Der Wahnsinn hat einen Namen: Whatsapp-Gruppe

Früher hatte ich mal zwei Whatsapp-Gruppen. Zwei! Eine für meine Eltern und meine Geschwister, und eine mit meinen besten Freundinnen, zum Verabreden. Heute habe ich drei Kinder und pro Kind wurde ich ungefragt in zwanzig WhatsApp-Gruppen eingeladen. Einladen klingt so nett. Dabei ist es das gar nicht! Jedes Mal, wenn es wieder passiert, fühle ich mich, als würde mich jemand vom Sofa kidnappen und auf irgendeine Party verschleppen, auf die ich (meist) gar keinen Bock habe. Mit Türsteher vor dem einzigen Notausgang, der dir mit warnendem Blick klarmacht: Wenn du jetzt aussteigst, werd ich das allen sagen. Allen! Schriftlich! Und sie werden dich scheiße finden. So richtig scheiße! 

von Marie Stadler

72 Nachrichten in Abwesenheit. Schockt mich rein gar nicht, ist nämlich der Normalfall, seit ich Mutter bin. Während irgendein Hans Müller mit irgendeiner Grete Steinhöfel diskutiert, ob die Klassenlehrerin von Ida suspendiert werden müsste, erörtert man im Turnchat, ob der neue Turnierbody der U7 mit hohem Kragen besser aussieht als der mit dem etwas tiefer ausgeschnittenen. Habe keine Meinung dazu, soll aber eine äußern. Ines aus dem Krabbelgruppenchat fragt, was man bei Kotzeritis macht. Hatte ihr Kind irgendwie noch nie, rund vierzehn Mütter haben da aber schon genug Erfahrung, um ein bis zweiundzwanzig Tipps zu geben. "Vomex", schreibe ich, um auch mal wieder was gesagt zu haben, ernte dafür aber heftigen Shitstorm. Ob ich denn eine von den Muttis sei, die auch bei Erkältung sofort Antibiotika geben, will man wissen. "Klar" schreibe ich und schalte die Gruppe lieber lautlos. Währenddessen fragt man sich im Chat meiner kinderlosen Freundinnen, warum ich noch immer nicht gesagt habe, ob ich am Samstag mit tanzen gehe und im Familienchat ist gerade meine Schwester beleidigt ausgetreten. "Nie antwortet mir einer" sind ihre letzten Worte im virtuellen Familienleben.

Drei Tage ohne WhatsApp-Gruppen

Letztes Jahr ist mal was Krasses passiert. Ich hatte gerade in der Badewanne die wichtigsten 98 Nachrichten beantwortet, da hat mein Handy plötzlich blubbernd die Titanicnummer abgezogen. Ist einfach abgesoffen. Um die unerträgliche Spannung zu nehmen: Nach drei Tagen war ich wieder online. Aber was in den drei Tagen dazwischen passiert ist, war unglaublich! Ich schwöre, dass ich die Wahrheit sage, es ist wirklich genau so gewesen, auch wenn es absurd klingt: Die Welt ist NICHT untergegangen. Man hat in dieser Zeit ohne mich entschieden, was man unserem Chef zum Geburtstag schenkt. Meine Tochter hat Nele zum Geburtstag was Überraschendes geschenkt und nicht das, was sie sich gewünscht hat - war aber auch mal schön, sagt Neles Mutter. Ich habe eine Grillparty verpasst und hatte an diesem Abend Zeit, mal wieder zwei Kapitel in meinem Buch zu lesen. Total verrückt. 

Es war, als hätte ich gesagt, dass ich nach Australien auswandern will.

Nach drei Tagen ist dieses bescheuerte Handy doch tatsächlich wieder getrocknet. Einfach so, ohne Vorwarnung ging es wieder an. Mit 1287 ungelesenen Nachrichten. Und ich habe mich entschieden, auszusteigen. "Ihr Lieben, ein Leben ohne WhatsApp erscheint lebenswerter. Tschüss!" An diesem Tag habe ich gelernt, dass wir in der Zukunft angekommen sind. Der Unterschied zwischen WhatsApp und dem echten Leben ist offensichtlich nicht mehr besonders groß.

Es war, als hätte ich gesagt, dass ich nach Australien auswandern will. Eine neue Identität annehmen. Meinen Namen ändern. Die Reaktionen auf meinen drohenden Whatsapp-Ausstieg reichten von entsetzt (Oh mein Gott!!!) über wütend (Keinen Plan, was wir Dir getan haben, dass Du so krass eskalierst!) bis hin zu bewundernd (Ich wäre so gerne so mutig wie du!). Und mir wurde klar: WhatsApp ist nicht einfach nur WhatsApp. Bei WhatsApp zu sein ist sowas ähnliches, wie die Demokratie anzuerkennen. Jeder, der es verweigert, stellt unweigerlich das Leben der anderen in Frage.

Als ich verstanden habe, dass diese Gruppen offensichtlich zu meinen Bürgerpflichten gehören, habe ich zähneknirschend meine mittlerweile 1476 Nachrichten beantwortet und gesagt, dass ich nur einen Scherz gemacht habe. "Heftig, für einen Moment hab ich gedacht, du würdest es wirklich tun!", schreibt ein Vater aus dem Kita-Elternbeirats-Chat, den ich nicht kenne. "Ach was, ich hab einfach ´nen schrägen Humor", antworte ich. "Echt schräg", schreibt er, "sowas kannste doch nicht einfach sagen!" Nee, natürlich nicht, das ist mir jetzt auch klar. Wenn man einmal in der WhatsApp-Sekte ist, sind Ausstiegsversuche offenbar zwecklos. Trotzdem nehme ich mein Handy seither immer wieder mit in die Badewanne. In der Hoffnung, dass es irgendwann nochmal versinkt. Ich weiß, spätestens wenn die nächste Erzieherin Geburtstag hat, wird es passieren. Und die Welt wird sich weiterdrehen. Vielleicht.