter meinem Rücken die Warteschlange meutert und ich mich Hilfe suchend umschaue, wippt in sicherer Entfernung ein Bahnangestellter und gibt gönnerhaft nach Montessori-Kindergartenart Hilfe zur Selbsthilfe: „Auf Abbrechen drücken – und dann einfach noch mal alles von vorne!“ Selten kam ich mir blöder vor. Höchstens, als ich bei der Hilfshotline von O2 weinend darum bat, man möge jemanden schicken, der mir den aufgezwungenen neuen Router anschließt und konfiguriert: „Techniker? Ach was, das kriegen Sie hin, lesen Sie sich das einfach mal durch!“ Und schon denkt man beschämt: Ich bin doch eine emanzipierte und selbstständige Frau, alle anderen schaffen das auch, als moderner Mensch MUSS ich das können! Aber ob man das überhaupt will, kommt einem vor lauter Stress gar nicht in den Sinn. Falls man beim Learning by Doing Fehler macht, kann man übrigens auch keinen dafür verantwortlich machen außer sich selbst. Schlimm!

Egal, dann bin ich eben der Klassentrottel. Kann sein, dass ich es erlernen könnte – aber ich will nicht alles selber machen müssen. Ich habe schon einen Beruf; ich möchte nicht nebenberuflich noch unentgeltlich als Bahnangestellte, Kassiererin bei Ikea, Telekommunikationstechnikerin, Bankangestellte oder Bäckereifachverkäuferin herumstümpern müssen, indem ich unter Aufsicht Sachen einscanne, mein neues Handy konfiguriere und mir im Supermarkt Rohlinge aufbacke. Ich möchte ärztlichen Rat und Mitgefühl, statt mir per „Ada“-App Krankheiten zu diagnostizieren, solche Doktorspiele sind unsexy. Hört auf, mir die Servicewüste Deutschland als kreatives Do-ityourself-Paradies zur Selbstverwirklichung zu verkaufen: Ihr wollt nur Geld und Arbeitsplätze sparen, auf Kosten meiner Zeit und Nerven.

Ja, ich stelle mich an – und zwar am liebsten vor einem Schalter mit echten Fachleuten dahinter. Mit denen ich sämtliche Fragen klären und noch ein paar nette Worte wechseln kann. Denn solche all täglichen Mikrokontakte machen laut einer Studie ein großes Stück Lebensglück aus.

Heimlich träume ich von Tankwarten, die nebenbei den Reifendruck prüfen und die Scheiben wischen. Dafür kriege ich in der Schule des Lebens vielleicht kein Sehr gut, aber ein Ausreichend ist mir an dieser Stelle gut genug.

KARINA LÜBKE arbeitet als Autorin und führt einen Haushalt. Das reicht ihr eigentlich an Arbeit


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