VG-Wort Pixel

Einfach mal abschalten: Die 30-Tage-Whatsapp-Diät gegen Stress

Die 30-Tage-Whatsapp-Diät gegen Stress
© Getty Images
Unsere Autorin hat sich getraut. Sie hat einen Monat Whatsapp abgeschaltet. Was sie beim Whatsapp-Detox gelernt hat? Die Welt ist viel entspannter, wenn man mal nicht am Puls der Zeit hängt.

von Marie Stadler

Ich habe es lange angekündigt. Sie haben mir alle nicht geglaubt. Und dann hab ich es doch getan. Pünktlich zu meinem Geburtstag (um den Gipfel der Frechheit mit Pauken und Trompeten direkt an Tag 1 zu erklimmen) habe ich mein Handy ausgeschaltet. Warum ich das getan habe? Vielleicht wollte ich die Welt ein bisschen zurückärgern für all die unnötigen BINGS, die ich in den letzten Monaten viel zu wichtig genommen habe. Es passiert ja sehr schleichend, das mit dem BING-Terror, aber plötzlich überwältigt er einen, spätestens wenn man Kinder hat und sich plötzlich in dreihundertfünfzig Millionen Whatsapp-Gruppen zu den irrwitzigsten Themen wiederfindet.

Whatsapp stresst

Ach, es hatte so harmlos angefangen. Mit dem schönen Gefühl, mal ein Bildchen an Mama, eine schnelle Info an den Chef, ein kurzes „Vermiss dich“ an den Liebsten senden zu können, ohne sich lange zu verquatschen oder mit großen Bilddateien die Kapazität von GMX zu crashen. Ja, es war herrlich. Doch dann ging es los. Kennt ihr diese Leute, die nach zweiminütigem Nichtantworten drei Fragezeichen schicken? Ich kenne sie vermutlich leider alle. In meinem Leben jedenfalls sind sie eine erschreckend häufig anzufindende Spezies: die Whatsapp-Stresser. Besonders beliebt auch die Frage: „Lebst du noch?“, wenn man nicht sofort reagiert. Das Verrückte daran ist ja, dass das Leben sich manchmal ausnahmsweise ja jenseits des Smartphones abspielt. In der echten Welt. Nur leider verpasste ich die immer häufiger, weil meine Augen am Handy klebten und meine Finger über die Tasten tanzten, um ja keine drei Fragezeichen zu kassieren. Manchmal textete ich wirklich auf dem Klo. Da lag die Frage ziemlich nahe: Wie tief kann man eigentlich sinken?

Zeit für einen kleinen Social Detox

Während die Welt um mich herum sich also nach Neujahr mittels Low Carb und ekeliger goldener Milch entschlackte, Kleidergrößen verlor oder achtsamer wurde, versuchte ich, es mal langsamer angehen zu lassen mit dem Handy. Man muss ja auch nicht immer antworten, dachte ich, war aber Selbstbetrug. Denn was mich eigentlich stresste, waren ja nicht die Fragezeichen und nicht die Nachrichten, die kamen, sondern mein kranker Drang, dauernd aufs Handy zu luschern oder wie ferngesteuert andauernd den kleinen Knopf zu drücken, um das Display aufleuchten zu lassen. Forscher haben herausgefunden, dass ebendieser Knopfdruck ein ähnliches Glücksgefühl auslöst wie Schokolade und deshalb süchtig macht. Glaub ich sofort. KLICK! AAAHHH.

Ein Monat ist lang

Ich würde jetzt echt gerne differenzierter schreiben und meinen Monat in Phasen einteilen, in denen es mir mehr oder weniger schwerfiel, aber es wäre nicht ehrlich. Die Wahrheit ist: Es war geil. Und zwar vom ersten Tag an. Habe schon drüber nachgedacht, ob ich leicht soziopathische Züge habe, weil ich mit mir alleine so gut klar kam und es sogar ein bisschen genossen habe, dass offensichtlich viele Leute ohne Whatsapp völlig überfordert waren, mit mir Kontakt aufzunehmen. Möglicherweise ist das auch so. Aber völlig egal, denn ich habe drei wichtige Lektionen gelernt! Erstens: Nicht alles bedarf meiner Reaktion 2. Mein Leben ist genau so schön, wenn nur ICH mich über einen schönen Sonnenaufgang freue und nicht dreißig Whatsapp-Freunde mit mir 3. Der einzige, der einen bei Whatsapp stressen kann, ist man selbst. Denn Fragezeichen sind völlig egal, wenn man sie nicht sieht. Das Wichtigste ist aber eigentlich, dass alle anderen auch etwas gelernt haben, nämlich: Ich stehe einfach nicht permanent zur Verfügung. Und zwar nicht, weil ich nicht mehr lebe, sondern weil ich lebe. Und das ist nicht frech, nicht mutig, nicht krass, das ist gesund.

Und jetzt?

Mittlerweile ist der Monat vorbei. Nein, ich springe jetzt nicht vom digitalen Fenstersims und lösche die App, so krass bin selbst ich nicht. Aber ich habe verstanden, dass Whatsapp eigentlich nicht mehr als ein Briefkasten ist, zumindest wenn man die blöden blauen Häkchen und die „zuletzt online“-Funktion ausschaltet. Man kann ihn leeren, man kann es aber auch lassen. Wann man das tut, geht keinen was an. Wann man antwortet, genauso wenig. Und ab und an sollte man vielleicht mal digitalen Urlaub machen und die Post abbestellen. Um sich mal wieder so richtig zu entspannen. Und ja, auch ein bisschen, um die Welt zu ärgern, denn das macht viel mehr Spaß als sich über sie aufzuregen, wenn mal wieder drei Fragezeichen aufleuchten.


Mehr zum Thema


MEHR ZUM THEMA