Das Experiment: Die ganze Patchworkfamilie unter einem Baum

Patchworkfamilie, das ist schon im Alltag kompliziert – aber an Weihnachten? Unser Autor versammelte letztes Jahr alle Beteiligten unter einem Baum. Hier erzählt er uns, wie das war. 

von Björn Krause

Ich, du und all die anderen

"An diesem Abend verschmolz mein altes Leben mit meinem neuen"

BJÖRN, Freund von Vian, Vater von Ava, 5, Exmann von Anna 

Es sah nicht gut aus. Ich kann das Gesicht von Vian lesen wie einen Beipackzettel von Medikamenten. Und die Unterhaltung, die meine Freundin mit Klas führte, dem Freund meiner Exfrau Anna, sah nach Nebenwirkungen aus. Seit mindestens einer halben Stunde saßen die beiden nun schon zusammen, nickten verständnisvoll und berührten sich beim Reden mit den Händen an den Armen, als führten sie ein Therapiegespräch. Ein bisschen viel dafür, dass sie sich erst seit zwei Stunden kannten.

Anna hingegen stand mit Vians Exmann Christian und dessen Freundin Barbara vor der Tür, die Kinder Ava, 5, und Ava, 10, spielten neben dem Weihnachtsbaum mit ihren Geschenken und waren glücklich. Ich saß in der Küche auf dem Boden in einem Haufen zerrissenem Geschenkpapier und dachte über mein neues Leben nach, das an diesem Heiligabend mit meinem alten verschmolz wie zwei Sorten Käse in einem Raclette-Pfännchen.

Nach unserer Trennung verbrachten Anna, Ava und ich Heiligabend bisher immer gemeinsam. Genauso wie Vian und Christian mit ihrer Tochter. Doch das funktionierte nun nicht mehr. Anna hat Klas, ich habe Vian – und wir haben jeder eine Ava mit einem anderen Partner. Klingt kompliziert, ist es auch. So ein Patchworkkonstrukt stellt nämlich logistische Anforderungen mit einem ausgeklügelten Besucher- und Bescherungssystem, das mit den Plänen der anderen abgestimmt werden muss. Lust darauf hat keiner. Warum also nicht alle zusammenbringen? Und da saßen wir nun.

Worüber redeten die beiden bloß so lange? Ich stand auf, ging näher ran, schob Kerzen von links nach rechts, räumte Gläser ab, verstand jedoch kaum ein Wort, weil die anderen laut lachend zurück ins Haus kamen. Es lief gut, wirklich gut. Alle waren sich sympathisch, die Stimmung war herzlich, familiär würde ich sagen – auf die gute Art.

Ich weiß noch, wie meine Tochter bei Vian kuschelnd auf dem Schoß saß und meinte, dass sie nun zwei Mamas hätte. Ihre Mama Anna saß daneben und lächelte beseelt. Mir an ihrer Stelle wäre in diesem Moment das Herz geplatzt wie eine auf den Boden fallende Christbaumkugel. Ich habe meine Zeit gebraucht, einen anderen Mann an der Seite meiner Tochter zu akzeptieren, obwohl Klas es mir einfach gemacht hat. Und Ava. Er ist ein feiner Kerl.

Mir ging es dieses Weihnachten grundsätzlich gut, ich war erleichtert, dass alles klappte. Dennoch fühlte ich mich in manchen Momenten verloren. Ich glaube, ich fand meine Rolle nicht. Vielleicht waren es aber auch einfach zu viele für einen einzigen Abend: als Partner, Exmann, Vater und Gast. Letzteres war für mich ein Thema. Gern wäre ich zusammen mit Vian als Gastgeber aufgetreten, stattdessen schaute ich dabei zu, wie Christian, ihr Ex, darin aufging, das Essen zu kochen – viel besser auch noch, als ich es hätte tun können. Zu sehen, wie er bei meiner Freundin zielgerichtet die Schubladen aufzog, gab mir das Gefühl, hier weniger zu Hause zu sein, als er es war. Oder ist?

Nach ihrem Gespräch mit Klas setzte sich Vian zu mir auf den Boden. Sie sah erschöpft aus, aber auch glücklich. Ob ich es schön hätte, wollte sie wissen. Natürlich hatte sie bemerkt, dass ich nachdenklich war. Ich erzählte ihr meine Fantasien von abgetrennten Fingern in Schubladen. Sie lachte, die befürchteten Nebenwirkungen blieben aus. Ich hatte es tatsächlich schön.

Ist das nun mein Zuhause oder seins? 

"Ich hatte absolut keinen Bock darauf, außen vor zu sein"

KLAS, Freund von Anna

Mein erster Gedanke war: Bloß nicht zu viel trinken. Unkontrollierbare Situationen wären nämlich das Letzte gewesen, worauf ich an Weihnachten in unserer Patchworkkonstellation Lust gehabt hätte. Bei unserer Ankunft in Berlin hätte ich aber einen Schnaps gebrauchen können, weil Anna sofort mit Ava aus dem Auto stürmte und ich allein im Dunkeln stand. Dass wir zuvor anderthalb Stunden in die falsche Richtung gefahren waren, trug auch nicht gerade zu meiner Entspannung bei.

