Flugscham! Schenkelscham! Kinderindieweltsetzscham! Vom Schamgefühl verfolgt 

Wenn es ein allgegenwärtiges Leitgefühl des Jahres 2019 gab, dann war es wohl Scham. Unsere Autorin findet das auffallend peinlich.

von Karina Lübke

Was ist nur aus der guten alten Redensart "Leben und leben lassen" geworden? Ich weiß es leider: "Schämen und beschämt werden." Spießrutendauerlauf ist der neue Volkssport, und keiner wird gefragt, ob er daran teilnehmen möchte. Irgendeinen Anlass gibt es ja immer: Waren es einst vorehelicher Sex und uneheliche Kinder, droht heute Flugscham! Fleischscham! Schenkelscham! Dieselscham! SUV-Scham! Kamin- und Silvesterraketen-Feinstaubscham! Und das Neueste: Kinderindieweltsetzscham!

Vom Schamgefühl verfolgt 

Ich fürchte bereits den ersten Selbstmord aus Existenzscham, zur Entlastung der Ökobilanz: zu schlecht für diese Welt! Über allerorts fehlende Selbstliebe und zunehmende Depressionen braucht man sich da nicht zu wundern. So berichtete der Schwede und zweifache Vater Perikles Nalbanits im Radio über seine Erkrankung an einer "Klimadepression". An schwedischen Universitäten gibt es tatsächlich bereits Bewältigungskurse gegen "Klimaangst", an der sogar Kronprinzessin Victoria leidet.

Wie soll man mit einem Selbstbild als größter "Ökoschädling" auch froh werden? Solange ein Mensch lebt, muss er atmen, essen, ausscheiden und zumindest minimal konsumieren. Wie sehr man sich auch bemüht, die Welt zu retten, irgendwas macht man falsch und schämt sich unter den bösen Blicken zu Tode. Etwa wenn man nach der Arbeit für den spontanen Einkauf eine Tüte braucht, weil die 99 Stoffbeutel und Netze zu Hause liegen. Man fühlt sich wie die gedemütigte Königin Cersei in "Game of Thrones": Auf Schritt und Fehltritt verfolgen einen selbstgerechte Gestalten mit einer bimmelnden Glocke und rufen dabei: "SHAME! SHAME! SHAME!" Willkommen zurück im Mittelalter.

Scham ist psychische Gewalt 

Mich überfällt Fremdscham für diese Eiferer, on- wie offline. Mit beschämten Menschen ist kein guter Staat zu machen. Zumal jene, die sich ihres Verhaltens schämen sollten, es eh nie tun: Psychopathen, Milliarden-Wirtschaftsbetrüger und steuerhinterziehende Großkonzerne, um ein paar gute schlechte Beispiele zu nennen. Reiche Menschen, so hat eine Studie ergeben, ändern ihr klimaschädliches Verhalten am wenigsten. Je höher das Einkommen, umso egaler ist ihnen umweltfreundliches Reisen. Das Fußvolk, die bemühte Mittelschicht, bleibt beschämt am Boden – Vielflieger jetten weiterhin abgehoben um den Globus, weil ihnen gefälligst niemand etwas vorzuschreiben hat.

Wenn es keine Scham gibt, muss man Gewalt anwenden, um Menschen zu beherrschen, soll Konfuzius gesagt haben. Dabei ist Scham erst recht psychische Gewalt und die schärfste Allzweckwaffe aus dem Giftschrank der schwarzen Pädagogik: Eltern, die ihrem Kind etwas austreiben wollten, ohne sich mit Begründungen abzugeben, riefen einfach: "Schäm dich!" Dieser Befehl wird der Psyche eingepflanzt wie ein Computervirus, der das Selbstwertsystem zum Absturz bringt. Beschämung hat noch nie Einsicht oder guten Willen hervorgerufen, sondern Selbsthass und Abwehr und Trotz. Ich habe jetzt mal schamfrei.

KARINA LÜBKE schreibt und schämt sich partiell in Hamburg. Schreibscham quält sie zum Glück noch nicht.