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Das Experiment: Kann man lernen, sich zu lieben?

Das Experiment: Kann man lernen, sich zu lieben?
© Gettyimages
Wir haben unsere Autorin vor eine echt schwierige Aufgabe gestellt. Ihre Mission: Selbstliebe. Das klingt einfacher, als es tatsächlich ist. 
von Karina Lübke

Als ich liebevoll ein Foto von mir an die kleine Blumenvase lehnte und daneben die harzige Duftkerze entzündete, um die ich ein paar rohe Amethyste, einen Rosenquarz und am Strand aufgelesene Muscheln versammelt habe, hoffte ich noch, dass das der schrecklichste Moment des Experiments bleiben würde. Natürlich hatte ich mich geirrt. Es kamen noch sehr viele Momente und Gefühle dazu, die unfassbar peinlich waren. Sich in Selbstliebe zu üben ist nichts für Feiglinge. Nichts für Menschen, denen ihre Außenwirkung wichtiger ist als ihre Innenwelt. Nichts für Mütter, die sich von ihren Kindern nicht fragen lassen wollen, ob sie in ihrem Alter noch Esoterikerin oder Hippie geworden wären – weil sie im Bad dabei überrascht wurden, wie sie sich nackt im Spiegel anstrahlten und „Ich liebe dich!“ zuriefen. Ich lege am besten schon mal Geld für einen Therapeuten zurück.

Tschüss, Zynismus

Die gute Nachricht ist, dass man sich an all das gewöhnt. Und die beste Nachricht ist, dass es sich gelohnt hat, dass dieser Text wahrscheinlich der uncoolste ist, den ich je geschrieben habe. Es geht darin unter anderem um Krafttiere, Träume und Visualisierung, um die schamlose Freude an schöner Wäsche, meine Gedanken und Gefühle und überhaupt ganz viel um mich. Während ich das hier schreibe, krümme ich mich schon wieder etwas vor Scham. Wie unfassbar egozentrisch und egoistisch und eitel das klingt! Dabei soll ich mich einfach nur so lieben und schätzen wie den Liebsten oder die beste Freundin. Menschen, die man auch wunderbar findet und in jeder Lebenslage unterstützen und verteidigen würde. Obwohl man all ihre Macken kennt, wie Gala Darling in ihrem Buch „Radical Self-Love“ schreibt, welches ich neben „Anleitung zur Selbstliebe“ von Maria Christina Gabriel als Grundlage für mein Experiment genommen habe. Die für mich schwierigsten, ersten Schritte: so oft es geht grundlos lächeln und mich allem Zynismus und Sarkasmus entziehen. Die quasi zu meiner Muttersprache gehören, aber laut Darling erst recht der Grund sind, wiederum Zynisches anzuziehen. Außerdem gehören künftig Meditation, Yoga, Spaziergänge, Nachmittagsschläfchen und verlesene Stunden in Buchläden zu meinem täglichen Programm. Nein, Selbstfürsorge ist kein schmutziger Job, den man selbst machen muss, weil es sonst niemand tut. Es kann richtig Spaß machen, wenn man sich ihn erlaubt.

Es scheint ein typisch weibliches Problem zu sein

Gerade Mädchen werden dazu erzogen, andere mehr zu lieben als sich selbst. Oder wurde je einem Jungen so etwas ins Poesiealbum geschrieben wie: „Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und still, und nicht wie die eitle Rose, die immer bewundert sein will.“ Nein, Frauen sollen ihre Liebe und Kraft in Form unbezahlter, verachteter Sorgearbeit für Kinder, alte Eltern und andere Hilfsbedürftige leisten, als emotionale Nutztiere für die Gemeinschaft. Fehlende Selbstliebe ist außerdem wichtig für die Wirtschaft; als Ersatz kauft man dauernd Dinge, die einen sich neu und liebenswert fühlen lassen sollen. Selbst die Autorin Elizabeth Gilbert, seit ihrem Bestseller „Eat, Pray, Love“ weltweit bekannt, berühmt und geliebt, schrieb auf ihrer Facebook-Seite: „Meine Lieben, ich bin besorgt, wie sehr wir uns selber hassen. Mit ‚uns‘ meine ich hauptsächlich die Menschen in der modernen westlichen Welt und innerhalb dieser Gesellschaft überwiegend die Frauen, die sich verletzen, sabotieren, mobben und mit unfassbarer Grausamkeit behandeln.“ Tausende zustimmender, begeisterter und verzweifelter Kommentare dazu haben gezeigt, wie recht Gilbert damit hat.

