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Ein Mann, ein Wort: Wollen wir echt noch ein Kind?

10 Minuten aus dem Hirn eines Mannes: Eine Kleinigkeit
© Getty Images
Selbst die stärksten Frauen werden mal schwach – bei Schokolade, bei Glitzerdingens, aber vor allem bei: Babys. Unser Kolumnist kann ein Lied davon schreien. 
von Björn Krause

War nur kurz weg. Zehn Minuten, fünfzehn vielleicht. Jedenfalls nicht lang genug, als dass du ein Baby hättest bekommen können. Hast du aber. Und hältst es auf dem Arm. "Keine Sorge", sagst du. "Ist nicht von dir. Hihi. Ist von ihm", und zeigst auf Angus, der sich als Mann deiner Freundin Teresa vorstellt und sofort wieder verschwindet, um uns etwas zu trinken zu besorgen. "Kommt er wieder?", frage ich dich, aber du hörst mir nicht mehr zu. Du-du-du redest nämlich ga-ga-ganz viel mit wem anders. Sabber fließt. Nicht beim Baby, bei dir. Euphorie breitet sich aus, steigt hoch und läuft über wie eine volle Windel. Körperliche Reaktionen sind das, irgendwo zwischen Endorphinausschuss und Milcheinschuss. Die Hormonflut verursacht so etwas wie einen Kurzschluss in deinem Kopf. Sämtliche Hirnareale, die für den Geschlechtsverkehr unnötig sind, wurden abgeschaltet. "Mach mir ein Baby!", flüsterst du. "Jetzt! Du willst es doch auch ..."

Wenn die Bluse zum Spucktuch wird 

Denke an meine Lieblingsstellung: die Richtigstellung. Will es nämlich nicht! Darf ich dich erinnern, Schatz: Deine Tochter ist zehn, meine fünf. Hast du den Mango-Bananen-Grieß an der Raufaser vergessen? Den ersten Zahn, den zweiten? Die Ganzjahreserkältungen, den Durchfall, immer wieder Durchfall, und die bakterielle Familienpolonaise? Hast du vergessen, wie es ist, wenn das Nervenkostüm dünner ist als der Stuhlgang, du nachts öfter die Bettwäsche wechselst als das Kind stillst? Wie es ist, am nächsten Morgen einem Oktopus auf LSD eine Strumpfhose anzuziehen?

Und wie lange hat es bitte, bitte, bitte gedauert, dass wir uns nun nicht mehr ausnahmslos mies fühlen, wenn unsere Töchter bei unseren Expartnern sind? Dass wir es genießen können, mal nur für uns zu sein? Du und ich, wir sind etwas, das es eigentlich gar nicht gibt: Eltern mit Freizeit. Es kommt, was kommen muss: Deine Bluse wird zum Spucktuch, ich übernehme. Oh. Mein. Gott. Jetzt erinnere ich mich: an Babyhaut, weicher als geschlagene Sahne, diese kleinen Füßchen, die Zehen und diese wohlige Wärme. Wie unser Kind wohl aussehen würde, deine Locken, meine Augenbrauen? Unser Kind – wie schön das klingt ... Rumms. Angus ist zurück. "Na, was willst du lieber", fragt er und stellt lachend ein Bier vor mir auf den Tisch, direkt neben die Milch seiner Tochter. "Flasche oder Fläschchen?" Was für eine Frage, oder?

BJÖRN KRAUSE bemerkt immer, wenn er Babyfüße berührt: Nur sein Herz ist weicher als Babyhaut. 


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