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Das zweite Kind: Erst jetzt ändert sich wirklich alles

Das zweite Kind: Jetzt ändert sich noch mehr als beim Ersten
© Getty Images
Viele sagen, das erste Mal Nachwuchs zu bekommen, sei das Ereignis, das ihr Leben am meisten verändert hat. Das dachte unsere Autorin auch – bis sie das zweite Kind bekam. 
von Viola Kaiser

Es begann schon in der Schwangerschaft, die ganz anders war als die Erste. Bei meinem ersten Kind waren alle sehr liebreizend und fürsorglich und halfen mir bei jeder erdenklichen Möglichkeit. Mein Mann und ich schwebten wie auf Wolken, freuten uns gemeinsam wie zwei Irre, besichtigten zusammen Kreißsäle, streichelten meinen Bauch und waren uns einig, dass das das Wunderbarste war, was wir je erlebt hatten und erleben würden. Ich fühlte mich stark und glücklich wie selten zuvor in meinem Leben. Natürlich fühlte ich mich auch schwach und unbeweglich und fett wie nie zuvor in meinem Leben, aber das habe ich nicht so in Erinnerung wie die unbändige Freude auf das Wesen, das bald bei uns sein würde.

Das zweite Kind: Gleich viel Freude, mehr Stress

Bei unserem zweiten Kind freuten wir uns natürlich genauso, allerdings half mir niemand mehr bei allem. Oder zumindest fiel es mir nicht auf. Weil ich auch einfach viel gestresster war. Mein Mann hatte dieses zweite Kind sehr gewollt, schneller als ich, aber als ich im sechsten Monat war, hatte er auf einmal eine Krise. Er stritt das ab, aber ich merkte wie er penetrant nach mehr Freiheiten suchte. Er wollte ein paar Tage wegfahren, noch mal mit den Jungs, er meldete unser neues Auto (er fand, wir bräuchten jetzt ein Größeres) um und schrieb seine Initialien aufs Kennzeichen, weil es ja angeblich seins war (warum mich das so aufregte damals, weiß ich heute nicht mehr). Er war merkwürdig verspannt und schien Angst zu haben. Ich hatte vorher gewusst, dass man als Mutter öfter die A****-Karte hat, jetzt fühlte mich tatsächlich allein. Die Hormone erledigten den Rest.

Mein Mann verhielt sich wie ein unreifer Idiot 

Tatsächlich verhielt er sich so, als würde er nach der Geburt von Kind Nummer zwei sämtlicher Freiheiten beraubt. Ich fand, er benahm sich wie ein unreifer Idiot. So wie mancher andere Mann vor seiner Hochzeit: Er ging dauernd aus und tat so, als würde er bald inhaftiert. Ich hatte offiziell dafür wenig Verständnis, weil ich nicht die Kraft dafür hatte, verstand ihn aber in meinem tiefsten Inneren doch, obwohl mich das wütend machte. Ich konnte schließlich nicht feiern gehen. Irgendwie war das hier anders als bei Kind eins. Das zweite Kind würde alles ändern, nicht zum Schlechten, aber eben alles ändern. Das wurde mir langsam klar. 

Es gibt sogar Studien zu diesem Thema, Männer haben beim zweiten Kind mehr Angst, Freiräume zu verlieren als beim Ersten. Man hat ja jetzt erstmal schon ganz schön was geschafft, das erste Kind schläft meist und isst und man weiß, wie das Ganze funktioniert. Das macht vieles leichter. Und manches eben auch schwieriger. Als ich meiner Freundin, die drei Kinder hat, davon erzählte, sagte sie nur: "Ach, das kenne ich. Stephan ist noch mal acht Wochen vor der Geburt vom zweiten Kind eine Woche surfen gefahren mit seinen Kumpels und hat nur einmal angerufen. Der hatte auf einmal Angst was zu verpassen. Und ich war kurz davor mich scheiden zu lassen. Das legt sich wieder!" 

