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Dating ab 50: "Ich wusste gar nicht mehr, wie man flirtet"

Dating ab 50: "Ich wusste gar nicht mehr, wie man flirtet"
© Getty Images
Bestsellerautorin Adrienne Friedlaender wollte nach ihrer zweiten Scheidung nicht alleine bleiben. Deswegen hat sie sich auf die Suche nach einem neuen Partner gemacht – und unter anderem darüber ein Buch geschrieben. 
von Tina Epking (Interview)

Adrienne Friedlaender ist 55, Mutter von vier Kindern und Ex-Frau von zwei Männern. In ihrem neuen amüsanten Buch "Ich habe jetzt genau das richtige Alter. Muss nur noch rauskriegen, wofür" erzählt sie, wie sie das Flirten neu gelernt hat und warum sie sich immer wieder auf die Suche nach der großen Liebe machen würde. Wir haben mit ihr gesprochen. 

Barbara.de: Worum geht es in deinem neuen Buch?

Adrienne Friedlaender: Mein Wunsch war es, ein Frauen-Mutmacher-Buch zu schreiben. Es ist doch so, dass das Leben uns immer mal wieder zurück auf Start setzt, sich selten planen lässt, Wünsche und Träume platzen. Viele Frauen lassen sich dadurch entmutigen – das war bei mir ja zwischendurch auch so. Ich habe oft Frauen getroffen, die schon mit Ende 30 nach Trennungen wahnsinnig frustriert waren und sich damit selber blockiert haben. Aber es geht in meinem Buch nicht nur ums Dating, sondern um alle Veränderungen im Leben. Mit der Einstellung, dass es sowieso nichts wird, bremst man sich in allen Bereichen total selber aus. Die einzige Möglichkeit, mit diesem störrischen Leben umzugehen, ist doch, sich nicht unterkriegen zu lassen! 

Was hat dich entmutigt?

Ich habe mit 15 gedacht, dass ich spätestens mit 30 verheiratet bin, Kinder kriege und mir vorgestellt, dass das auch für immer so bleibt. Dann habe ich festgestellt, dass die Realität so nicht funktioniert. Mit meinem ersten Mann bekam ich mit 32 und 34 meine ersten Söhne, dann trennten wir uns. Da ist ein Riesenlebensmodell geplatzt, das war schwierig, aber ich habe nicht aufgegeben – und traf meinen zweiten Mann. Mit 40 und 44 bekam ich die letzten beiden Kinder mit ihm. Auch diese Ehe hat nicht bis ans Lebensende gehalten. Ich glaube, die eigenen Wünsche und Erwartungen sind häufig gekoppelt an die Erwartung der Gesellschaft. Bis ich verstanden habe, dass meine Wünsche gar nicht unbedingt mit den gesellschaftlichen Erwartungen übereinstimmen, hat es eine Weile gedauert.

"Ich brauche nur noch einen Mann zur Lebensbereicherung"

Was gibt die Gesellschaft denn vor?

Schon als kleine Mädchen wird uns ein bestimmtes Lebensmodell vermittelt. Nämlich, dass wir später einen tollen Mann heiraten und natürlich Kinder bekommen. Kaum einer sagt, man könne ja auch alleine bleiben und um die Welt reisen. So hat das Ende meiner ersten Ehe mich wahnsinnig traurig gemacht, und es hat eine ganze Zeit gedauert, bis ich mich wieder berappelt habe. Dann ist das gleiche nochmal passiert – die zweite Ehe wurde auch geschieden. Das hat mich erneut komplett aus der Bahn geworfen. Und es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich mich sortiert hatte. Danach habe ich mich von dem Familienmodell verabschiedet. Ich suchte nicht mehr einen Partner, mit dem ich eine Familie gründe. Ich habe wunderbare Ex-Männer, die tolle Väter sind. Ich brauche nur noch einen Mann zur Lebensbereicherung, einen, der etwas mitbringt, das ich nicht eh schon habe – natürlich auch für Liebe, Sex und Nähe und für das gemeinsame Aufwachen und Einschlafen. Aber vielleicht nicht mehr jeden Tag. 

Was ist anders als früher, wenn man mit Mitte 50 jemanden kennenlernt?

Wenn man mit Mitte 20 jemanden kennenlernt, geht man noch viel unbefangener aufeinander zu, ist viel weniger kritisch und genießt einfach das Verliebtsein. Dagegen bringt man sehr viel Ballast mit, wenn man Mitte 50 ist. Ich habe dann gemerkt, dass das schon manchmal anders ist als früher. Ich stand mir irgendwie häufig selber im Weg bei den Treffen.  Um mich besser kennen zu lernen, habe ich sogar ein Flirtseminar besucht. Ich habe dadurch eine Menge über mich und meine Wünsche gelernt.

Und was hast du beim Dating über die Bedürfnisse der Männer gelernt?

