Der Insektenvater - Fliegenlarven unter der Haut 

Aufgepasst, jetzt wird’s ein bisschen eklig. Mehr noch: Der folgende Text könnte akuten Juckreiz auslösen. Denn: Der amerikanische Insektenforscher Phil Torres hat sich etwas eingefangen – und teilt diese spezielle Erfahrung mit uns ...

Protokoll: Sörre Wieck

7. März 2019

Ich bin für einige Tage im Amazonas-Gebiet von Peru. Wegen der Moskitos trage ich in den Abendstunden stets Longsleeves. Heute nicht. Bin total zerstochen.


10. März

Rückflug nach New York.


14. März

Habe eine rote Stelle am Rücken, die sich alle zwei Stunden bemerkbar macht. Das ist kein normaler Moskitostich, es pocht. Der Rhythmus ist ein Anzeichen dafür, dass da drin etwas lebt, sich bewegt. Und wie es kribbelt! Bin so aufgeregt: Ist es vielleicht die Larve einer Dasselfliege? Deren Weibchen nutzen Moskitos als Übermittler für ihre Eier. Zehn Jahre arbeite ich nun schon im Regenwald. Ich wurde bereits von einer Tropischen Riesenameise gebissen, das ist der schmerzhafteste Stich überhaupt, aber eine Fliegenlarve wäre das zweite noch fehlende Ehrabzeichen für mich als Insektenforscher: Wenn alles gut geht, wächst sie in meinem Rücken heran und krabbelt dann raus, um sich zu verpuppen ... Hey, ich kann keine Babys auf die Welt bringen, aber eine Dasselfliege! Näher kann ich als Insektenforscher nicht am Forschungsobjekt sein.


15. März

Habe ein wenig Tiefenrecherche betrieben. Wow, mein Baby sieht ... nicht sehr hübsch aus. Ein unförmiges Etwas mit vielen kleinen Stacheln. Die Larve hat Widerhaken, mit denen sie sich festkrallt. Und sie ernährt sich von lebendem Gewebe. Von mir. Sie ist tatsächlich: mein Fleisch und Blut.


16. März

Ich spüre nichts mehr! Kein Stechen, kein Kribbeln. Habe ich mich zu früh gefreut? War ich kein guter Fliegen-Vater? Bin sehr enttäuscht.


17. März

Mein Geburtstag! Und es kribbelt wieder! Was für ein Geschenk! Alle anderen Moskitostiche sind weg. Ich bin mir aber noch nicht zu 100 Prozent sicher, ob es eine Dasselfliege ist. Mit der Makrolinse meiner Kamera inspiziere ich die rote Stelle an meinem Rücken. Da ist Flüssigkeit auf der Wunde. Plötzlich streckt dieses winzige Ding etwas heraus – und ... holt Luft?! Oh. Mein. Gott. Ich bin überglücklich.


18. März

Ich erzähle meiner Frau, dass ich etwas ausbrüte. Sie findet, dass es eine gute Geschichte abgibt – bis sie draufschaut. Sie ist besorgt. Ich versichere ihr, dass das Ding nichts Schlimmes anrichten kann, dass es nicht in meinem Körper herumwandert. Unpraktisch ist nur, dass da diese Flüssigkeit austritt. Ich muss ständig die Laken wechseln. Manchmal trage ich ein Betäubungsspray auf, damit ich besser schlafen kann – und die Larve auch.


22. März

Was, wenn sie so betäubt ist, dass sie nicht mehr regelmäßig ihre Trachee zum Atmen rausstreckt? Ersticke ich sie mit dem Spray? Die Kleine soll auf jeden Fall leben! Der Schmerz ist vergleichbar mit einem Bienenstich. Manchmal schrecke ich nachts um zwei Uhr davon hoch. Manchmal durchfährt er mich, während ich eine Rede halte (etwa bei einem Spendengala-Dinner mit den wohl reichsten New Yorkern) oder bei einem Treffen mit Freunden. Erfreulicherweise zeigen die meisten Leute Interesse – obwohl ich es manchmal etwas unpassend finde, ständig vor allen mein Shirt zu lüften.


28. März

Ich wende mich für weitere Recherchen an Forschungseinrichtungen. Das weckt auch deren Interesse: Das renommierte Smithsonian Institut in Washington möchte meine Larve haben, sie konservieren und in seine Insektenkollektion aufnehmen. Für tausend Jahre! Es gebe nur wenige Exemplare in diesem Stadium, sagen sie. Und das National History Museum in New York weist mich auf eine Besonderheit hin: Seit fast vier Wochen habe ich eine offene Wunde, die sich nicht entzündet – produziert die Larve etwa ihr eigenes Antibiotikum? Konserviert man ihre DNA und RNA, könnten sie das herausfinden. Etwas, das niemand zuvor erforscht hat! Aus so einem Grund bin ich Wissenschaftler geworden! Sollte ich die Larve also entfernen lassen, statt ihr noch weiter Unterschlupf zu gewähren?


2. April

OP-Termin. Ich bin nervös. Ich habe ein paar unruhige Tage hinter mir – soll ich, soll ich nicht … gut, raus mit ihr! Der New Yorker Arzt hat so etwas auch noch nie gemacht. Für die spätere Analyse ist es wichtig, die Larve zu konservieren, während sie noch lebt. Der Arzt stochert in meinem Rücken herum, macht eine Pause, stochert wieder. Auch wenn ich betäubt bin: Es ist ein komisches Gefühl, dass da jemand versucht, etwas aus mir herauszubekommen, das sich in mir versteckt und um sein Leben ringt. Nach gut zehn Minuten hält er die Larve unversehrt mit der Pinzette hoch. Sie ist vielleicht einen Zentimeter lang und einen halben Zentimeter breit. Sie bewegt sich. Erst bin ich traurig, dann erleichtert. Das Leben mit ihr war doch etwas anstrengend. Bald werden wir sie untersuchen. Sie ist jetzt im Museum. Und damit auch ein Teil von mir.