Diese eine Sache sollte man als beste Freundin können

Gute Freunde sind die, die einem zuhören, die immer einen Rat haben, die uns gut trösten können? Stimmt nur so halb, sagt unsere Autorin. Sie findet: Gute Freunde sind vor allem die, die es mit dir aushalten, dass du auch mal traurig bist. Traurigkeit und Melancholie haben nämlich ihren Sinn.

von Marie Stadler

Ich bin manchmal keine gute Freundin. Ich weiß das, und trotzdem ist es schwer, etwas zu ändern. Wenn meine beste Freundin traurig ist, dann halte ich das nur sehr schwer aus. Sie ist ganz sicher die Stärkere von uns beiden, hat irgendwie immer den Durchblick und verlangt viel Disziplin von sich selbst. Wenn sie am Boden ist, dann gerät auch meine Welt ins Wanken. Also fange ich an, die Situation zu analysieren, denke lösungsorientiert und bombardiere sie mit hundert verschiedenen Lösungsansätzen für ihr Problem. Früher fand ich mich super in dieser Rolle. Dann wurde ich Mutter und habe gelernt, dass das ganz schön egoistisch ist. Manchmal will man ja auch einfach mal traurig oder grundlos melancholisch sein, ohne dass einem einer mit Lösungen verwirrt.

"Warum darf dein Kind nicht einfach mal wütend sein?"

Es war genau ein Satz, der mein Selbstverständnis als gute Freundin ordentlich durcheinandergerüttelt hat. Ich versuchte verzweifelt, mein schreiendes Baby zu beruhigen, als meine Hebamme mir diese eine Frage stellte: "Warum darf dein Kind nicht einfach mal wütend sein?" Ich war irritiert. Ja, warum eigentlich nicht? Dieser kleine Mensch hat keine Worte, um sich einfach mal über das Leben, die Bauchschmerzen und überhaupt alles einfach mal aufzuregen. Natürlich schreit mein Kind! Das tu ja selbst ich manchmal, obwohl ich sehr wohl die Ressourcen hätte, mich adäquat auszudrücken. Seit diesem Tag versuchte ich, meinem Kind die Freiheit zu geben, auch mal alles doof zu finden und das auch lautstark auszudrücken.

Für Lösungen muss man bereit sein

Und dann kam sie - die erste Krise meiner besten Freundin. Ich nahm mir ganz fest vor, sie traurig sein zu lassen. Einfach bei ihr zu sein. Ihr zuzuhören, ohne eine Antwort zu suchen. Mal keinen Rat zu geben, der sofort alles in einem rosafarbenen Licht erscheinen ließ. Uff. Ganz ehrlich - ein Marathonlauf in der Sahara wäre mir vermutlich ähnlich schwer gefallen wie dieses Vorhaben. Wenn man sein ganzes Leben darauf geeicht war, möglichst allen Schmerz dieser Welt zu lindern (das Helfersyndrom hat in mir einen sehr guten Gastwirt gefunden), ist es wirklich nicht einfach, Traurigkeit auszuhalten. Man hat es ja auch nie geübt. Hilflos saß ich also neben meiner Freundin, reichte ihr Taschentücher und biss mir auf die Zunge. Irgendwann kamen keine Tränen mehr. Sie lachte sogar ein bisschen über ihr eigenes Drama. "Und was soll ich jetzt machen?" Erleichtert stellte ich fest, dass mein Talent als lebender Sprüchekalender auch dann zum Einsatz kommt, wenn man erst einmal nur zuhört. Ratschläge sind ja nicht schlecht. Aber für Lösungen muss man bereit sein. Und das braucht manchmal seine Zeit.

Fragen wiegen mehr als Antworten

Noch etwas, was ich im Laufe meiner langjährigen Trösterkarriere gelernt habe: Fragen wiegen mehr als Antworten. Hätte meine Hebamme den gleichen Hinweis als Ratschlag formuliert, wäre ich eventuell pikiert gewesen. "Lass dein Kind doch einfach mal wütend sein!", das schreit ja geradezu nach Rechtfertigung. Was hätte ich gesagt? Hätte ich mich gewehrt? Mich angegriffen gefühlt? Vielleicht. Auf jeden Fall hätte ich nicht so frei und unvoreingenommen darüber nachgedacht. Dass Menschen besser und vor allem nachhaltiger lernen, wenn sie selbst über die Lösung nachgedacht haben, weiß jeder Mathelehrer. Aber auch wenn es nicht um Potenzen, Wahrscheinlichkeit und Geometrie geht, sondern um das eigene Leben, wirkt eine Frage viel nachhaltiger als eine Aussage. Denn sobald das Gehirn mit einem Fragezeichen konfrontiert wird, beginnt es, zu arbeiten, selbst Lösungen und Antworten zu suchen. So sind wir einfach programmiert. Und oft kommt die beste Freundin dann ganz von alleine auf die Kalenderspruch-Weisheiten. Auch das muss man dann manchmal einfach aushalten können, nicht die Freundin mit dem tollen Einfall gewesen zu sein, sondern nur die Freundin von der, die selbst einen tollen Einfall hatte. Ein Gedanke, der beim Aushalten hilft: Die wahre Größe eines Menschen zeigt sich daran, wie groß er die Menschen um sich herum sein lässt. Wahr, oder?

... (Irgendwo muss man seine Kalender-Weisheiten ja loswerden. Warum nicht mal hier?)