Die Wahrheit ist: Frauen sind nie gut genug!

Schon kleinen Mädchen wird erklärt, wie sie besser sein können. Frauen müssen immer irgendwas werden, Männer dagegen dürfen gern auch mal sein. Was soll das eigentlich?

von Viola Kaiser

Letzte Woche bekam ich einen Newsletter, darin ging es ums Flirten. Genau genommen ging es darum, worauf Männer bei Frauen stehen. Ich las Ausdrücke wie  "tiefes Dekolleté", "natürliche Schönheit" und "wenig Make-up" und wurde sauer. Dann suchte ich den Teil, in dem es darum ging, auf was Frauen bei Männern stehen, fand ihn nicht und wurde noch saurer. Warum? Weil es so typisch ist, auch noch im Jahr 2019. Es gibt eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie Frauen sein sollen,  und die ist nicht ausschließlich aber vor allem auch von Männern vorgegeben. Dazu gehört natürlich aber schön, schlank aber nicht zu dünn, klug aber nicht zu ambitioniert, durchsetzungsstark aber nicht zu bossy, gefällig aber nicht langweilig zu sein, unter anderem. Außerdem sollen Frauen Familie und Kinder haben, aber bitte nicht zu viele davon, sie sollen arbeiten, aber das auch nur möglichst wenig, sie sollen sexy sein, aber jetzt auch bitte nicht zu doll. 

Es reicht nie!

Jetzt, mal ehrlich, das kennt doch jede: Singles werden ständig gefragt, wann sie endlich einen Mann haben. Frauen mit Freunden werden dauernd gefragt, wann sie heiraten. Verheiratete werden regelmäßig gefragt, wann sie Kinder kriegen. Frauen, die ein Kind haben, werden gefragt, wann das zweite kommt. Nur Frauen, die das dritte kriegen, werden etwas befremdlich angeguckt. Mehr als zwei Kinder passen anscheinend wiederum nicht in das Bild der deutschen Vorzeigefamilie. Wenn wir über 60 sind, werden wir vermutlich permanent gefragt, wann wir endlich Oma werden. Wenn eine Frau gar nicht arbeitet, wird gefragt, wann sie wieder arbeitet. Wenn sie voll arbeitet, ob sie ihre Kinder genug sieht. Diese Liste könnte ich unendlich weiterführen. Nicht, dass es entscheidend wäre, was andere fragen oder wollen, aber es zeigt deutlich, dass es nie, wirklich niemals, reicht.

Wir werden an jeder Straßenecke daran erinnert, dass wir etwas zu verbessern haben

Ich will hier gar nicht rumjammern, ich möchte es nur einmal aufschreiben, weil es mir schon seit Jahren unter den Nägeln brennt. Tatsächlich werden wir an jeder Straßenecke daran erinnert, dass wir echt noch was zu verbessern haben. Die Struktur unseres Hinterns (Bodylotion), unsere Sexyness (Dessous) oder  unser Gesicht (Anti-Falten-Creme) ist in jedem Fall zu optimieren, das ist klar. Die Frage ist nur, wofür noch mal. Theoretisch könnte man das natürlich auch alles lassen und eben so sein, wie man morgens eben einfach aussieht. Mir schwant nur, dass die Leute aus dem Newsletter etwas ganz anderes unter natürlicher Schönheit verstehen als ich. Dazu kommt, dass man, wenn man nicht natürlich schön genug ist, eben schon mal nicht genug ist. Wenn man schön genug ist, ist man vermutlich nicht schlau genug. Wenn man aber beides ist, ist man im Zweifelsfalle eine schlechte Mutter. Das geht immer. Wenn wir nur Hausfrauen sind, sind wir eben "nur" Hausfrauen. Wenn wir arbeiten, sind wir ehrgeizige Karrierefrauen. Tatsächlich wird uns permanent suggeriert, dass wir nicht genug sind, dass wir noch irgendetwas werden müssen – wenn auch nur straff. Optimieren, optimieren, optimieren! Das Männer übrigens mittlerweile in manchen Teilen ähnliche Probleme haben, auch ein bisschen jünger, fitter, schicker sein müssen als noch vor 20 Jahren macht es keinesfalls besser. Außerdem geht es hier darum gar nicht.

Wenn Männer einen dicken Bauch haben, dann ist das irgendwie total gemütlich

Wir Frauen werden darauf getrimmt, immer anders zu sein als wir sind, besser zu werden, irgendwie eine andere zu werden – auch wenn wir schon super sind. Vielleicht weil wir es uns wert sind. Vielleicht aber auch nur, um uns ewig in Schach zu halten, damit wir ja nie zur Ruhe kommen, immer etwas kaufen, ändern, noch viel optimaler gestalten könnten – und vielleicht feststellen, dass diese ganze patriarchalische Gesellschaft gar nicht so geil ist. Zumindest, wenn man kein Mann ist. Männer dürfen nämlich auch einfach mal sein wie sie sind. Wenn die einen dicken Bauch haben, dann ist das im Normalfall immer noch irgendwie total gemütlich oder ganz niedlich. Wenn die keine Kinder oder keine Frau haben,  ist das völlig okay. Sie werden dann auch nicht als "alte Junggesellen" bezeichnet – was das noch sehr charmantes Äquivalent zur alten Jungfer wäre, das aber nicht mal existiert. 

Ihr könnt genau so bleiben wie ihr seid! Ohne dass irgendjemand "Du darfst" sagt

Deswegen möchte ich hier allen, aber besonders meinen und unseren Töchtern, sehr laut zurufen: Ihr könnt genau so bleiben wie ihr seid! Ohne dass irgendjemand "Du darfst" sagt. Und ihr könnt auch gern irgendwas werden. Aber nur wenn ihr das auch wollt. Auf gar keinen Fall aber solltet ihr tiefe Dekolletés tragen oder Kinder kriegen oder den Mund halten, weil irgendjemand das möchte oder etwa 80 % der Männer darauf stehen – wie es mir dieser unsägliche Newsletter suggeriert hat. So, das musste ich mal loswerden. Danke fürs Zuhören!