Das Pubertier in meinem Haus - Mein Leben mit einer hormongesteuerten Zeitbombe

Da hat man sie grade aus den Windeln, schon pubertieren sie. Fing das nicht früher mal mit 14 an? Heutzutage ist 11 die magische Grenze. Spätestens. Ob daran hormongespritzte Brathühnchen oder die Medien schuld sind, ist unserer Autorin egal. Aber wenn irgendjemand eine Gebrauchsanweisung für hormongesteuerte Zeitbomben aka Teenager hat, freut sie sich sehr über Post. Beileidsbekundungen nimmt sie zur Not auch an. Und Globuli. Und Alkohol. Oder One-Way-Tickets nach Australien. 

von Miriam Kühnel

Gott, war sie süß damals. Das denke ich jedes Mal, wenn mir ein Kinderfoto von ihr in die Hände fällt. Offiziell bin ich dazu angehalten, jedes dieser Fotos direkt zu zerreißen. "Alter, wer hat mit 2 Jahren Cellulite, Mann?", hatte meine Älteste eines Tages entsetzt geschrien und schaudernd alle Fotos von sich, die kein Duckface-Selfie darstellten, von den Wänden gerissen. Mit den Worten "voll uncool" wurden all die süßen Pausbäckchen-Bilder im Papierkorb versenkt. Voll uncool findet sie übrigens nicht nur Fotos, sondern insbesondere und vor allem MICH.

Früher gab es kein YouTube 

Ich weigere mich, anzuerkennen, dass ich nicht mehr hip bin. Ernsthaft! Ich war 1996 die Anführerin unserer Clique! Ich hab schon mit 14 die erste Zigarette probiert, noch vor Alex, die damals mit Christian zusammen war, dem heißesten Kerl der Klasse. Ich war so cool, dass ich beim Völkerball immer zuerst gewählt wurde, obwohl ich nicht mit Bällen umgehen kann. Und ich kannte einen echten Popstar! Meine Tochter beeindruckt das alles gar nicht. Den Popstar findet sie lächerlich, weil er nicht mal nen Youtube-Channel hatte und den "kein Mensch" kennt. "Doch", sag ich, "viele! Aber..." Das Augenrollen meiner Brut lässt mich innehalten. Bin ich ernsthaft so tief gesunken, dass ich gerade versuche, mit einer losen Popstar-Bekanntschaft aus den Neunzigern mein Image zu polieren? Und wollte ich grade wirklich sagen, dass es YouTube noch gar nicht gab, als ich jung war? Niemals wird sie das erfahren! NIEMALS!

Das Kind hat Hormone, die Krise teilen wir uns

Jetzt mal im Ernst: Ein pubertierendes Kind zu haben, kann einen schon mal verfrüht in die Midlife-Crisis schicken. Wenn ein makelloses, völlig dellenfreies Wesen morgens im Bad ausdrucksstark seine Brauen hebt, wenn du dein Hüftgold gewissenhaft mit straffender Bodylotion einreibst oder den jahrelang geübten Lidstrich auf deine Weise ziehst (über die Bibi von Bibis Beautypalace gesagt hat, dass nur Verrückte so ihren Lidstrich ziehen), dann brauchst du ne gehörige Portion Selbstvertrauen mehr als vor 10 Jahren, als noch Mama-ist-die-Beste-Muttertagsherzchen aus der Kita am Kühlschrank hingen. Hab mal gelesen, Teenies seien sich so unsicher mit ihrem neuen Körper und deshalb so fixiert auf Schönheit. Mhh. Ich frage mich, wie sich das ausdrückt. Ich für meinen Teil kaschiere Unsicherheiten in Bezug auf meinen Körper nicht mit Hotpants und bauchfreien Tops. Vielleicht sollte ich das aber mal probieren. Auf dem Elternabend oder so.

Hat Einstein die Relativitätstheorie mit 12 aufgestellt?

Seit besagtem 11. Geburtstag – wir erinnern uns: die magische Grenze – hat dieses Haus jedenfalls jeglichen Bezug zu Logik verloren. Wenn der Pubertier-Vater und ich uns unserem Alter entsprechend und unauffällig verhalten, sind wir uncool und langweilig. Sobald wir etwas wagen (und ich spreche hier von Wagnissen im Bereich "Freunde des Pubertiers nach deren Urlaubserlebnissen fragen" oder "Lieder von Bruno Mars im Auto mitsingen") sind wir unfassbar peinlich. Auch schwanken die Bedürfnisse unserer Tochter extrem. Selbstverständlich hätten wir merken müssen, dass exakt 3,4 Sekunden Körperkontakt nach einem Heulkrampf absolut zu viel sind, alles unter 3,2 Sekunden aber herzlos. Ja, das hätte man natürlich wirklich merken können. Wenn man Gott wäre. Alles ist relativ geworden bei uns – ich für meinen Teil RELATIV unentspannt. Sagt das Pubertier.

Man müsste sich nur mal erinnern

Letztens habe ich meine Mutter um Rat gebeten. Was ich bekommen habe? Einen Lachkrampf allererster Güte! "Das hast du sowas von verdient!", presst meine Mutter gickernd hervor und wischt sich die Lachtränen aus dem Auge. "Weißt du, was du für ein Biest warst?" Ich kann mich nur noch dunkel entsinnen. Eigentlich weiß ich nur noch, dass meine Eltern irgendwann oberpeinlich wurden, ich verdammt mies behandelt wurde und mich kein Mensch ernst genommen hat. "Merkste was?", lacht meine Mutter. Dann holt sie eine kleine Box mit Fotos hervor. Darin finden wir Bilder von mir mit 15. In bauchfreien Oberteilen, mit knallroter Kurzhaarfrisur und Hosen, die so tief sitzen, dass ich vor Scham erröte. Auch mein Popstar ist auf einem Bild zu sehen und ich muss zugeben: Er sieht peinlich aus. Neunziger halt. "Alter, Mama, die musst du SOFORT wegschmeißen!", schreie ich. "Nix da!", sagt meine Mutter und versteckt die Box wieder. Da kommt mir eine Idee. Ich werde auch so eine Box machen und heimlich Fotos vom Pubertier darin sammeln. Und irgendwann, in 20 Jahren, werde ich diese Box ihrer Tochter zeigen. Herrlich!!! Die Vorfreude darauf wird mich die nächsten sieben Jahre überleben lassen!

..... Ich hoffe bloß, dass meine Mutter nicht so gemein ist wie ich.

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Miriam Kühnel
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Das Pubertier in meinem Haus - Mein Leben mit einer hormongesteuerten Zeitbombe

Da hat man sie grade aus den Windeln, schon pubertieren sie. Fing das nicht früher mal mit 14 an? Heutzutage ist 11 die magische Grenze. Spätestens. Ob daran hormongespritzte Brathühnchen oder die Medien schuld sind, ist unserer Autorin egal. Aber wenn irgendjemand eine Gebrauchsanweisung für hormongesteuerte Zeitbomben aka Teenager hat, freut sie sich sehr über Post. Beileidsbekundungen nimmt sie zur Not auch an. Und Globuli. Und Alkohol. Oder One-Way-Tickets nach Australien.

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