Ich glaube, die Männer mit Mitte oder Ende 50 verlieren manchmal so ein bisschen ihre Selbstsicherheit, die sie über die Jahre zum Beispiel über ihren Job bezogen haben. Ich habe das Gefühl, sie können häufig weniger gut alleine sein als Frauen. Viele, die ich getroffen habe, haben schnell gefragt, ob ich mir vorstellen könne, mit ihnen zusammen zu ziehen. Frauen dagegen sind meistens sehr breit aufgestellt, weil sie ihr Leben lang Familie, Kinder und Job unter einen Hut bekommen mussten. Und wenn sie dann älter werden und die Kinder aus dem Haus sind, fühlen sie sich frei und starten noch mal richtig durch. Ich habe auch keine Angst vor dem Alleinsein – und das ist eine wunderbare Voraussetzung, um ganz entspannt zu daten. Ich bin nicht in Panik, es geht mir gut, ich habe gelernt, dass ich ganz allein für mein Glück zuständig bin, der Mann ist nur das i-Tüpfelchen.

"Ganz viele gleichaltrige Männer haben Interesse an mir gezeigt"

Warst du am Anfang denn unsicher, als du nach langer Beziehung wieder Männer getroffen hast?

Klar, ich war schüchtern und aufgeregt. Aber das ist eine Übungssache, das wird dann mit der Zeit immer leichter. Ich wusste ja anfangs auch gar nicht mehr, wie man flirtet. Aber irgendwann muss ich das ja mal gekonnt haben, denn mein erster Mann kam ja auch nicht mit der Post (sie lacht). Das habe ich dann auch im Flirtkurs gelernt, einfach mal zu einem Mann zu sagen, dass ich etwas an ihm toll finde. Deswegen will ich ja nicht sofort jemanden abschleppen.

Apropos abschleppen: Hat es dich Überwindung gekostet, dich nach deiner langjährigen Beziehung vor jemand Neuem auszuziehen?

Man ist tatsächlich ja nur an den Blickwinkel des einen Partners gewöhnt. Es gibt dieses Vorurteil, dass Männer vor allem 20 Jahre jüngere Frauen suchen, was aber nicht stimmt. Ganz, ganz viele gleichaltrige Männer haben Interesse an mir gezeigt, und es war toll, festzustellen, dass die meisten Männer nicht unbedingt jüngere Frauen suchen. Natürlich machen Dellen in den Oberschenkeln und schlaffe Augenlider ein selbstbewusstes Auftreten schwieriger, aber ich glaube, Männer mögen Frauen und ihre Körper, die sind nicht so kritisch wie wir. Wenn man sich selber annimmt und trotz all seinen kleinen Fehlern selbstbewusst präsentiert, dann finden dich die Männer auch klasse. Tatsächlich fühlte ich mich vor dem ersten Sex nach meiner Trennung so unsicher wie vor über 40 Jahren auf dem Einmeterbrett im Schwimmbad. Es hat mich kurzzeitig in Panik versetzt, zu springen, aber dann habe ich das einfach gemacht und gar nicht mehr drüber nachgedacht, wie ich dabei aussehe. Danach habe ich mich gefragt, wovor ich eigentlich Angst hatte und wie ich vergessen konnte, dass alles von selbst läuft, wenn man Vertrauen hat.   

Ist es denn schwieriger, ab einem gewissen Alter jemanden kennenzulernen?

Das Kennenlernen ist erstmal weniger das Problem. Aber den Partner zu finden, der wirklich zu mir und zu meinem Leben passt, ist mit den gewachsenen Ansprüchen und veränderten Wünschen sicher viel schwieriger geworden. Was ich ganz schwierig finde, sind die Beurteilungen von außen, Menschen, die darüber tuscheln, dass ich schon den dritten Freund nach der Trennung habe. Jemand, der 20 Jahre verheiratet ist, kann sich vielleicht gar nicht mehr vorstellen, wie schwierig das ist. Ich finde doch nicht beim ersten Date den Mann fürs Leben! Wenn ich jetzt drei- oder viermal den Mann wechsle, heißt das nicht, dass ich mir das so gewünscht oder vorgenommen habe, sondern dass ich festgestellt habe, dass es eben doch nicht reicht oder nicht passt. Aber wie soll ich das feststellen, wenn ich es nicht versuche? Bei Vätern wird das noch immer ganz anders beurteilt als bei Müttern. Ich finde aber, dass ich das Recht habe, nach meinem Glück zu suchen. Ich kann doch schlecht warten bis das letzte Kind aus dem Haus ist und ich über 70 bin.  

Datest du eigentlich im Moment?

Heute nicht. Vielleicht morgen (lacht). Das Positive am Daten ist, dass ich aus jedem Date und aus jeder Begegnung mit einem Mann viel über mich selbst gelernt habe: Was ist für mich wichtig, wo kann ich Kompromisse eingehen, worauf  kann ich auf keinen Fall verzichten. Ich lerne nur durch Ausprobieren. Aufgeben ist keine Option, solange ich atme, werde ich lieben, lernen und lachen. Schluss ist erst, wenn der Sargdeckel zuklappt. 

AdrienneRollkragen Adrienne Friedlaender, Jahrgang 1962, ist freie Journalistin. Seit mehr als zehn Jahren schreibt sie Porträts, Kurzgeschichten, Interviews und Reisereportagen aus aller Welt für Tageszeitungen, Magazine und Online-Medien. Ihr erstes Buch "Willkommen bei den Friedlaenders! Meine Familie, ein Flüchtling und kein Plan" ist 2017 erschienen und ein Bestseller. Sie lebt mit zwei ihrer vier Söhne in Hamburg.

CoverAdrienne "Ich habe jetzt genau das richtige Alter. Muss nur noch rauskriegen, wofür" ist im Blanvalet Verlag erschienen und kostet 15 Euro. 


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