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Schlaf Darum ist die Schlummertaste besser als ihr Ruf

Darum ist die Schlummertaste besser als ihr Ruf: Wecker
© kasarp studio / Shutterstock
Frühmorgens zählt jede Minute! Vor allem die, die man noch länger im Bett liegen bleiben kann. Dafür gibt’s zum Glück die Snoozetaste, doch leider hat sie einen schlechten Ruf. Höchste Zeit, das zu ändern.
von Marlene Kohring

Wenn morgens mein Handywecker klingelt, leuchtet die orangefarbene "Schlummern"-Schaltfläche auf meinem Display wie eine aufgehende Sonne ins dunkle Schlafzimmer hinein. Ich blinzle und stupse sie sanft an. Neun Minuten später geht das Ganze von vorne los. Ich drücke erneut drauf – und mich noch ein bisschen vor dem Tag. Sechs Sonnenaufgänge später (in Minuten: 54) stehe ich dann auch mal auf.

Snoozen niemals googeln 

Um den Schlummermodus zu genießen, muss man nicht nur den Wecker ignorieren, sondern auch alarmierende Schlagzeilen wie diese: "Snoozen schadet – So gefährlich ist die Schlummertaste" ("Geo") oder "Darum solltest du die Snoozetaste des Weckers nie nutzen" ("Brigitte"). Was man aus all diesen Artikeln lernt: Snoozen sollte man niemals googeln. Stattdessen: einfach mal ausprobieren.

Mein Freund ist auch ein Super-Snoozer. Er und ich haben mittlerweile ein ausgeschlafenes System entwickelt: Wir stellen unsere Wecker fünf Minuten zeitversetzt. Die Folge: Es bimmelt morgens alle paar Minuten auf irgendeiner Bettseite, so als würde gerade eine Kuhherde mit Glocken um den Hals im Stop-and-go-Verkehr unser Schlafzimmer durchqueren. Damit umgehen wir ganz automatisch das, wovor alle Schlafexperten und Schlafexpertinnen eindringlich warnen: dass man beim Snoozen wieder in die Tiefschlafphase fällt und beim nächsten Klingeln noch müder ist als zuvor.

Ich döse fast immer in den Tag hinein – und fühle mich weder groggy noch gerädert. Wieso auch? Bei dieser Morgenübung befinde ich mich doch in einer extrem guten Lage: in meinem Bett, mit ein paar Extraminuten, in denen ich nichts leisten muss. Während High Potentials schon um fünf Uhr morgens beim Joggen darüber nachdenken, wie sie die Weltherrschaft an sich reißen können, schlummere ich noch vor mich hin. In meinem Kopf: gähnende Leere. Soll ja Menschen geben, die jahrelang meditieren, um irgendwann so einen Geisteszustand zu erreichen – ich tippe dafür kurz auf mein Handy und drehe mich noch mal um. Und schon fühle ich mich wieder total verbunden mit der unendlichen Weiche meines Kissens.

Ist das Snooze-Bashing berechtigt?

Diese liegenswerte Art, um das Aufstehen etwas hinauszuzögern, begann bei mir schon in der Grundschulzeit. Ich selbst hatte da noch keinen Wecker, aber eine von Kindern häufig genutzte Alarmfunktion: meine Mama. Sie brüllte im FünfMinuten-Takt in mein Zimmer, dass ich "nun aber wirklich" aufstehen müsse. Was ich allerdings erst tat, wenn sie mir beim sechsten Anlauf zusätzlich die Bettdecke wegriss. Geschadet hat mir diese Form des Snoozens auch nicht, ich hatte weder Konzentrationsprobleme noch Lernschwierigkeiten.

Ich verstehe wirklich nicht, was daran schlecht sein soll. Im Grunde ist snoozen doch wie ganz viele Powernaps direkt hintereinander. Mit dem Unterschied, dass die kleinen Tagsüber-Nickerchen ein beneidenswert gutes Image haben: Erholsam! Leistungsfördernd! Unbedingt machen! Der Schlummermodus dagegen: Ungesund! Schädlich! Finger weg! Mir geht das Bashing gehörig auf den Zeiger.

Dabei war die Erfindung der Snoozetaste doch eine aufgeweckte Idee. Ein hellwaches Köpfchen hat sich in den 1950erJahren ans Uhrwerk gemacht und eine Funktion eingebaut, dank der wir uns noch mal entspannt umdrehen können, wenn der Alarm losgeht – ohne "Scheiße, verschlafen"-Gefahr. Selbst die Zeitspanne ist nicht zufällig gewählt. Man hat damals das Maximum an Dösdauer rausgeholt. Denn die Schlummertaste wurde im Weckergehäuse an den Minutenzeiger gekoppelt. Technisch war es deshalb nur möglich, einen erneuten Alarm für eine Minutenzahl unter zehn einzustellen. Also: neun. Doch mit den Jahren und der Digitalisierung verschwanden die meisten Wecker von den Nachttischen – und damit auch die erhabene Snoozetaste. Namen und Intervall durfte sie immerhin behalten, der Rest erscheint vielen nur noch als Schaltfläche auf dem Handydisplay. Schade, oder?

Ich will ja keinen Druck ausüben, aber falls Sie zu den Sofortaufspringern gehören, tasten Sie sich doch mal langsam an den Schlummermodus heran. Es ist wie Anlauf nehmen für den Tag. Sportler springen beim Weitsprung ja auch nicht aus dem Stand heraus.

MARLENE KOHRING bleibt zwar morgens länger liegen, ist aber trotzdem immer die Erste in der Redaktion. Wie macht sie das?

BARBARA 50/2020

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