Die Wahrheit ist: Ich bin eine Helikopterfreundin

Unsere Autorin will am liebsten alle Probleme der ganzen Welt lösen – und überschreitet dabei manchmal aus Versehen die ein oder andere Grenze. Versehentlich natürlich.

von Viola Kaiser

Als ich etwa 20 war, hatte ich mal einen Chef, der sagte immer: "Was ist das Gegenteil von gut gemeint?" Dann machte er eine theatralische Pause und seufzte: "Gut". Ich befürchte, dass manche meiner Freunde bei diesem Spruch an mich denken müssten. Ich fühle mich nämlich für alles und jeden verantwortlich. 

Ich muss mich anstrengen, um mich rauszuhalten

Ich muss mich sehr anstrengen, mich rauszuhalten, wenn es um Menschen geht, die mir etwas bedeuten. Obwohl ich natürlich weiß, dass manche Sachen mich überhaupt nichts angehen. Wenn zum Beispiel einer meiner Freunde ein Vorstellungsgespräch um 15 Uhr hat, bin ich die, die um 15.05 Uhr schreibt "Und? Wie wars?". Ich bin schlimmer als meine eigene Mutter.

Wenn einer meiner Freunde einen Job sucht, fange ich an mich überall umzuhören. Tatsächlich habe ich es schon etwa fünfmal so geschafft, Leute zusammenzubringen, die sich sonst vielleicht nie getroffen hätten. Allerdings bringt das natürlich mit sich, dass ich manchmal mit den Chefs von meinen engsten Freunden befreundet bin, was nicht immer leicht ist. Zumal ich Schwierigkeiten habe, Leute in ihr Unglück rennen zu lassen. Am liebsten würde ich deswegen Manual herstellen, mit allen Details, wie XX in problematischen Situationen zu handhaben ist – oder mich am besten direkt in den ersten Tage daneben stellen. Nach einiger Zeit schaffe ich es aber loszulassen, das muss sein, ich weiß. 

Mir fehlt ein Abgrenzungsgen

Sobald einer von meinen Freunden Liebeskummer hat, leide ich übrigens nicht nur unsäglich mit, ich scanne im Kopf gleich durch, wer aus meinem Bekanntenkreis zu ihr oder ihm passen würde. Mir fehlt offensichtlich ein Abgrenzungsgen. Allerdings muss ich zu meiner Verteidigung sagen, dass ich ernsthaft versuche, Leute nicht in blöde Situationen zu bringen, sondern wirklich immer nur, sie glücklich zu machen. Bis zu einem gewissen Grad schaffe ich sogar mich zurückzuhalten, ehrlich. Aber ich möchte leider auch sehr viel wissen. Es geht ja um meine Freunde, um die Menschen, die mir wichtig sind.

Um mal zu erklären, dass ich nicht nur nervig bin, muss ich vielleicht erläutern, dass ich auch in Sachen Amor schon erfolgreich gewesen bin. Einmal hat das übrigens mit der Kombination Single-Freundin und Single-Freund ganz nach Drehbuch geklappt. Sehr gut sogar. Die beiden sind wahnsinnig  verliebt. Was dazu führt, dass ich am liebsten schon für sie eine gemeinsame Wohnung suchen und die Hochzeit organisieren möchte. Was ich natürlich nicht tue, weil ich nicht nur eine Helikopterfreundin bin, sondern auch weiß, dass diese beiden Mitte 30-Jährigen klug genug sind, ihre eigene Beziehung zu führen. Außerdem hat mein Mann mehrfach zu mir gesagt: "Du hältst dich da raus, Viola! Versprich mir das!" – und der hat meistens recht. 

Auch wenn eine Freundin ein Kind bekommt, ist es sehr schwierig, weil ich dann am liebsten im Kreißsaal dabei wäre und es einfach nicht lassen kann, schrecklich nervige Besserwisser-Mütterratschläge zu geben. Ich sehe mich da als Experten und möchte einfach alle an diesem sehr mühsam erworbenen Wissen teilhaben lassen. Ich hoffe, man verzeiht mir das. Ich weiß, das alles hier klingt etwas zwanghaft. 

Mein Distanzproblem hat auch gute Seiten 

Auch wenn ich der aufdringliche Typ Freundin bin, hat mein Distanzproblem auch positive Seiten. Meine Grenzen dürfen jederzeit überschritten werde, ich bitte sogar darum. Alle dürfen sich einmischen. Alle sollen ruhig zu mir kommen, über alles mit mir reden,  alles nachfragen. Ich möchte, dass eine Freundin nachts um 3 anruft, wenn es ihr nicht gut geht. Ehrlich. Ich bin sicher, ich wüsste sogar noch schlafend und im Traum, um welches Problem es gehen könnte. Ich bin schließlich eine Helikopterfreundin.