Eigentlich fühlte ich mich bei diesem Experiment auf der selbstsicheren Seite. Weil ich mich prinzipiell okay finde, dachte ich, etwas frischen Wind und Sexyness in die langjährige Beziehung zu mir selbst zu bringen – und obendrauf die Umwerbekosten für jede Menge Blumen, Duftkerzen, Massagen, Bücher und Champagner als Recherchematerial abzusetzen. Doch dann kam die Praxis. Und die sah so aus:

Selbstliebe ist die Bonuszahlung für besondere Leistungen

Ich stelle in der App „calm“ eine Meditationszeit von 15 Minuten ein und wähle dazu das Geräusch von strömendem Regen, der rauschend auf grüne Blätter prasselt und tropft. Ich versenke mich an den Geheimplatz in meinem Inneren – sehr passend: ein Baumhaus im Wald – und nehme Kontakt zu meinem Körper auf. Atmen. Fühlen. Zuhören. Dann übernimmt mein Unterbewusstsein das Gespräch. Ich fange an zu weinen und bleibe die gesamte Zeit dabei. Augen auf, meine Liebe! Es scheint, dass meine Beziehung zu mir längst nicht so glücklich ist, wie ich bisher angenommen hatte. Doch erst als ich meine Aufmerksamkeit darauf richte, mir etwas Liebevolles zu sagen und etwas Liebevolles zu tun, wird klar, wie viel Kritik, Abwertung und Verachtung ich mir normalerweise entgegenbringe. Und wie wenig Mitgefühl. Bestenfalls krieg ich dann Migräne und muss mich ausruhen. Je weiter ich mir auf den Seelengrund gehe, desto deutlicher fühle ich, dass ich oft in einer missbräuchlichen Beziehung zu mir lebe. Ich muss mir immer einen Anlass geben, mich gut fühlen zu dürfen: etwas Besonderes geleistet zu haben, nützlich oder zumindest total attraktiv und witzig gewesen zu sein. Aber nicht per Geburtsrecht liebenswert zu sein, weil ich einfach da bin, einzigartig bin. Ich bin gleichzeitig strenge Aufseherin und Gefangene, lebenslänglich in meinem selbst erschaffenen Knast aus Glaubenssätzen. Nach meiner Erfahrung und Erwartung wird Leistung mit Liebe entlohnt, und Selbstliebe ist die Bonuszahlung für besondere Leistungen. Damit ist mein Selbstwertgefühl aber immer auch abhängig von anderen. Ein weiterer, früh verinnerlichter Auftrag ist, dass ich dafür zu sorgen habe, dass alle in meinem Einflussbereich glücklich sind, und es egoistisch wäre, mich in Beziehungen abzugrenzen. Dabei ist unsere ungewisse Lebenszeit das Einzige, was wir wirklich besitzen, unser größter Schatz, aus dem sich tausend Erlebnisse und Erinnerungen erschaffen lassen. Wie absurd es ist, auf eine Erlaubnis zu warten, um sich von seiner eigenen Lebenszeit Zeit für sich selbst zu nehmen. Was bleibt mir da übrig? Damit Schluss machen!

Meine neuen Freunde heißen nun Vergebung, Vergnügen und Akzeptanz

Nach dem Aufwachen begrüße ich mich mit „Guten Morgen, Süße!“ (ist das peinlich! Demnächst werde ich mir noch Katzen anschaffen). Egal, Zynismus vermeiden, also schaue ich nicht zuerst ins Internet, sondern nach innen und gedenke dankbar all der guten Dinge in meinem Leben. Ich stehe auf, mache Kaffee (definitiv eine Form von Selbstfürsorge), zünde die Duftkerze auf meinem Nachttischaltar an und dehne mich durch ein kleines Yoga-Programm. Anschließend lasse ich zehn Minuten Naturgeräusche von einer App laufen, schließe die Augen und meditiere. Zu dir oder zu mir? Wir treffen in meiner Mitte zusammen. Beim Meditieren empfinde ich immer wieder spontan tiefes Mitgefühl mit mir. Dieses Gefühl hat nichts mit Selbstmitleid à la „Ich bin zu dick, zu alt, zu dumm“ zu tun. Es ist das Gefühl, mit dem ich anerkenne, dass ich große Sehnsucht nach mir und der Erforschung meines gesamten Potenzials habe. Ich werde mich hartnäckig und fantasievoll umwerben, anmachen, flachlegen, bezaubern, überraschen. Ich bin die Frau meines Lebens, und erst der Tod wird uns scheiden, also sollten wir gut zueinander und glücklich sein. Ich lese mit Freude, dass Tagträumen, mein altes Laster, heutzutage „Manifestieren“ heißt und ein fantastisches Gestaltungsmittel für die Zukunft ist.

