Diagnose MS: Um die Welt reisen – oder alles beim Alten lassen?

Als unsere Autorin die Diagnose Multiple Sklerose bekam, wollte sie ihr Leben radikal ändern. Und tat es dann doch nicht. Wieso eigentlich nicht?

von Rebekka Korthues

Bis zu dem Tag, an dem ich auf tauben Beinen ins Krankenhaus ging und sie mich nicht wieder nach Hause ließen, lebte ich in Lissabon gerade meinen Traum: Ich hatte einen ungeliebten Job in Deutschland gekündigt, war nach Portugal gezogen und arbeitete als Köchin in einem Café. Ein einfaches Leben, ein schönes Leben.

Nach unzähligen, teils sehr schmerzhaften Eingriffen und Tests war klar: Statt eines eingeklemmten Nervs steckt eine chronische neurologische Erkrankung namens Multiple Sklerose hinter meinen Symptomen. Mein Immunsystem greift mein Gehirn an, zerstört die Schutzschicht um meine Nerven und behindert sie so in ihrer Arbeit. Niemand konnte mir sagen, wie es weitergeht.

Wenn das Leben sich nicht an die Regeln hält, müssen wir es auch nicht – oder?

 Wann würde ein neuer Krankheitsschub mich lahmlegen? Welche Symptome kommen als Nächstes? Ich musste mich darauf einstellen, dass ich plötzlich, eines Morgens, nicht richtig sehen könnte. Oder laufen. Oder die Hand bewegen. Für den Rest meines Lebens wird mich diese Diagnose begleiten wie ein böser Geist. Jeden Tag derselbe Gedanke: Heute ist nichts passiert. Aber vielleicht morgen?

Eine schwere Krankheit birgt ein hohes revolutionäres Potenzial. Denn wir alle haben eine Vorstellung davon, wie unser Leben verlaufen wird. Schicksalsschläge gehören nicht zum Plan. Wir bauen Häuser, leihen große Summen Geld, bekommen Kinder, freuen uns auf den Ruhestand – vertrauend auf eine unausgesprochene Abmachung, die wir mit dem Leben getroffen haben. Passiert doch etwas, ist plötzlich nichts mehr sicher. Denn wenn das Leben sich nicht an die Regeln hält, müssen wir es auch nicht – oder? Genauso war es bei mir. 

Muss ich weiterhin an der Ampel auf Grün warten?

Natürlich hatte ich Angst, aber ich war auch empört und fragte mich: Muss ich weiterhin an der Ampel auf Grün warten? Nicken und mir meinen Teil denken, wenn der Chef mich niedermacht? Gesetze befolgen, mich hinten anstellen? Wenn das Leben so kurz und so chaotisch ist, warum sollte ich? Ich hatte wirklich Gedanken wie: „Ich sollte eine Bank überfallen und mit dem Geld einfach um die Welt reisen.“ Allerdings ist meine Krankheit nicht tödlich, die Prognose recht gut. Daher entschied ich mich vorerst gegen ein Leben im kriminellen Untergrund, schwor mir aber, keine Kompromisse mehr zu machen, was mein Glück angeht.

Nie wieder würde ich in einem Job ausharren, den ich gar nicht will, nicht den Mut haben, Nein zu sagen, nachts wach liegen und mir ein anderes Leben wünschen – und dann doch nichts ändern. Die andere Seite in mir wünschte sich Sicherheit. Ich wollte einen Neurologen finden, der mich auf meine Medikamente einstellt. Einen Job, um Geld zu sparen. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen. Meine Verhältnisse ordnen.

Ich verließ Lissabon und kehrte nach Berlin zurück. Der Anfang war furchtbar. Ich war pleite und deprimiert, und es erschien mir, als gingen die Menschen um mich herum wie Blinde durchs Leben, alle mit demselben Ziel: Kredit abstottern, Zusammenbleiben für die Kinder und Reisen im Ruhestand. Ich wollte sie schütteln und sagen: „Wacht auf, das hier, das ist dieses Leben, von dem immer alle reden. Heute. Jetzt. An dieser Bushaltestelle.“

Das Leben ist doch jetzt zu kurz für alles andere

Aber die Zeit verging, und nach einer Weile merkte ich, dass mir die Rückkehr in meine Strukturen und Routinen guttat: Freunde, Familie, Job. Das ganz normale Leben eben.

Es gab Freunde, die sagten: Scheiß doch auf alles, mach nur noch, was du willst. Das Leben ist doch jetzt zu kurz für alles andere. Genau meine erste Reaktion auf die Diagnose. Aber ich war mittlerweile sicher: Das hier, mein Leben, war doch genau das, worauf ich mich immer gefreut hatte. Familie und Freunde, Karriere und Erfolg, vielleicht ein Haus mit einem Garten und einem faulen Hund unter einer gemütlichen Bank. Zelten und Grillpartys, gedeckte Tische, gemachte Betten. Bilderrahmen und Kochbücher, Nudeln in Einmachgläsern, Geburtstage und Weihnachten, Kinder und Enkelkinder. Dinge, die man sich erarbeiten muss, die manchmal langweilig sind. Aber für die es sich zu leben lohnt. Ganz normal, ohne Abkürzungen.

Ich bin klarer geworden, in Gesprächen, in Beziehungen

Was nicht heißt, dass ich nichts geändert habe: meinen Beruf beispielsweise. Ich schreibe jetzt für Geld, und damit habe ich mir einen Traum erfüllt. Ich bin klarer geworden, in Gesprächen, in Beziehungen. Sage, was ich denke, sage Verabredungen ab, wenn ich müde bin. Und manchmal sage ich einfach Nein. Trotzdem: Mein Leben verläuft noch immer sehr normal – kein Banküberfall in Sicht. Vor Kurzem habe ich eine Familie gegründet, ich gehe zum Baby-Musikkurs, tanze wie eine Bekloppte mit anderen Mamas im Kreis und tue, als wäre ich ein Schmetterling. Ich schaue „Tatort“, ich fliege mit Easyjet, und ich ärgere mich, wenn der Bus nicht kommt.

Was mir meine Krankheit gezeigt hat? Dass das einfache, stinknormale Leben viel mehr wert ist, als ich dachte. Vielleicht ist es keine schlechte Idee, sich das ab und zu bewusst zu machen.


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