Zumindest war die Geburt leichter

Leichter war beim Zweiten die Geburt, schwieriger die Zeit danach. Nicht weniger schön, aber so viel anstrengender als beim ersten Kind. Ich wollte eine gute Mutter sein, aber ich war müde, sehr, sehr müde. So sehr ich mich über den Neuzugang freute, der ganz wunderbar war: Ich war trotzdem extrem müde – und manchmal auch genervt. Wo wir in den ersten Wochen bei unserer ersten Tochter stundenlang das Baby betrachtet hatten voller Glückseligkeit, machten wir jetzt das meiste getrennt. Einer mit der Großen, einer mit dem Kleinen. 

Mit dem ersten Kind war es ein bisschen so gewesen, dass wir ein Paar waren, das auf ein Kind aufpasste. Zwei zu eins, leicht aufteilbar. Jetzt hatten wir beide was zu tun. Das fühlte sich mehr nach Familie an, aber auch mehr nach Arbeit. Nicht, dass ich jemals bereut hätte, das zweite Kind zu kriegen, aber manchmal blickte ich neidisch auf zwei Menschen auf dem Spielplatz, die nur eins betreuen, weil die irgendwie nichts zu tun hatten aus meiner Sicht. Vor allem an dem Tag, als meine Große sich weigerte nach drei Stunden bei -5 Grad sich vom Spielplatz wegzubewegen und das Kleine im Wagen in einer Lautstärke schrie, die mein Mutterherz bluten ließ. Am Schluss trug ich beide nach Hause und schob auch noch den Kinderwagen. Wie ich das mit zwei Armen gemacht habe, weiß ich nicht mehr genau.

Ich wurde öfter mal aggressiv

Ich bin sehr gerne Mutter, ich glaube, ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Kindern, aber in den ersten sechs Monaten mit zweien war ich so fertig wie noch nie vorher in meinem Leben. Einer wollte immer was von mir, einer war immer krank, einer schlief immer schlecht. Selbst wenn ich es war. Wenn ich mir zu diesem Zeitpunkt etwas hätte wünschen können, wäre es vor allem eine Nacht mit durchgehendem ruhigen Schlummer gewesen. Das Problem war, dass ich nicht jammern wollte. Ich hatte zwei gesunde Kinder: Was sollte das Genöle? Deswegen war ich öfter mal aggressiv, vor allem meinem Mann gegenüber. Kurz gesagt: Unsere Ehe hatte schon bessere Zeiten gesehen.

Das ging ein paar Monate so, meine Freundinnen und ich trösteten mich mit dem Gedanken, dass sicher irgendwann alle schlafen und gesund sein würden. Dann nahmen wir uns nach ein paar Monaten endlich einen Babysitter – und waren für zwei Stunden wieder die Alten. Es erstaunte mich, wie schnell ich abschalten konnte, sobald mich mal jemand in Ruhe ließ. Nach nur etwa zehn Minuten außerhalb der heimischen Wohnung fiel uns auf, wie froh wir waren, weil diese beiden Kinder sich von Anfang an so liebten und so freundlich miteinander waren, wie es nur Geschwister können. Dass wir in manchen Punkten so viel entspannter waren, wenn es um das zweite Kind ging, dass wir nicht mehr hysterisch wurden, wenn es Schnupfen hatte und Probleme, bei dem wir beim ersten noch nachts die Hebamme angerufen hätten, jetzt ohne darüber nachzudenken selbst lösten. Dass es doch so ein Glück war, gleich zwei so entzückende Kinder zu haben. Alles Dinge, die mir irgendwie nicht einfielen, wenn beide gleichzeitig schrien oder meckerten. 

Richtig spannend wird es beim dritten Kind

Und dann kam die Nacht, in der beide Kinder (fast) durchschliefen. Schließlich der Samstagmorgen, an dem beide miteinander quatschten und uns nicht weckten. Dann die unzähligen Momente, in denen ich sie betrachtete und einfach nur dankbar war, dass sie beide da sind und so lustig miteinander (zumindest wenn sie sich nicht gerade kloppen). Als ich neulich meiner Cousine davon erzählte, dass ich die zweite Schwangerschaft und die erste Zeit nach der Geburt irgendwie sehr anders empfunden habe als die erste, sagte sie nur trocken: "Dann warte erstmal die Dritte ab." Worauf wir beide lachten und mit unserem Bier anstießen. Meine Cousine hat übrigens vier Kinder. 


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