Als mich Vian vor dem Haus begrüßte, fühlte ich mich im doppelten Sinne abgeholt. Sie gab mir sofort das Gefühl, dass alles läuft, und wir hatten schnell eine gemeinsame Ebene. Nach dem Essen saßen wir lange zu zweit beisammen und unterhielten uns, auch über unsere Beziehungen. Im Grunde sind wir ja in einer ähnlichen Situation, weil unsere Partner viele Jahre miteinander zusammen waren. Ich glaube, unser Gespräch hat Björn nervös gemacht. Jedenfalls schaute er immer wieder zu uns herüber und lief ein paar mal zu oft an uns vorbei. Ich mag ihn, wir kommen gut klar. Aber er ist mir zu präsent in Annas Leben. Und damit auch in meinem. Vian geht es mit Anna ähnlich. Ich hatte das Weihnachtsprojekt schnell zugesagt, aber ein paar Tage zuvor hätte ich kein Problem damit gehabt, wenn etwas dazwischengekommen wäre. Ich hatte Bedenken, Anna und Björn in vertrauten Situationen zu erleben. Zu sehen, wie sie sich anlächeln wegen Ava, schweigend dasselbe denken, etwas miteinander teilen, während ich außen vor bin. Darauf hatte ich absolut keinen Bock.

Meine Sorgen waren jedoch unbegründet. Wir haben viel gelacht und auch die ein oder andere Flasche Wein geleert – ohne Kontrollverlust. Ich glaube, dieses gemeinsame Weihnachten könnte eine schöne Tradition werden.

Werden wir das wieder tun?

"Meine Anspannung war doch recht groß"

VIAN, Partnerin von Björn, Mutter von Ava, 10, Exfrau von Christian

Als Björn mir sagte, dass Anna, Klas und Ava angekommen waren, nur leider nicht bei uns, hätte ich die Christbaumspitze abbeißen können. Irgendwie hatten die drei es geschafft, an Berlin vorbeizufahren.

Spätestens in diesem Moment spürte ich, dass meine Anspannung schon recht groß war. Zum einen, weil diese Konstellation an Weihnachten etwas war, das ich zuvor nicht kannte – und niemand sonst, dem ich davon erzählte ("Bitte was machst du an Heiligabend?!"). Zum anderen fühlte ich mich als Gastgeberin dafür verantwortlich, es allen schön zu machen, weshalb ich bei den Vorbereitungen und später auch beim Fest wie eine Flipperkugel durch die Gegend geschossen war. Vor allem unsere Avas sollten es richtig schön haben.

Als dann endlich alle da waren, habe ich mich sehr gefreut. Das war schon irgendwie verrückt, aber es funktionierte. Anna kannte ich schon seit circa einem Jahr, und wir waren uns zum Glück sofort sympathisch. Dennoch war es ein seltsames Gefühl, als ich sah, wie sie mit Björn vor dem Weihnachtsbaum saß. Das setzte etwas in mir in Gang, einen unbewussten Prozess, eine Art Datenabgleich – sie, ich, sie, ich –, der ganz kurz die Frage aufwarf: Passen er und ich wirklich zusammen? Wie unromantisch! Mal ehrlich: Björn kommt aus einem völlig anderen Leben, und mit einem Secondhand-Mann um die 40 gelten andere Regeln als bei einem, der kein Kind hat und nicht verheiratet war. Jedenfalls fand ich es süß, wie er nervös wurde, als ich mich lange mit Klas unterhielt: über das Zusammenleben mit einem Partner mit Kind zum Beispiel. Oder wie man damit umgeht, wenn Expartner irgendwie immer da sind. Dabei wurde mir einmal mehr bewusst, wie traurig ich darüber bin, dass Björn und ich eine Fernbeziehung führen. Klas, Anna und die kleine Ava haben einen normalen Alltag miteinander, so etwas wie ein Familienleben.

Als ich mich später im Bett mit Björn unterhielt, sagte ich, dass es irgendwie schön wäre, wenn wir alle gemeinsam auf einem Hof leben würden. Es wurde kurz still. Da wusste ich, dass die Rentiere mit mir durchgegangen waren.

"Wir haben auf uns geachtet"

ANNA, Mutter von Ava, 5, Partnerin von Klas, Exfrau von Björn

Okay, es war meine Schuld, dass wir an Berlin vorbeigefahren sind und deshalb fast zwei Stunden zu spät ankamen. Überhaupt ging anfangs fast alles schief. Aber aus den größten Dramen entstehen ja manchmal die schönsten Geschichten. Es war so, dass wir alle Heiligabend einen Tag nach hinten geschoben hatten, weil die kleine Ava am 24. krank war und wir deshalb nicht nach Berlin reisen konnten.

Dass alle sofort bereit waren, ihre Folgepläne für die Feiertage mit ihren Familien nicht nur umzuwerfen, sondern kurzfristig abzusagen, damit unser Fest am nächsten Tag stattfinden konnte, hat mich sehr berührt. Mir selbst fiel das nicht leicht, weil es bedeutete, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben die Weihnachtstage nicht zu meinen Eltern und Geschwistern fahren konnte, was mir heilig ist. Auf der anderen Seite hat sich dadurch aber mein Bauchgefühl noch mal bestätigt, dass es ein richtig schönes Patchworkfest würde werden können. Und das war es dann auch.

Vian hatte sich sehr reingehängt, alles schön zu machen, und ich fühlte mich sofort wohl und auch erwünscht. Dass ich Klas am Auto habe stehen lassen, tut mir immer noch leid. Ansonsten glaube ich aber, dass wir gut auf uns geachtet haben. Genauso wie die anderen beiden Paare. Ich bin mir sicher, dass demnächst wieder ein gemeinsames Fest ansteht. Vielleicht sind bis dahin auch unsere Scheidungen durch, dann haben wir wieder doppelt etwas zu feiern.

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