Die Wahrheit ist: Mit dir zusammen zu sein ist hart

Zum Valentinstag schnulzige Worte auf kleine Pappherzen schreiben? Nach vielen Jahren Ehe sind vielleicht ein paar mehr Worte (und auch nicht nur schöne) nötig, um die Sache mit der Liebe zu verstehen...

von Miriam Kühnel

Wenn unser Leben ein Hollywood-Film wäre, dann hätte dieser Film mit der Szene im Japanischen Garten enden müssen. Mit diesem innigen Moment, in dem wir vor vielen Jahren beschlossen, gemeinsam eine Familie zu gründen. Wir kannten uns viel zu kurz, um eine solche Entscheidung zu treffen, das wussten wir beide auch damals schon. War uns völlig egal. Deiner Augen wegen. Meines Temperamentes wegen. Einfach, weil es sich gut anfühlte. Ja, das ist der Stoff, aus dem Hollywood schöpft: Verwegene Träume, die ganz große Liebe und die dazugehörige Unvernunft. Und SCHNITT! Abspann. Hach, war das schön, Danke und Auf Wiedersehen. 

Jetzt hat der Film ganz andere Szenen

Die Szenen, die man heute Nacht in unserem Haus hätte drehen können, haben durchaus auch Unterhaltungswert, würden vielleicht aber eher in die Kategorie Melodramatische Comedy fallen (falls es sowas überhaupt gibt). Das jüngste Kind kotzt sich die Seele aus dem Leib, ich brülle "Schnell, ich brauche einen Eimer!". Du stehst in Zeitlupe auf, schüttelst den Kopf, reichst mir ählich schnell wie Flash aus Zoomania den Eimer und murmelst grummelnd, dass es keinen Grund gibt, panisch rumzuschreien, während ich weiter panisch rumschreie. Nachdem wir drei weitere Male genervt und schweigend das Bett neu bezogen haben, hole ich Vomex Saft aus dem Schrank. Du wirfst mir vor, die Kinder zu sehr an Medizin zu gewöhnen. Ich werfe dir vor, keine Ahnung zu haben und gebe dem Kind Vomex. Das Kind gibt dir recht, indem es das Zeug sofort wieder ausspuckt. Ich keife: "Wir haben keine Bettwäsche mehr!" Du sagst: "Kein Grund, so durchzudrehen."

Du bist so ... anders als ich

Früher fand ich nicht, dass du so langsam wie das Zoomania-Faultier bist. Ich fand dich besonnen. Früher hast du mir auch nicht vorgeworfen, panisch zu sein oder durchzudrehen. Du mochtest mein Temperament. Jemanden aus der Ferne anzuhimmeln, ist so viel leichter, als mit diesem Jemand unausgeschlafen ein gutes Kotz-Bett-neu-bezieh-Team abzugeben.

Irgendwann haben wir mal einen Persönlichkeitstest im Internet gemacht und herausgefunden, warum wir so oft uneinig sind: Du bist introvertiert, ich extrovertiert. Du magst Fakten, ich Gefühle. Du lebst im Moment, ich in der Zukunft. Einzig unser leichter Hang zu einem chaotisch-spontanen Leben eint uns, wenn man diesen Test fragt. Den Teil "Passt ihr zueinander?" haben wir dann doch lieber übersprungen.

Entspannt und zufrieden mit dir

Manchmal ertappe ich mich dabei, an meine Ex-Freunde zu denken. Die waren Künstler, extrovertiert, haben Songs geschrieben, mit mir über das Leben und die Liebe sinniert. Du sinnierst nicht lange, du bist klarer als jeder Bergsee. Letztens habe ich dich gefragt, in welchen Bereichen du dich dieses Jahr weiterentwickeln möchtest. Du hast gesagt, dass du eigentlich ganz zufrieden mit dir bist. "Vielleicht", hast du dann doch noch hinzugefügt, "könnte ich manchmal entspannter sein." Ich musste so lachen, denn erstens kenne ich keinen Menschen, der entspannter ist als du und zweitens könnte ich dir eine seitenlange Liste geben mit Dingen, die du bitte gerne mal noch lernen könntest. Zu meiner Verteidigung: Ich hab so eine Liste auch über mich selbst. Ich bin nicht stolz drauf. Aber ich habe sie. 

Warum es trotzdem keinen anderen geben kann

All das, was sich wie ein Abgesang der Liebe anhört, ist im Grunde das Gegenteil. Du, dieser selbstzufriedene, faultierlangsame Im-Moment-Leber, du, der du mich mit deiner Ruhe und Schweigsamkeit so oft in den Wahnsinn treibst, genau du und kein anderer gehörst zu mir. Und zwar genau deshalb, weil du nicht so bist wie ich dich gerne hätte. Weil du mir zuhörst, anstatt so viel zu reden wie ich. Weil du keine Liste über mich in dir trägst mit Dingen, die ich an mir ändern soll. Weil du nicht mit mir in Panik gerätst und weil du allerhöchstens unser Jetzt in Frage stellst, aber nie unsere gemeinsame Zukunft. Weil du in meinen Jogginganzug keine Lieblosigkeit interpretierst und so selbstzufrieden bist, dass es dir nicht im Traum einfiele, eifersüchtig zu sein, wenn ich mich mit meinem Künstler-Ex -Freund treffe. All das, was ich so unglaublich doof finde an dir, ist genau das, was ich brauche, um ganz ich sein zu können. 

Lass uns keine Schnulzen mehr gucken

Es gibt gute Gründe, keine Schnulzen mehr zu gucken. Früher hab ich  diese Filme und Liebesromane sehr geliebt. Heute finde ich sie meist ein bisschen lächerlich. Nicht weil ich verbittert bin von der Liebe, sondern ganz im Gegenteil: Weil ich inzwischen weiß, dass die Liebe weit jenseits der Hochzeitsglockenszene beginnt. Doch mit diesen Glocken hören die Filme leider meist auf. Was danach passiert? Das wäre die interessantere Geschichte. In "Immer Ärger mit 40" zum Beispiel wird sie erzählt. Vielen Dank für solche Glanzparaden im Schundfilmsegment, Hollywood! Wir haben sehr gelacht und uns wiedererkannt. Vor ein paar Monaten habe ich auch einen Abschnitt in einem Buch gefunden, der meine Wahrheit über die Liebe nicht besser beschreiben könnte:

"Sie verspüren geradezu euphorische Loyalität gegenüber dem, was sie gemeinsam aufgebaut habe: ihre streitbare, zerbrechliche, von Lachen erfüllte, törichte, schöne Ehe, die sie lieben, weil sie so unwiederbringlich und schmerzlich ihr eigen ist"

aus "Der Lauf der Liebe" von Alain de Botton

Ich habe dir den Abschnitt vorgelesen und du hast leise gelacht über unsere Ehe, die so unwiederbringlich und schmerzlich unser eigen ist. Ich glaube, genau dieses Gefühl (und nicht die Hollywoodhochzeitsglocken) feiern die meisten Paare am Valentinstag. Vielleicht auch nur mit einem kurzen, vertrauten Lächeln über dieses ganze TamTam. Wirklich groß ist nämlich nur die schlachterprobte, vernarbte Version von Liebe. Das weiß man erst, wenn man sie kennt. Und es ist gut, sie zu kennen. Auch wenn es manchmal hart ist. Für uns beide. 


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