Selbstliebe ist ein ziemlich schräger Trip

Wenn ich allein zu Hause bin, gewöhne ich mir an, im Bad oder Schlafzimmer nackt herumzulaufen, ohne sofort etwas überzuwerfen, ehe mein böser Blick echte oder vermeintliche Problemzonen treffen und verurteilen kann. Stattdessen sage ich bei jeder Gelegenheit laut: „Ich liebe mich!“ (Oh Gott, wie meine Stimme klingt). Egal. „Ich liebe mich, auch meine quäkige Stimme!“ (Das ist total lächerlich!) „Ich liebe mich, auch wenn mir das lächerlich erscheint!“ Ha, endlich Ruhe – irgendwann kriegt man jede Selbstkritik niedergeliebt. Ich creme meinen Körper nicht zackig, sondern sinnlich und in Ruhe ein, statt mich zu ärgern, wie lange das dauert, bis die Creme eingezogen ist. Dann ziehe ich schöne Wäsche an. Und zwar weder für den Notarzt, sollte ich heute noch unter die Räder kommen, noch für einen Mann, der heute vielleicht noch über mich kommen wird. Sondern einfach als Zeichen meiner Wertschätzung. Dank der Anregung von Maria Christina Gabriel schreibe ich zu meinen To-do-Listen auch To-be- und To-feel-Listen: „Erstelle eine Gefühlsliste für dich. Die Begriffe, die du hier zusammenfasst, sind ein wichtiger Wegweiser für dein Jetzt. Sie zeigen dir, was du noch viel mehr in deinem Leben fühlen möchtest. Etwa: lebendig, kraftvoll, frei, entspannt, strahlend, geborgen ...“ Welchen Geschmack möchte ich heute genießen, welchen Stoff tragen, in welcher Farbe? Womit kann ich mich verwöhnen? Ja, auch das klingt unfassbar peinlich, wie die verschwurbelten Texte zu fleischfarbenen Massagestäben, die sich im Versandhauskatalog biedere Hausfrauen mit wissendem Lächeln an die Wange halten. Peinlich ist mir für den guten Selbstzweck mittlerweile kaum noch etwas. Ich überlege sogar kurz, mir diese schönen esoterischen Dildos (einfach mal „chakrub“ googeln) aus Halbedelsteinen zu kaufen, deren molekulare Strukturen einen unglaublichen Effekt auf mein elektromagnetisches Feld bewunderwirken sollen. Da möchte ich aber zuerst mal ein Rendez-nous mit mir! Ich packe Schokolade und den Champagner ein, der im Kühlschrank auf eine „passende Gelegenheit“ gewartet hat, fahre mit der U-Bahn zum Eppendorfer Moor und setze mich in die Sonne an den See. Die Libellen. Die Vogelstimmen. Das Rauschen des Windes in den Baumkronen. Ich weiß niemanden, mit dem ich diesen Nachmittag lieber verbringen würde als mit mir. Darüber hinaus ist es so entspannend, dass ich mich nicht sorgen muss, ob ich mich danach je wieder anrufen werde. Ich trinke auf mich und uns und überlege, was ein schönes Krafttier für mich wäre – ein Adler oder ein Reh? –, als ich sie plötzlich deutlich vor mir sehe: eine riesige Wölfin mit weißem Fell. Einerseits sozial und familienorientiert, andererseits wehrhaft und wild. Ich stelle mir vor, wie diese Wölfin sich wachsam hinter mir aufbaut, und fühle mich sicher. Ich werde sie „Ruinart“ nennen.

Ich bin verliebt, in mich selbst

Vor vier Wochen haben mich Menschen genervt, die nach ihrem inneren Kind oder Tier gesucht haben. Jetzt vervorurteile ich niemanden mehr. Mich würden nicht mal mehr Engel wundern, die sich wahrscheinlich wegen meiner ungläubigen Grundeinstellung sowie der berechtigten Stilkritik ihrer langen Nachthemden bisher von mir fernhielten. Denn ich habe durch das Experiment neben Selbsterkenntnissen anscheinend selbst ein übernatürliches Leuchten bekommen. Vor ein paar Tagen hatte ich einen Termin. „Du strahlst heute so“, sagte mein Gesprächspartner, kaum, dass ich im Zimmer war, „siehst toll aus, was ist los, bist du verliebt?“ „Nein“, sagte ich, „oder doch, irgendwie schon.“ Und dachte: Bedingungsloses Grundeinkommen an Liebe, großartig. Steht jedem zu, muss man sich nicht erst verdienen. Selbstliebhaber sind sogar bessere Lebensgefährten, denn sich selbst zu lieben macht den Unterschied zwischen „Bedürfnisse haben“ und „bedürftig sein“ aus. Der Dalai-Lama soll auf die Frage, was man gegen Selbsthass tun könne, völlig verwundert geantwortet haben: „Selbsthass? Was ist das?“ Das Publikum aus westlichen Psychologen, Wissenschaftlern, Meditationslehrern versuchte zu erklären, wie Menschen gelehrt werden können, sich selbst zu hassen. Der Dalai-Lama nur: „Ich finde das sehr, sehr merkwürdig.“ Ich zum Glück mittlerweile auch und werde dabei bleiben: Selbstliebe ist der neue Selbsthass.


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